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Pegida
Mit Pegida wächst aus Dresden heraus eine Bewegung aus Nazis und Wutbürgern.

13. Januar 2016

Pegida: Und nun, Dresden?

 Von 
Dresden. Bisher fiel einem dazu die Semperoper ein, die Frauenkirche und der Zwinger. Seit einiger Zeit leider auch Pegida – das Foto zeigt eine Kundgebung Mitte Oktober 2015 auf dem Theaterplatz.  Foto: epd

Pegida erschüttert Sachsens Landeshauptstadt, versetzt sie in Aufruhr, zerstört ihren Ruf. Doch es gibt auch Menschen, die in der Krise eine Chance sehen. Ein Besuch.

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Eine Tag vor Silvester stand in der „Sächsischen Zeitung“ ein langer und mit Witzen angereicherter Beitrag über Humor, der mit der Behauptung überraschte, das Epizentrum deutscher Heiterkeit liege in Sachsen. Ausgerechnet in Sachsen. Warum dort das Epizentrum liegen soll, wurde bedauerlicherweise nicht ausgeführt.

Eine gewagte Behauptung. Wer lange in Dresden lebt, wer vor allem das vergangene Jahr miterlebt hat, ist in Sachsen nämlich auf ganz andere Epizentren gestoßen, auf das deutscher Heiterkeit gewiss nicht.

Dresden wirkt seit Pegida wie durch den Fleischwolf gedreht. Der Ruf der Stadt ist ruiniert. Die Bewohnerschaft ist gespalten in Anhänger und Gegner, ein Teil ist völlig ratlos, ein anderer hält sich raus. Dresden 2016 ist nicht mehr wie Dresden 2013. Man versteht die Welt nicht mehr. Pegida – die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ – ist wie ein Blitz in die alte Barockstadt gefahren. Pegida hat aufgeräumt mit dem schönen Märchen von der boomenden und blühenden Stadt mit seinen Dutzenden Museen, der Semperoper und der Staatskapelle, dem wiederaufgebauten Schloss, Schauspielhaus, all der Pracht aus Sandstein und Historie, mit der stolzen Geschichte von der Kraft der Bürgergesellschaft und ihrer neu errichteten Frauenkirche, dem Silicon-Saxony-Boom und milliardenschweren Investitionen aus USA oder Arabien.

All das ist zwar noch da. Aber etwas anderes ist hinzugekommen, besser: sichtbar geworden, die dunkle Seite der Stadt, um ein Bundespräsidentenadjektiv zu verwenden: das Hässliche, der Zorn, das Boshafte und Schäbige, der Hass auf alles Fremde, auch Westdeutsche. Dresden und Pegida ist für viele Dresdner auch die Geschichte ihrer eigenen Dresdner Enttäuschung: Ist die Stadt anders geworden oder habe ich sie vorher nur in ihrer Zuckerversion wahrgenommen?

Klarinettist Michal Tomaszewski vermisst „das normale Leben“ in der Stadt.  Foto: Honnigfort

„Pegida wirkt“, sagt Anführer Lutz Bachmann auf jeder Kundgebung auf dem Theaterplatz, wo Tausende ihn feiern, mehr noch sich feiern, ihre Wut und ihren Hass auf Fremde, Merkel, Medien, das System rauslassen, vor allem: sich gehen lassen, ihr Innerstes nach außen kehren.

„Im Moment gibt es kein normales Leben mehr in Dresden“, sagt Michal Tomaszewski, 37, gebürtiger Pole. Er kam über Sittensen bei Hamburg nach Dresden, von Beruf Architekt. Er ist Klarinettist und spielt mit bei Banda Comunale, einer lustiglauten Blaskapelle, die oft auf No-Pegida-Veranstaltungen auftrat und nun auch noch als Banda Internationale mit Flüchtlingen musiziert. Tomaszewski hat Mittagspause, ist mit dem Rad hergekommen und sitzt in einem Café neben der Dresdner Kreuzkirche. „Pegida durchdringt alles. Alle reden oder alle schweigen darüber. Pegida hat die Stadt vergiftet, die Menschen misstrauisch gemacht. Wo man hinkommt.“ In einem Jahr? Ja, da will er noch mit seiner Familie in Dresden wohnen. Aber in fünf Jahren? Er weiß es noch nicht. Pegida wirkt.

