Frau Geppert-Orthofer, heute endet der Streik der Hebammen in Baden-Württemberg. War die Aktion ein Erfolg?
Aus unserer Sicht war sie erfolgreich. Wir haben viel Unterstützung aus der Bevölkerung erfahren und hatten eine hohe Streikbeteiligung. Im Moment ist die Reaktion der Krankenkassen noch etwas verhalten.
Freiberufler zum Streik zu bewegen ist sonst kaum möglich. Warum gelingt das den Hebammen?
Das liegt an der Not, in der sich die Hebammen befinden. Viele Kolleginnen müssen dem Beruf schweren Herzens den Rücken zukehren, weil sie einfach nicht davon leben können. In der Hoffnung, dass es ankommt, was es bedeutet, wenn Hebammen nicht mehr arbeiten, sind daher auch viele Kolleginnen durchaus bereit, drei oder auch fünf Tage auf ihr Einkommen zu verzichten. Das ist ein letzter Hilfeschrei.
Welche Folgen hat denn die schlechte Bezahlung?
Die Verweildauer im Beruf ist sehr gering. Das sind gerade mal vier Jahre. Wir haben schon ganze Regionen in Baden-Württemberg, in denen es einen regelrechten Hebammenmangel gibt – etwa im Raum Stuttgart. Mit dem Streik wurde deutlich, was es denn bedeuten würde, wenn es keine Hebammen mehr gäbe.
Welche Folgen hätte es denn?
Wir achten sehr früh auf möglicherweise auftretende Komplikationen, so dass viele Probleme gar nicht erst entstehen. Zudem fördern wir auch die Bindung zum Kind und geben den jungen Familien Orientierung. Das wäre weg.
Aber es gibt ja auch zahlreiche andere Angebote ...
Natürlich. Der Vorteil der Hebammen-Betreuung ist aber die Niedrigschwelligkeit. Die Hebamme kommt. Zu den anderen Angeboten, müssen die Frauen hingehen. Das tut man erst, wenn es einem schlecht geht, wir sind schon vorher da. Auch Frau Schröders Gesetzentwurf zu den Familienhebammen wäre hinfällig, wenn es keine Hebammen mehr gäbe.
Familienministerin Kristina Schröder (CDU) will Familienhebammen verstärkt in Problem-Familien einsetzen. Dort sollen sie präventiv arbeiten, um zu
verhindern, dass Kinder vernachlässigt werden. Dafür will Schröder 120 Millionen Euro aufbringen.
Die Details dieser Förderung sind derzeit aber noch unklar. Das Ministerium hat zwar einen ersten Entwurf des Gesetzestextes erarbeitet, der allerdings noch nicht veröffentlicht wurde. Er wird
vorher zwischen den Ministerien abgestimmt.
Familienhebammen begleiten Mütter und ihre Kinder das komplette erste Jahr nach der Geburt. Typische Klienten sind Alkohol- und Drogenabhängige, psychisch Kranke, Minderjährige oder Alleinerziehende. Dabei bieten sie vor allem eine Hilfe zur Selbsthilfe und stellen etwa den Kontakt zu anderen Hilfsangeboten her. Dazu arbeiten sie eng mit den entsprechenden Institutionen, wie Jugend- oder Sozialämtern, und medizinischen Diensten zusammen. Hebammen, die als Familienhebammen arbeiten wollen, brauchen eine spezielle Zusatzausbildung. (ak)
Und was sind Ihre Forderungen an die Krankenkassen?
Wir brauchen mehr Geld und eine Regelung, die so extrem hohe Kosten wie dieses Jahr die Erhöhung der Haftpflichtversicherung ausgleicht. Solche Ausgaben müssten bei der Vergütung mitberücksichtigt werden. Herr Rösler hat das ja jetzt schon mal versprochen.
Und wie haben die Kassen auf den Streik reagiert?
Verhalten. Es gab eine Krankenkasse, das war die AOK Ludwigsburg, die den Hebammen gedroht hat, den Vertrag zu kündigen, wenn sie die Arbeit niederlegen. Das entbehrt natürlich jeder Grundlage. Die AOK bezieht sich auf einen Paragrafen, nach dem die Hebamme erreichbar sein muss. Das ist aber gewährleistet, wenn die Vertretung auf dem Anrufbeantworter benannt ist.
Kann auch die Bundesregierung den Hebammen helfen?
Die Politik könnte einmalig das Beitragsstabilitätsgesetz aushebeln, damit die Vergütung von der Schiedsstelle angemessen angehoben werden kann – etwa um 30 Prozent. Dann wären wir auch auf einem Niveau, auf dem wir künftig vernünftig mit den Krankenkassen verhandeln könnten.
Interview: Andreas Kraft
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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