Professor Zick, wie groß ist der Resonanzboden hierzulande, auf den Sarrazin trifft?
Sarrazin bedient ein rechtspopulistisches Potenzial, das 25 bis 30 Prozent der Bevölkerung umfasst. Zuspruch findet er mit einzelnen Thesen aber bei bis zu 50 Prozent. So haben wir in Befragungen erhoben, dass jeder Zweite findet, wir hätten zu viele Zuwanderer; vier von zehn Bürgern haben Angst vor Überfremdung, nur 16 Prozent meinen, die muslimische Kultur passe hierher. Das sind sogar weniger als etwa in Ungarn oder den Niederlanden.
Sarrazin wird Rassismus vorgeworfen.
Ich finde es treffender, von vulgärem Sozialdarwinismus zu sprechen. Er sortiert ja Menschen in Gruppen und bewertet diese nach ökonomischer Nützlichkeit. Damit reiht er sich ein in eine Tendenz, die wir schon länger beobachten. FDP-Chef Westerwelle hat in der Hartz-IV-Debatte ähnlich argumentiert: zwar nicht biologistisch wie Sarrazin, aber nach Nutzenkriterien. Das zeigt auch unsere Langzeitstudie zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, also zu einer ganzen Palette von Vorurteilen: Die Menschen bewerten ihr Umfeld und ihre sozialen Netze immer mehr nach Nützlichkeitsgesichtspunkten.
Das heißt, die Solidarität in der Gesellschaft schrumpft?
Genau.
Sie haben auch Zusammenhänge zur Finanzkrise untersucht.
Da zeigt sich, dass ökonomisch schlechter gestellte Gruppen und auch verunsicherte Mittelschichts- angehörige eher zu Fremdenfeindlichkeit neigen. Das verbreitete Gefühl politischer Machtlosigkeit verstärkt das noch. Dabei wird die Frustration nicht individuell empfunden, sondern kollektiv. Motto: „Wir müssen die Zeche bezahlen, nicht die anderen.“
Welche Rolle spielt da Sarrazin? Liefert er nur das Ventil zum Dampfablassen, und dann ist wieder Ruhe?
Nein, da findet ein Tabubruch statt. Ich verfolge diverse Chatrooms, schauen Sie mal, wie da jetzt über Bildungsschwache und sozial Schwache geredet wird. Da kommt Hass zum Vorschein. Soziale Normen wie die, dass alle Menschen gleich viel wert sind, gelten da nicht mehr. Insofern sagt Sarrazins Buch weniger aus als die massive Zustimmung dazu, die wir jetzt beobachten müssen.
Was könnte daraus folgen?
Das Schlimmste wäre, wenn die menschenfeindlichen Stereotype einfach im Raum stehen bleiben. Wir haben zwar in Deutschland deutliche Integrationsdefizite, und wir müssen die Sprachlosigkeit darüber beenden. Aber das darf nicht zur Neubewertung des Menschen führen. Es geht darum, von welchem Deutschland wir reden. Von der „bunten Republik“, die Bundespräsident Wulff skizziert hat, oder vom Land der Sarrazins.
Interview: Ursula Rüssmann
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