"Wer kann, flüchtet"

Die innerdeutschen Touristenzahlen sinken, Hotels und Restaurantbesitzer klagen über wegbrechende Einnahmen. Vor allem die um den Theaterplatz zwischen Semperoper, Zwinger und Schloss. Montags brauche man gar nicht mehr aufmachen, klagte kürzlich Kai-Martin Graul, der das schöne Restaurant „Alte Meister“ betreibt. Sieben Prozent minus durch Pegida, zwei Angestellte weniger. Meinungsfreiheit? Natürlich, aber auch Händler, Gastronomen und Hotelbetreiber hätten Rechte. Montags sei die Innenstadt ab 15 Uhr leer, klagt Tanja Widmann, die mit ihrem Mann mehrere Restaurants in der Innenstadt betreibt. „Wer kann, flüchtet.“

Seit einem Jahr geht das so. Pegida hat die Stadt im Schwitzkasten. Lutz Bachmann, der Kleinkriminelle aus Kesselsdorf, gibt den Takt vor. „Wieso lässt man Pegida jeden Montag auf den Theaterplatz? Die Stadt war ein Jahr lang Rassisten überlassen. Muss das sein?“, fragt Musiker Tomaszewski.

Gute Frage. Eine, die viele Dresdner bewegt. Wieso immer der prächtige Theaterplatz? Und dann die Bilder im Fernsehen: Vorne die johlende Menge mit „Merkel muss weg“, hinten die Semperoper, deren Sänger und Musiker sich montagabends – wie das erlauchte Publikum – am Mob vorbeiquälen und sich beschimpfen lassen müssen.

Dirk Hilbert mag die Frage nicht. „Weil wir nicht mehr in der DDR sind“, sagt er. Dirk Hilbert, FDP, 44 Jahre alt, gebürtiger Dresdner, ist seit vergangenem Jahr Oberbürgermeister. Damals hat er angekündigt, er werde Dresden zur Vorzeigestadt für Integration und Asyl machen. Weil er mit Su Yeon, einer Südkoreanerin, verheiratet ist, die auch auf seinen Wahlplakaten zu sehen war, dachten viele, er werde sich deutlich gegen Fremdenhass und Pegida stellen und zeigen, dass es auch ein anderes Dresden gibt. Vor allem hofften viele, dass er wenigstens Pegida die prächtige Kulisse nehme und an den Stadtrand abdränge. „Grundgesetz und Versammlungsrecht gelten für alle“, sagt er. Wenn nicht Theaterplatz, dann vor der Frauenkirche oder auf dem Altmarkt. Von Demos und Gegendemos, diesem „kindlichen Aufschaukeln“, halte er auch nichts.

Und was ist mit der Vorzeigestadt für Integration? Daran arbeite man im Rathaus, sagt er. Hinter verschlossenen Türen. Man sei guter Dinge. „Wir machen unsere Hausarbeiten. Und wenn wir ein Stück weiter sind, gehen wir an die Öffentlichkeit.“

Dauert wohl noch. Und nun, Dresden? Geht es 2016 weiter wie es 2015 endete? Es hat viele Versuche gegeben, mit Pegida zu reden. Versuche der Landesregierung, der Stadt. Nicht mit der Führungsriege um Bachmann oder Tatjana Festerling, aber ab der zweiten Reihe und mit den Sympathisanten. Es hat nicht viel gefruchtet, montags gingen die Teilnehmerzahlen eine Zeit lang runter – und dann mit dem Flüchtlingschaos wieder rauf.

„Wir dürfen uns auf dieses Niveau nicht herablassen“, sagt Elisabeth Ehninger. Reden? Nicht mit denen. Wenn man sich in Dresden auf die Suche nach Bürgertum macht, das sich Pegida nicht gefallen lässt, Bürgertum, das nicht stumm in Elbhangnobelorten wie Loschwitz oder dem Stadtteil Weißer Hirsch zusieht, wie unten die Stadt verkommt, dann landet man bei den Ehningers. Zugezogenen, wie das in Dresden heißt. Gerhard Ehninger ist Medizinprofessor, Krebsforscher, Unternehmer.

Unternehmerin Elisabeth Ehninger will „das helle Dresden“ zeigen.  Foto: Honnigfort

Die Ehningers sind Teil der internationalen Wissenschaftlerszene, die sich in Dresden gebildet hat um die Universität und drei Max-Planck-Institute, wo allein 500 Forscher arbeiten. Eine Szene aus Forschern aus aller Welt, die sich ernste Sorgen macht, seit Pegida pöbelt. „Kurz nach Weihnachten riefen Freunde an, sie würden es nicht mehr aushalten und wegziehen“, erzählt Elisabeth Ehninger. Sie sitzt im Konferenzraum von GEMoaB, einer kleiner Firma, die Antikörper gegen Tumore entwickelt. Sie gehört zur Geschäftsführung.

