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Blogger in China: „Am Sturz der Diktatur führt kein Weg vorbei“

Wir dokumentieren den Blog-Beitrag des chinesischen Autors Ran Yunfei über den Aufstand in Ägypten und die Parallelen zu China in leicht gekürzter Version. Offenbar führte der Text zu Rans Verhaftung.

Kritik unerwünscht: Das Regime in China wehrt sich erbarmungslos.
Kritik unerwünscht: Das Regime in China wehrt sich erbarmungslos.
Foto: AFP
Peking –  

Da die Familien chinesischer Dissidenten häufig Repressalien ausgesetzt sind, wenn sie Kontakt zu ausländischen Medien aufnehmen, weisen wir ausdrücklich darauf hin, dass der Text ohne Rücksprache mit Rans Angehörigen erscheint (Anm. d. Red.).

Als die Ägypter am 12. Februar auf dem Tahrir-Platz Husni Mubaraks Sturz bejubelten, konnten sie kaum ahnen, dass im Fernen Osten einige Internetbenutzer nicht schlafen konnten. Auch sie feierten Ägyptens Wiedergeburt, jubelten auf Twitter, auf Facebook und anderen Webseiten. Einer scherzte: „Die Chinesen bewundern das Glück des ägyptischen Volks nach dem Sturz des Diktators wie ein alter Junggeselle, der ein junges Paar beneidet, dass sich verliebt ein Hotelzimmer nimmt.“

„Alter Junggeselle“ ist nur ein ironischer Vergleich, aber er passt gut zur Geschichte und Realität von Chinas mehrere tausend Jahre währender Despotie und sechzigjähriger Autokratie (seit der Gründung der Volksrepublik 1949; Anm. d. Red.). Auch der alte Junggeselle hatte Gelegenheit zu heiraten: am Ende der Qing Dynastie (1911), am Anfang der Republik China (1912) oder am Vorabend des Blutbads vom 4. Juni. 1989. Alles waren gute Chancen, aber leider ist er noch immer ledig.

Vor Mubaraks Sturz beteten viele chinesische Internetnutzer für die Ägypter, dass sich die Geschichte des Tiananmen-Platzes bei ihnen nicht wiederholt. Viele internationale Medien, Kommentatoren und Internetnutzer verglichen die Revolution in Ägypten mit der Studentenbewegung von 1989. Doch Ägyptens Militär erklärte, dass es keine Gewalt gegen sein eigenes Volk anwenden werde: „Hier ist nicht der Tiananmen-Platz, und wird lassen hier auch keinen Tiananmen-Platz entstehen.“

Im Vergleich zu Chinas sehr gewalttätiger Diktatur kann man Ägypten und auch Tunesien als einigermaßen aufgeklärte Diktaturen betrachten. Ich glaube, Überlegungen über Veränderung in einem Land müssen von den Maßnahmen ausgehen, mit denen eine Regierung ihr Volk unter Kontrolle hält. Dazu gehören sowohl harte Kontrolle (Militär, Polizei, Milizen etc.) als auch weiche Kontrolle (Informationsblockade, Irreführung, Verdummung etc.). Beide stellen dem gesellschaftlichen Wandel enorme Widerstände in den Weg. Ich weiß nicht, wie genau Ägyptens Armee aufgebaut ist, aber in Chinas Militär gibt es in jeder Kompanie eine Parteizelle. Damit kann die Partei die Gewehre befehlen. Die Armee ist eine private Waffe der Partei. Sie ist der enorme Widerstand für sozialen Wandel.

Das Internet ist unberechenbar

Trotzdem ist die kommunistische Partei nicht unzerstörbar. Wie alle Diktatoren können auch die chinesischen nicht genau wissen, wann und wie China sich verändert. Im Internetzeitalter sind Massenaufstände unvorhersehbar.

Warum bin ich „alter Junggeselle“ so glücklich über Ägyptens Wiedergeburt? Weil China jetzt einen alten Freund verloren hat und es auf der Welt einen Diktator weniger gibt. Unter den Ländern, die auf Druck Chinas ihre Teilnahme an der Friedensnobelpreisverleihung für Liu Xiaobo absagten, waren zwei Diktatoren, die inzwischen gestürzt wurden (Ägypten und Tunesien schickten keine Vertreter zu der Zeremonie im Dezember 2010; Anm. d. Red.).

Über die Macht von Diktatoren und die Angst des Volkes vor Unterdrückung gibt es in Äthiopien ein Sprichwort: „Wenn der große Herrscher vorübergeht, verbeugt sich der kluge Bauer tief und furzt dabei leise.“ Wegen der strengen Kontrolle der Medien und der Internetzensur wissen nur sehr wenige Chinesen die Wahrheit über Tunesien und Ägypten, wie die Völker dort für Demokratie und Freiheit gekämpft haben. Diese strenge Kontrolle wird nur noch von Nordkorea übertroffen.

Trotzdem haben die Demokratiebewegungen in Nordafrika bei einigen Chinesen die Erinnerung an die Studentenbewegung von 1989 geweckt. Davor hat die Regierung ungeheure Angst. Zwar kann sie es den Chinesen schwer machen, für ihre Rechte zu kämpfen, indem sie den freien Informationsfluss behindert und die Wahrheit blockiert. Aber damit schaden sich die Diktatoren auch selbst: In einer Gesellschaft ohne Informationsfreiheit weiß die oberste Führung wenig über die sozialen Probleme. Sie kann nicht erkennen, wie viel Magma unter der Oberfläche kocht und kann nicht vorhersagen, wann es ausbrechen wird.

Wer unter einem despotischen Regime lebt, verbindet mit der Demokratie gleichermaßen Liebe und Angst. Man hat die Wahl, entweder aktiv dafür zu kämpfen und einen hohen Preis zu bezahlen, oder aus Furcht nichts zu tun und sich so selbst zu schützen.

Nach der erfolgreichen Revolution in Ägypten konnte man im Internet folgenden Satz lesen: „Die Mumien wurden aufgeweckt, gingen auf die Straßen und verschafften sich Gehör. Die Terrakotta-Armee schweigt noch, steht in ihrer Grube und wartet auf ihre Befehle.“ (Die tönerne Armee von Xian ist einer der wichtigsten chinesischen Kulturschätze; Anm. d. Red.). Man kann die Chinesen durchaus für ihre Passivität kritisieren. Aber letztlich führt am Sturz der Diktatur kein Weg vorbei.

Aus dem Chinesischen von Bernhard Bartsch.

Autor:  Ran Yunfei
Datum:  4 | 4 | 2011
Kommentare:  4
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