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Pegida
Mit Pegida wächst aus Dresden heraus eine Bewegung aus Nazis und Wutbürgern.

17. November 2015

Pegida : „Verdammt, das kippt“

 Von 
Pegida-Demonstration am 16.November: " Die Übergriffe haben zugenommen. Die Verachtung hat zugenommen."  Foto: AFP

Robert Koall ist Chefdramaturg am Schauspiel Dresden. "Pegida ist unser tägliches Thema", sagt er. Die Stadt nimmt er als tief gespalten wahr, dabei seien die Demonstrationen nicht einmal das größte Problem.

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Für einen Augenblick hängt die Frage in der Luft wie die Regenwolken im Himmel über Dresden. Die Frage lautet: Wie konnte das passieren? „Das ist eine Frage, auf die ich keine Antwort habe“, sagt Robert Koall. „Das hätte ich nie für möglich gehalten.“ Nach einem kurzen Schweigen fragt er ratlos zurück: „Haben Sie eine Antwort?“

Die Frage lautet, wie es denn sein könne, dass am Tag nach dem Attentat auf die Kölner Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker nur 40 Prozent der Wahlberechtigten wählen wollten, während 60 Prozent darauf verzichteten, das erwartete Zeichen gegen den Rechtsextremismus und für die Demokratie zu setzen. Und das in jener Stadt am Rhein, die sich auf ihre Liberalität manches, wenn nicht alles zugutehält – ja die, wie Koall es ausdrückt, zuweilen „besoffen“ sei „von der eigenen Toleranz“.

Zwei Ecken weiter ruft Pegida Parolen

Die Frage liegt auf der Hand. Denn Koall ist Kölner und lebt in Dresden. Wir sitzen – es ist der 9. November, der Jahrestag der Reichspogromnacht – im vierten Stock des Dresdener Schauspielhauses am Postplatz, wo der 43-Jährige mit grünem Cord-Jackett und Nickelbrille seit sechs Jahren als Chefdramaturg beschäftigt ist und sich als Pegida-Kritiker exponiert hat. Es ist mild an der Elbe, beinahe schwül. Das Laub auf den Straßen riecht modrig.

Im Treppenhaus hängen Flyer. Darauf steht: „Wehret den Anfängen. Herz statt Hetze.“ Und: „Montagscafé: Refugees are welcome here.“ Zwei Ecken weiter ist der Theaterplatz mit der Semperoper, wo eine Stunde später ein in Meißen gemeldeter Kleinlaster vorfährt und ein Mann in schwarz-rot-goldener Bommel-Mütze damit beginnt, die Lautsprecheranlage aufzubauen. Mit Hilfe dieser Anlage wird die Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling kurz darauf über den Platz rufen, mit dem nationalsozialistischen „Schuldkult“ müsse endlich Schluss sein. Eine NPD-Parole.

Koall, der Kölner, wird nach langer Wanderschaft im Sommer nächsten Jahres ins Rheinland zurückkehren, genauer: ans Schauspielhaus in Düsseldorf. Und da wäre es schon gut zu wissen, ob die Gewissheit noch Bestand hat, wonach es aus diesem Dresdner Pegida-Gefängnis einen Ausgang gibt – oder ob sich das Gefängnis langsam, doch unaufhaltsam in den Rest der Republik ausdehnt.

Als Koall 2009 nach Dresden wechselte, da war er bereits in Hamburg, Zürich und Hannover engagiert, hatte zeitweilig mit dem inzwischen verstorbenen Christoph Schlingensief zusammengearbeitet. Auf dem Boden seines Büros steht ein Plakat mit dem Konterfei des ebenfalls toten Schriftstellers Wolfgang Herrndorf, der mit dem Roman „Tschick“ Furore machte. Die beiden waren befreundet. Koall hat „Tschick“ für die Bühne bearbeitet.

Die Stadt war ihm nicht unbekannt. Die Großeltern hatten hier gelebt. Der Vater hatte hier nach der Wende zwei Jahre als Richter gearbeitet. Die fünfeinhalbjährige Tochter ist hier geboren. Zürich und Hannover seien „ihm ein bisschen egal“ gewesen, sagt er. Bei Dresden hingegen gehe es trotz allem auch um „Liebe“.

