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04. August 2012

Kipping trifft Schlömer: Piraten küsst man nicht

 Von Steven Geyer
Die Bundesvorsitzende der Partei Die Linke, Katja Kipping, der Bundesvorsitzende der Piratenpartei, Bernd Schlömer (l.) und der Journalist Jakob Augstein während der Diskussionsveranstaltung "Update oder neues Betriebssystem?". Foto: dapd

Pirat Bernd Schlömer wehrt sich gegen politische Flirts mit der Linken-Chefin Katja Kipping. Bei einem Streitgespräch im Berliner Pfefferberg finden sich aber am Ende doch einige Gemeinsamkeiten.

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Zuerst scheitert der Piraten-Chef mit einem Flirtversuch bei der Linken-Chefin, dann blitzt für den Rest des Abends sie bei ihm ab: Als Katja Kipping, 34, zu Beginn des Streitgesprächs im Berliner „Pfefferberg“ erklärt, sie duze „den Bernd“ (Schlömer, 41), weil sie sich für Fotos vorab „so lange in die Augen sehen mussten, dass das Sie nicht mehr aufrechtzuhalten war“, legt er nach: „Bisher habe ich Frauen, denen ich so nahe kam, immer geküsst.“ Worauf Kipping bremst: „Bevor ich jemanden küsse, habe ich erst ein paar kritische Fragen.“

Die folgen zwar, doch aus jeder spricht die Hoffnung, „dass die Piraten am Ende im linken Lager landen“, wie Kipping sagt. Darauf aber lässt Schlömer sich nicht ein – auch nicht, als sogar Moderator Jakob Augstein – Herausgeber des Freitag und „im Zweifel links“ – die beiden frischgewählten Parteichefs auffordert: „Ihr sollt doch zusammenarbeiten!“ Applaus. Das entspricht also auch dem Wunsch im überfüllten Saal.

Das Interesse ist groß in Berlin-Prenzlauer Berg, wo bei den letzten Wahlen die Piraten die CDU überflügelten und die Linke klar über ihrem Bundesschnitt lag. Unter den Zuhörern zwischen Mitte 20 und Mitte 50 sind Piraten-Fans leicht in Überzahl – und damit die Anhänger linker Politik unterlegen?

Ein paar Gemeinsamkeiten

Um diese Frage dreht sich der Abend, dank Kippings zentraler kritischer Frage: „Habt ihr den Biss, an die Tradition der Piraten anzuknüpfen und den Reichen zu nehmen, um es den Armen zu geben?“ Sie frage das, weil sie sich im Berlin-Wahlkampf über viele Piraten-Plakate gefreut habe: „Fahrscheinloser ÖPNV, kostenlose W-Lan-Netze, bedingungsloses Grundeinkommen“, nennt sie etwa. „Aber um das umzusetzen, braucht es eben eine Umverteilung von Oben nach Unten!“

Schlömer, beruflich Beamter im Verteidigungsministerium, verweigert derlei Bekenntnisse. „Mehr Steuern sind keine Lösung“, sagt er. Lieber ein neues Steuersystem: einfacher und auch gerechter. Links will er die Piraten aber ebenso wenig nennen wie Protest- oder Netzpartei. „Ich sage am liebsten ,liberal‘.“ Wer Westerwelle nicht mag, könne ja an Gerhart Baum denken, den sozialliberalen Innenminister a.D.

Die Frage, ob die Wirtschaft demokratisch kontrolliert werden könne, bejaht Kipping vehement – Schlömer erinnert sie an Planwirtschaft. Er nennt „Staatsskepsis“ als Wert, Kipping sagt, dass auch Konzerne wie Facebook und Google die Netzfreiheit angreifen. Wer soll die denn sonst zähmen? Es sei ja nicht schlimm, dass den Piraten noch viele Positionen fehlten, findet sie. Das dürfe aber nicht dazu führen, dass die Piraten im Bundestag in der Steuerpolitik einst auf Seiten der FDP stehen.

„Unsere Position werde ich nicht allein auf einem Podium im Sommer 2012 bestimmen“, antwortet Schlömer mehrfach auf derlei Fragen – und seine Anhänger klatschen. Man möge begreifen, dass es den Piraten nicht um Ideologie geht, sondern darum, die Methoden der Politik zu ändern. In Koalitionsverhandlungen wäre Schlömer nur ein Sprachrohr, der übers Netz ständig die Meinung der Basis im Blick habe.

„Flüssiges Feedback“

Zur Demonstration bittet ein Parteimitglied im Saal, alle anwesenden Piraten mögen sich melden, wenn sie sich für links halten. Etwa ein Drittel der Zuhörer hebt den Arm. „Das ist flüssiges Feedback“, sagt der Pirat. Doch sei doch besser, als wenn Kipping ihren Leuten die Meinung diktiere.

So wird klar: Die Wahl zwischen Linken und Piraten gleicht der zwischen Kipping und Schlömer. Hier die Berufspolitikerin, die wegen – vielleicht naiver – solidarischer und pazifistischer Ideale in die Politik ging. Da der Berufsbeamte, der besser weiß, wie man Mitbestimmung heute organisiert. Freiheit statt Sozialismus? Eher Weltverbesserer gegen Besserwisser. Für beides gibt es also einen Markt. Und vielleicht sogar Platz im Bundestag.

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