Herr Matthes, in keinem anderen Land wird die Atomdebatte nach Fukushima so heftig geführt wie hier. Sind die Deutschen hysterisch?
Ich denke eher, sie sind sehr gut informiert, und sie haben ein hohes gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein. Hinzu kommt: In wohl keinem anderen Land der Welt ist in vergleichsweise kurzer Zeit so umfangreich und praktisch demonstriert worden, dass es gute Alternativen zur Kernenergie gibt.
Wichtige Länder wie die USA, China und Russland wollen grundsätzlich am Atomkraft-Ausbau festhalten. Haben sie keine Alternativen?
Doch, natürlich. Aber ein breites politisches Bewusstsein, dass es sie gibt, entsteht erst, wenn wie in Deutschland gezeigt wird: Sie funktionieren nicht nur in Nischenmärkten, sondern können kräftig zur Versorgung beitragen. Wichtig ist aber auch, dass viele, auch kleinere Unternehmen und Privatleute in erneuerbare Energien investieren. Es bleibt aber abzuwarten, ob Staaten wie China oder die USA wirklich bereit sein werden, massive Subventionen für eine 50 Jahre alte Hochrisikotechnologie auszuschütten.
Die Atom-Renaissance fällt flach?
Ich glaube nicht, dass es diese Brachial-Atompolitik in China, Russland, den USA oder sonst wo wirklich geben wird oder dass sie lange tragen könnte. Eine Zeitschrift der Branche hat dies kürzlich so formuliert: Mit der Renaissance der Kernenergie wird es wohl ausgehen wie mit alten Soldaten. Sie sterben nicht, aber eines Tages sind sie einfach nicht mehr da.
In den USA zeigen jüngste Meinungsumfragen eine Mehrheit gegen den AKW-Neubau. Wird das die Politik zum Umdenken bringen?
Gerade die US-Politik nimmt ja Stimmungstrends rasch auf. Ich glaube nicht, dass es nach Fukushima noch möglich ist, die US-Atomindustrie weiter mit hohen Dollarmilliarden zu subventionieren. Und ohne diese Subventionen wird es zweifelsohne keine Atom-Renaissance in den USA geben. Gleiches gilt für Großbritannien.
Wie viel Atomkraft-Zuwachs wäre denn überhaupt realistisch? Eine Verdoppelung der jetzigen Kapazitäten auf 900 Reaktoren?
Für ein solches Wachstum fehlt die industrielle Basis. Denn auch Investitionen in Fertigungsstätten für die Reaktoren erfordern einen hohen Kapitaleinsatz, spezialisiertes Personal und Vertrauen in große Absatzmärkte. Dem massiven Atom-Ausbau steht zudem entgegen, dass viele vorhandene AKW in den nächsten Jahren altersbedingt vom Netz gehen. Ich glaube: Es steht weltweit eine weitere Phase der Kernenergie-Stagnation und dann ein Rückgang der Gesamtkapazität bevor.
Wie könnte man dem Energiehunger besonders in Asien denn dann begegnen und das Weltklima schützen?
Der Energiehunger der Welt erfordert robuste Versorgungsstrategien. Wie wir gerade eindrücklich erleben, ist Kernenergie dabei keineswegs ein ausgesprochen robustes Element. Erneuerbare Energien in allen Formen – Wind, Wasser, Solar, Biomasse, Geothermie et cetera – und eine hocheffiziente, nicht verschwenderische Energienutzung können mittel- und langfristig den Bedarf befriedigen – weltweit und vollständig.
Was wäre die richtige Strategie?
Man braucht ambitionierte Ziele für Effizienz und erneuerbare Energien, belastbare Gesamtkonzepte, sorgfältige Planungen für die Infrastruktur und eine Priorität für Energieeinsparungen. Letzteres hat einen sehr guten Nebeneffekt: Es führt nämlich gleichzeitig zu stark sinkenden Importrechnungen für die Energieträger Erdöl, Kohle und Gas. Außerdem braucht man massive Investitionen in das neue Energiesystem. Deutschland ist hier bereits ein weltweit viel beachtetes Modell, und das können wir noch erheblich ausbauen. Auch im wohlverstandenen wirtschaftlichen Eigeninteresse, denn es winken riesige Märkte.
Interview: Joachim Wille
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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