Freilich hat sich diese Liebe als von Anfang sperrig erwiesen. Nach dem ersten Jahreswechsel wurde Koall sogleich Zeuge der großen Auseinandersetzung um das Gedenken an die Bombardierung der Stadt vom 13. bis 15. Februar 1945, die von Rechtsextremisten seit jeher für ihre Zwecke missbraucht wird. Im Februar 2011 schrieb er einen Artikel für die „Sächsische Zeitung“, dessen Kernthese lautete, dass Dresden eine politische Haltung fehle. Der Appell richtete sich an die schweigende Mehrheit derer, die in dem Streit keine Position bezogen, schon gar nicht öffentlich. Diese Mehrheit schweigt noch immer. Der Theatermann lernte rasch, wo er da nun war.

Theaterstücke gegen Pegida-Hetze

Der Streit um den 13. Februar versandete. Bis die angeblich Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes aufmarschierten. Als die Bewegung im Herbst vorigen Jahres anzuschwellen begann, postete Koall bei Facebook regelmäßig seine Beobachtungen. Zu den Lesern gehörte der Verleger Jo Lendle, der die gesammelten Notizen als E-Book herausbrachte. Titel: „Dresden. Ein Winter mit Pegida“.

Die Theaterleute begannen, sich zu wehren. Im Augenblick proben sie das Stück „Graf Öderland“ von Max Frisch in der Regie von Volker Lösch. Darin geht es um einen Aufstand der Konservativen unter einem charismatischen Führer, der von Ferne an den Hitler-Imitator und Pegida-Führer Lutz Bachmann erinnert. Wie in anderen Stücken Löschs spielen ganz normale Bürger mit – diesmal Dresdner Bürger. Der Untertitel der Öderland-Version lautet: „Wir sind das Volk.“ Am 28. November ist Premiere. An der Fassade des Hauses prangt seit Monaten ein Transparent, das „ein weltoffenes Dresden“ fordert. Das alles passiert mit Koalls Zutun. Als Pegida bundesweit Angst und Schrecken verbreitete, war er längst ein über die Stadtgrenzen hinweg gefragter Exponent der Gegner.

Pegida schmolz über den Winter zusammen. Fast schien die Bewegung tot zu sein. Bis sie die steigende Zahl von Flüchtlingen nutzte, um „sich selbst Wind in die Segel zu geben“, wie Koall in seinem Dienstzimmer sagt. Mittlerweile holt Bachmann wieder jeden Montag Tausende auf den Theaterplatz. Die Medien sind ebenfalls wieder da. Meist wird ein kleiner Skandal geboten – so als der Autor Akif Pirinçci über das Fehlen von Konzentrationslagern sinnierte. Das alles hat gravierende Folgen für das Klima der Stadt.

"Ein Klima des Misstrauens"

Pegida, sagt Koall grübelnd zurück gelehnt, sei in Wahrheit nicht das Problem. 8000 vielfach aus dem Umland angereiste Unbelehrbare gegen nahezu 600 000 Einwohner – was sei das schon? Das Problem sei, „dass die, die nicht zu Pegida gehen, keine Pegida-Gegner sind. Die machen das Klima aus.“ In Dresden und ganz Deutschland. „Die Übergriffe haben zugenommen. Die Verachtung hat zugenommen. Und es hat ein Klima des Misstrauens zugenommen und des sich gegenseitig Beäugens.“ Die Bereitschaft, sich zu bekennen, sei größer geworden. Dadurch wiederum sei eine größere Trennung entstanden. „Durch die Familien, durch die Freundeskreise, durch die Kollegien gehen Risse und verlaufen Linien.“ Und das von morgens bis abends. Dieses Unentrinnbare ist das Pegida-Gefängnis.

