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Interview zu Protest-Forschung: „Bewegungen beleben sich gegenseitig“

Die Politologin Heike Walk spricht im FR-Interview über die deutsche Protestszene und erklärt, wie diese durch das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21 und die Katastrophe in Fukushima angeheizt wird.

Politikwissenschaftlerin Heike Walk erforscht Bürgerbeteiligung und soziale Bewegungen, insbesondere die Klimabewegung.
Politikwissenschaftlerin Heike Walk erforscht Bürgerbeteiligung und soziale Bewegungen, insbesondere die Klimabewegung.
Foto: privat

Frau Walk, in diesen Tagen sehen wir viele Autos mit nagelneuen Atomkraft?-Nein-Danke-Aufklebern. Welche Menschen stoßen jetzt zur Anti-AKW-Bewegung?

Meine Beobachtung ist, dass sich diese Bewegung aus vielen sehr jungen Leuten zusammensetzt. Wir haben ganz viele Protestierende, die mit dem Unfall von Fukushima zum ersten Mal politisiert wurden und auf die Straße gehen. Es sind aber auch sehr viele ältere Leute, die schon seit mehreren Jahrzehnten gegen Atomkraft demonstrieren. Das ist ein buntes Spektrum.

Zur Person

Heike Walk ist Politikwissenschaftlerin. Sie erforscht Bürgerbeteiligung und soziale Bewegungen, insbesondere die Klimabewegung. Die gebürtige Hessin arbeitet am Zentrum Technik und Gesellschaft der Technischen Universität Berlin und beim inter 3-Institut für Ressourcen-management. Die 45-Jährige amtiert zugleich als Sprecherin des Arbeitskreises soziale Bewegungen in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft und gehört dem wissenschaftlichen Beirat des Netzwerks Attac an.

Im Interview spricht Walk über die deutsche Protestszene und erklärt, wie diese durch das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21 und die Katastrophe in Fukushima angeheizt wird. pit

Wie ist das Verhältnis zwischen den Altgedienten und den Hinzugekommenen?

Die meisten alten Bewegungen freuen sich sehr, wenn junge Leute mobilisiert werden. Sie fühlen sich dadurch gestärkt.

Wie lange hält so ein Protest an?

Die Konjunkturen können sehr kurzfristig sein. Aber einige Leute widmen sich den Themen dann langfristig. Deswegen kann so ein Ereignis wie Fukushima zu einer wachsenden Mobilisierung beitragen. Das haben wir in der Geschichte häufig erlebt. Tschernobyl hat auch zu einer langfristigen Mobilisierung geführt.

An diesem Wochenende sehen wir, dass sich Anti-AKW- und Friedensbewegung verbünden über das Thema Ostermärsche. Wie häufig laufen solche verschiedenen Bewegungen zusammen?

Das gab es immer schon. Frauenbewegung oder Arbeiterbewegung lassen sich zum Teil durch neue Bewegungen wieder mobilisieren. Das Zusammengehen von Bewegungen ist eine sehr belebende Sache. Für die Umweltbewegung ist es schön, wenn die Friedensbewegung anknüpfen kann.

Wie ist das Verhältnis zwischen der Klimabewegung und der Anti-AKW-Bewegung? Gibt es eine Konkurrenz, weil manche Klimaaktivisten lieber ein Atomkraftwerk laufen lassen würden als ein klimaschädliches Kohlekraftwerk?

Nein. Eine solche Äußerung wird es von der Klimabewegung nicht geben. Für die Klimabewegung ist es gar keine Frage, dass die AKWs genau so abgeschaltet werden müssen wie die Kohlekraftwerke. Diese beiden Sachen werden nicht gegeneinander ausgespielt. Dass AKWs in der Klimadiskussion wieder zur Sprache kamen, lag nur daran, dass die Industrie in den internationalen Klimaverhandlungen ihre Chance gesehen hat zu erreichen, dass die Politik die Atomkraft wieder unterstützt.

Mit welchen Erfolgen können Bewegungen rechnen, etwa wenn sie jetzt große Demonstrationen zustande bekommen?

Es kommt immer darauf an, welches Gelegenheitsfenster die Bewegungen erwischen. Beispielsweise hat die Bewegung gegen Stuttgart 21 einen Zeitpunkt getroffen, zu dem klar war, dass die Leute unzufrieden sind, dass sie an der Politik nicht mehr beteiligt werden. Fünf Jahre vorher oder fünf Jahre später würden sie mit genau denselben Forderungen überhaupt niemanden auf die Straße bringen.

Stuttgart 21 bewegt die Republik heute nicht mehr so stark. War das Gelegenheitsfenster nur sehr kurz offen?

Ich glaube, dass Stuttgart 21 in der Bevölkerung sehr viel ausgelöst hat in dem Sinne: Wir gehen demonstrieren, wir sagen unsere Meinung. Wir haben jetzt sehr viel häufiger Protestdemonstrationen, auch von Menschen, die früher überhaupt nicht protestiert haben.

Wo denn?

Zum Beispiel hier in Berlin gehen Leute gegen die Flugrouten des neuen Flughafens auf die Straße. Da sind in bestimmten Vierteln Leute auf die Straße gegangen, ohne dass vorher groß mobilisiert wurde. Das war vor fünf Jahren noch anders. Ich glaube, das hat Stuttgart 21 bewirkt.

Mit der Energiewende sind neue Debatten verbunden, etwa über die Notwendigkeit von Stromtrassen oder über die so genannte CCS-Technologie, also die Verpressung von Kohlendioxid in die Erde. Entstehen auch auf diesen Feldern lauter Anti-Bewegungen?

Nein. Was wir eher erleben, sind kleine lokale Protest-Bewegungen. Bei der CCS-Endlagerung findet in den Regionen, wo die Einlagerung geplant ist, relativ großer Protest statt. Das sind alles Versuchsprojekte, die Technik ist ja noch nicht ausgereift. Es ist klar absehbar, dass Risikotechnologien in Deutschland anders diskutiert und auch bekämpft werden als in anderen Ländern. Wir haben in Deutschland keine Technikfeindlichkeit, das sehen wir ja an den erneuerbaren Energien, die sehr stark unterstützt werden. Aber bei den Risikotechnologien haben wir in Deutschland starke Protestinitiativen.

Interview: Pitt von Bebenburg

Datum:  22 | 4 | 2011
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