„Wir müsse das helle Dresden zeigen“, sagt sie. Vor fast zwei Jahren gründeten die Ehningers zusammen mit dem britischen Zellforscher Antony Hyman und dem finnischen Biochemiker Kai Simons den Verein „Dresden – Place to be.“ Sie holten 2015 Herbert Grönemeyer in die Stadt. Sie organisierten ein Großkonzert mit ihm gegen Pegida. Sie, die Zugezogenen, wurden beschimpft, sie wurden bedroht, sie wurden verleumdet. Ihnen wurde von Pegida unterstellt, mit Steuergeldern Stimmung gegen „das Volk“ zu machen. Nichts davon stimmte. Alles ehrenamtlich, alles aus Spenden.

Mit der Zeit wuchs ihnen ein dickeres Fell. „Wir geben nicht auf“, sagt Elisabeth Ehninger. Dresden ist seit 1994, als sie und ihr Mann aus Baden-Württemberg kamen, auch ihre Stadt. „Dresden hat mich immer begeistert“, sagt sie. „Musik, Theater – ich hab es sehr genossen.“

Und nun? Sie wollen sich ihr modernes Dresden nicht von Hinterwäldlern kaputtschreien lassen. Es seien zwar noch keine Spitzenforscher abgewandert. „Aber einige, die kommen sollten, haben abgesagt“, erzählt sie. Draußen am Gebäudekomplex im Stadtteil Johannstadt hängt ein Transparent und fordert: „Offen und bunt.“ Aber so entspannt und tolerant geht es nur in den Labors und Büros zu, wo Englisch gesprochen wird. „Dresden muss um beste Köpfe kämpfen. Das wird immer schwieriger.“

Also kümmern sie sich, versuchen, vom Ruf zu erhalten, was noch da ist. Organisieren mit den Staatlichen Kunstsammlungen zum Monatsende einen Begegnungsnachmittag zwischen Dresdnern und Flüchtlingen im Albertinum. Sie planen Deutschkurse speziell für Mediziner aus Syrien, Irak oder woher sie auch kommen. Sie versuchen, wie so viele, ihr Dresden zu retten.

Treffen mit Eric Hattke im Hauptbahnhof. Er ist Philosophiestudent, kommt aber nicht recht zum Studieren, weil er, salopp gesagt, seit zwei Jahren das Praktikum seines Lebens macht: Er ist Sprecher von „Dresden für alle“, einem Netzwerk aus 120 Gruppen und Vereinen, die auch ihre Stadt retten wollen. „Dresden für alle“ ist Taten statt Worte. 5300 Rucksäcke mit dem Notwendigsten für Flüchtlinge, Kundgebungen, Sternläufe, Helfer und Übersetzer koordinieren, Spendenaktionen auf die Beine stellen, Arbeit in Erstaufnahmelagern. Hattke ist mittlerweile bekannt in Dresden. Bei einigen verhasst. Er ist bedroht worden, ebenso seine Familie in Brandenburg. Wenn er einen Raum betritt, schaut er sich genau an, wer dort sitzt. Im Kino weiß er genau, wer hinter ihm ist. Aber manchmal geben ihm Leute auch einfach die Hand. Still. Nur ein kurzes „Danke.“ Das gibt es auch.

Student Eric Hattke ist Sprecher des Netzwerkes „Dresden für alle“.  Foto: Privat

Und nun, Dresden? Hattke ist Optimist, Realist, voller Schwung und Ideen. Er sieht in der großen Krise der Stadt noch größere Chancen: „Wenn wir gut sind, wenn unsere Arbeit fruchtet, dann können wir eine Stadt sein, die an diesen Herausforderungen gewachsen ist.“ Integration müsse gelingen, sagt er. Konstruktiv handeln, das sei der Unterschied zu Pegida. Zeigen, dass es geht. „Wir müssen Zeichen setzen und langfristig etwas tun. Wir müssen helfen, wir müssen den Dialog in der Stadt verbessern, wir müssen unseren Beitrag leisten.“

Und reden mit Pegida, wie es versucht wurde? „Ich fürchte, wir haben einen Punkt erreicht, an dem Fakten nur noch sehr wenig Beachtung finden. Unsere Chance ist: zeigen, wie es besser geht.“ Also weiter. Es ist ein Rennen. Sie müssen gewinnen, sonst behält Pegida recht.

Und noch etwas: Schön wäre es, wenn mehr davon in die Medien gelangen würde, sagt er. „Berichterstattung ist manchmal absurd“, sagt Hattke. „6000 Pegida-Anhänger auf dem Theaterplatz, einer hat einen gebastelten Galgen dabei, schon saust das durch alle Welt. Aber wenn Tausende Menschen hier monatelang für geflüchtete Menschen arbeiten und sich kümmern, erscheint davon nur ein Bruchteil in der Öffentlichkeit.“

Dann geht er. Ein Teil der Bratwurst, die er essen wollte, ist vor lauter Reden und Erklären kalt geworden. Aber das ist nicht neu, so geht es ihm öfter in diesen Zeiten in dieser Stadt, die er auf keinen Fall im Stich lassen würde.

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