Die Skulpturen auf dem Dresdner Schauspielhaus tragen – als Symbol der Anti-Pegida-Demonstration – Warnwesten.  Foto: epd

Bekannte und Freunde sagten Koall zuweilen, er solle sich doch mal mit etwas anderem beschäftigen. Der Chefdramaturg erwiderte: „Das sagt Ihr so. Aber Pegida ist unser tägliches Thema. Ich komme nicht drum herum. Das ist so ein Dauerschmerz, weil man merkt: Verdammt, das kippt!“ Die Mitte wandere. Es werde alles immer reaktionärer, immer abgeschotteter und immer paranoider. „Plötzlich hört man im Kern der bürgerlichen Gesellschaft Sätze, die man am rechten Rand des Theaterplatzes vermutet hätte – wie der Satz, den ich neulich gehört habe: Ich bin kein Ausländerfeind, ich lebe Tür an Tür mit einer griechischen Familie, die wunderbar integriert ist, und ich bin auch tolerant. Aber wenn ich im Supermarkt an der Kasse ein kleines türkisches Mädchen mit einem Kopftuch sehe, dann ist meine Toleranz an eine Grenze gekommen.“

Die Radikalisierung der Ränder und die Verhärtung der Mitte – das macht für Koall die zentrale Beunruhigung aus. Und diese Beunruhigung ist nicht Dresden-spezifisch.

Hinzu komme, dass sich die Stadtspitze politisch noch immer nicht in die richtige Richtung bewege, im Gegenteil. So habe der Oberbürgermeister den Theaterplatz auch an diesem 9. November den Pegida-Leuten zur Verfügung gestellt – wohl wissend, dass es einer der ersten Plätze war, der ehedem in Adolf-Hitler-Platz umbenannt wurde. Derselbe Oberbürgermeister, der zugleich für das Frühjahr eine bundesweite Charmeoffensive zugunsten Dresdens ankündige. „Da blieb mir die Spucke weg“, sagt Koall. „Es ist gedankenlos. Es ist geschichtsvergessen – oder es ist Absicht.“ In jedem Fall sei es „unfassbar eierlos“. Derweil werde die Zivilgesellschaft mit ihrem Protest allein gelassen.

Weil sich der Geburts-Kölner und Neigungs-Dresdner gegen all das öffentlich wehrt, wird er längst wie viele andere seinesgleichen bedroht – was natürlich zusätzliche und diesmal sehr persönliche Besorgnis auslöst. „Das alles macht mürbe“, sagt er. „Denn ich bin ja nicht nur Theater-Schaffender und Linksliberaler, sondern auch Einwohner. Ich muss ja hier leben. Ich will hier leben.“ Kurzum: „Ich habe keine Fluchttendenzen. Aber es wäre genauso gelogen, wenn ich nicht eingestehen würde, dass die Perspektive Düsseldorf auch etwas Befreiendes hat.“ Koall hilft es sehr, „dass ich ein rheinisches Licht am Ende des Tunnels sehe“.

Wenn es denn noch ein Licht ist. Schließlich ist er länger von dort weg, als er je dort war.

Dass es in Köln mal so werden könne, wie es in Dresden sei, hält Koall unverändert für ausgeschlossen. Zwar wurden beide Städte im Zweiten Weltkrieg zerstört. Sie gingen jedoch ganz unterschiedlich damit um. Während an der Elbe nach wie vor das Trauma wütet, hat am Rhein gerade die jüngste Karnevals-Session begonnen. Da sind zudem die eigenen Prägungen im liberalen Elternhaus, das unweit des Ortes steht, an dem das Attentat auf die Oberbürgermeister-Kandidatin stattfand. Die Mutter engagierte sich bei Amnesty International, der Vater nahm den Sohn Anfang der 80er Jahre mit zur Großdemonstration gegen die Nato-Nachrüstung. Die Lektion, die Koall junior daheim lernte, lautete: „Das Schöne an der Demokratie ist, dass man sich einbringen darf.“

Er wuchs schließlich in Zeiten auf, in denen der Nationalsozialismus im Westen aufgearbeitet schien – mehr oder weniger zumindest. Überhaupt glaubt der Heimkehrer: „Köln hat ein ganz anderes historisches Bewusstsein. Uns gäbe es nicht ohne die Römer. Uns gäbe es nicht ohne die Franzosen. Das ist eine ganz andere Traditionslinie, auf der die Rheinländer lang laufen.“

Allerdings wäre er nie auf die Idee gekommen, dass die Mehrheit genau dieser Kölner am Tag nach den Messerstichen eines Rechtsextremisten auf Henriette Reker einfach zu Hause bleiben würde, statt kurz vor die Tür zu gehen und im nächstliegenden Wahllokal ein Signal zu geben. Er habe „schwören können“, dass es anders kommen würde, sagt Koall.

Doch es kam nicht anders.

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