Herr Professor Walter, was ist eine Volkspartei?
Bei Politikwissenschaftlern war der Begriff nie beliebt, weil er unscharf ist. Die Volkspartei versucht, verschiedene Schichten anzusprechen, sich nicht nur aus einer Weltanschauung zu speisen und offen für unterschiedliche Koalitionen zu sein. Die Hochzeit der Volksparteien war, als sie auf die 40 Prozent zugingen.
Was ist mit den ehemaligen Supermächten der deutschen Nachkriegsgeschichte passiert?
Sie haben funktioniert, solange sie noch vorvolksparteilichen Stoff hatten. Der Kern der CDU/CSU war katholisch, mit einer genauen Weltanschauung. Bei den Sozialdemokraten waren das die gewerkschaftlichen Basisaktivisten, die sich über ihre sozialistische Weltanschauung mit der Partei verbunden fühlten. Solange es diese Loyalitätspolster aus gemeinsamer Weltanschauung gegeben hat, konnten die Volksparteien elastisch sein. Seitdem CDU und SPD nicht mehr Weltanschauungspartei sind, schmelzen sie von ihrer Mitte aus. Die SPD hat in den vergangenen Jahren die meisten Stimmen bei den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern verloren, die CDU verliert besonders stark bei den Unternehmern und Katholiken.
Ist es klug, dass etwa die CDU unter Kanzlerin Merkel ihren Kurs immer wieder neu ausrichtet?
Es ist nicht falsch, dass eine Partei sich verändert, aber den roten Faden sollte man noch erkennen. Die Parteien ändern ihre Meinung, ohne das zu erörtern. Man sagt, die Wähler seien wechselhaft geworden. Ich glaube, dass die Parteien wechselhaft geworden sind. Die Menschen haben eigentlich ein Set von Maßstäben, wie sie Kinder erziehen, mit dem Partner umgehen, am Arbeitsplatz agieren und wen sie wählen.
Dann haben SPD und CDU alles falsch gemacht?
Für eine Partei ist es auch schwierig, sich zu verändern und gleichzeitig die Über-60-Jährigen, bei denen etwa die CDU nur noch Volkspartei ist, nicht zu verprellen. Deswegen ist Frau Merkel zur Pssst-Strategie übergegangen.
Warum leiden nur die Grünen nicht unter dem derzeitigen Politikverdruss?
SPD und CDU waren in den vergangenen Jahren sehr wechselhaft in ihren Ansagen. Nur die Grünen nicht, was ideal für die komplexitätsmüden Wähler ist. Und Joschka Fischer hat jede Veränderung in seiner Biografie als ein Erweckungserlebnis dargestellt. Er hat seine Zerrissenheit zwischen Pazifismus und Kriegseinsätzen so groß gemacht, dass es immer mindestens darum ging, Auschwitz zu verhindern. Wir alle in dieser Generation sind älter geworden, halten uns für realpolitisch, und das haben die Grünen mitreflektiert. Man ist nicht mehr so rebellisch wie damals, aber im Grunde ist man immer noch derselbe, fährt immer noch zweimal im Jahr zu Anti-AKW-Demos. Aber jetzt mit Kindern, mehr als Volksvergnügen. Den Konservatismus, den jede Veränderung braucht, haben CDU und SPD vernachlässigt.
Also sind die Grünen die eigentlichen Konservativen?
Ja. Jürgen Trittin und Claudia Roth sind schon gefühlte 50 Jahre an der Parteispitze. Und sie agieren ganz als Bewahrer: Die CDU trat in ihrer erfolgreichen Zeit als Schutzmacht des Christlichen auf. Die Grünen gewinnen derzeit als Wahrer von Schöpfung und Natur.
Interview: Grete Götze
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