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Russischer Anti-Atom-Aktivist im FR-Interview: „Atomschrott aus aller Welt“

Der russische Aktivist Vladimir Slivyak spricht über Majak, das Ziel der Ahaus-Transporte. Früher war es eine geheime Stadt, die auf keiner Karte verzeichnet war.

Eine der am stärksten verstrahlten Regionen der Welt: das russische Majak.
Eine der am stärksten verstrahlten Regionen der Welt: das russische Majak.
Foto: dpa

Herr Slivyak, möglicherweise soll deutscher Atommüll von Ahaus ins russische Majak transportiert werden. Wie sieht es in der zentralrussischen Gegend aus?

Die Stadt ist für Deutsche unvorstellbar. Hier wurde zu Sowjetzeiten Plutonium für das russische Atomwaffenprojekt hergestellt – damals fand sich die geheime Stadt auf keiner Karte. Viele Unfälle haben die Gegend verstrahlt. Heute wird dort der Atomschrott der ganzen Welt verarbeitet. Eine Mauer mit elektronischen Zäunen wie etwa an der ehemaligen DDR-Grenze umgibt die Stadt. Ohne spezielle Zulassung darf sie niemand betreten, es sei denn man besticht die Wachleute. Die gesamte Gegend ist etwa so verstrahlt wie die Tschernobyl-Region.

Zur Person
Vladimir Slivyak

Vladimir Slivyak, 37, ist Vorsitzender der weltweiten Umweltorganisation Ecodefense in Russland. Sie ist die größte Anti-Atombewegung des Landes. Für seine Protestaktionen saß er schon 30-mal im Gefängnis. Die Familie seiner Mutter lebte in Weißrussland in dem von Tschernobyl am stärksten verseuchten Gebiet – fast alle Angehörigen starben an den Folgen des Reaktorunfalls.
Deutschland betreibt seit mehr als 50 Jahren AKW, aber entsorgen kann es den dabei entstehenden Müll nicht. Noch immer ist kein geeigneter Standort für ein Endlager gefunden. Nun soll Atommüll aus dem ehemaligen DDR-Forschungsreaktor Rossendorf in der russischen Stadt Majak entsorgt werden. Die 951 Brennelemente lagern seit 2005 im Zwischenlager Ahaus in NRW und sollen in 18 Castor-Behältern – verteilt auf drei Transporte – nach Russland gebracht werden. Dagegen protestieren Umweltaktivisten, Bürger, Parteien und Verbände an diesem Sonntag in Ahaus. ajo


Warum?

In Majak landet der Atom-Schrott der gesamten Welt. Die veraltete Aufbereitungsanlage lässt ihr radioaktives Wasser in den Fluss ab, der erst 240 Kilometer später in einen See mündet. Und überall an den Ufern leben Menschen. Sie haben dort ihr Haus, die meisten sind arm und bauen auf den verseuchten Feldern ihr Gemüse an. Fast jeder leidet dort unter der Strahlung. Die Menschen haben Leukämie und verschiedene Krebsarten, auch die Kinder. Es gibt keine Gesunden in Majak.

Warum leben die Menschen noch dort?

Weil es dort sehr günstig ist – wer in dem Gebiet geboren wurde, kann es sich nicht leisten, umzuziehen. Die meisten von ihnen arbeiten für die Atomindustrie. Die russische Regierung hat zwar inzwischen Umsiedlungen für die Menschen am Fluss beschlossen, aber die Gelder kommen nicht in Majak an, sie versickern in korrupten Ämtern. Und so essen die Menschen dort weiter verstrahltes Gemüse und leben in einer radioaktiven Welt.

Kamen deutsche Politiker oder Ingenieure schon einmal nach Majak?

Die Deutschen schauen weg. Es ist eine menschliche Tragödie. Es ist eine Schande, dass die russische Regierung dies erlaubt und unglaublich, dass Deutschland die Transporte dorthin erlaubt. Beide sind verantwortlich. Niemand kann so tun, als wüsste er nicht, was in Majak passiert. Es waren schon viele Journalisten vor Ort, jeder kann wissen, wie verheerend die nuklearen Mülltransporte für die russische Bevölkerung sind.

Wie hat die russische Bevölkerung von den möglichen Transporten nach Majak erfahren?

Sie hat es aus deutschen Medien erfahren – die russischen schweigen darüber. Selbst wenn Journalisten bei der russischen Regierung anfragen, erhalten sie keine Antwort. Erst wenn der strahlende Müll rollt, wird es öffentlich. Laut unseren Informationen machen selbst die Amerikaner Druck, die deutschen Castoren schnell rollen zu lassen. Denn wenn sich der deutsche Transport verzögert, müssen die Amerikaner mit ihrem Schrott länger warten. Viele Länder wollen ihren Atommüll bei uns abladen.

Interview: Annika Joeres

Datum:  19 | 11 | 2010
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