kalaydo.de Anzeigen

Auswärtiges Amt zur NS-Zeit: „Dem Amt gelang es, sich mit einem Mythos der Unschuld zu umgeben“

Die DDR-Staatssicherheit wusste schon in den 70er Jahren von den Verbrechen der Diplomaten. Historiker Norbert Frei, Mitautor der Studie zum Außenministerium in der NS-Zeit, erklärt, warum die Verstrickungen in den Massenmord erst jetzt diskutiert werden.

Berlin, 1939: Das Auswärtige Amt  ganz im Zeichen des Regimes. Zwischen    den NS-Fahnen hängt die Flagge Bulgariens anlässlich eines Empfangs.
Berlin, 1939: Das Auswärtige Amt ganz im Zeichen des Regimes. Zwischen    den NS-Fahnen hängt die Flagge Bulgariens anlässlich eines Empfangs.
Foto: Sueddeutsche Zeitung Photo

Professor Frei, Ihr Buch enthält bekannte Dokumente, fußt auf einschlägiger Forschung. Was ist denn das Neue?

Die wenigen Spezialstudien zum Auswärtigen Amt in der NS-Zeit sind einer breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt. Hans-Jürgen Döschers wichtige Arbeit von 1987 haben die alten Seilschaften madiggemacht – allein Rudolf Augstein im Spiegel hat das Buch umfassend gewürdigt –, und eine bedeutende Arbeit wie die von Christopher Browning lag lange Zeit nur auf Englisch vor. Wir haben all das systematisch mit neuem Material aus einer Vielzahl von Archiven zusammengeführt. Und wir haben uns nicht auf die NS-Zeit beschränkt, sondern auch den Umgang mit der Geschichte des Amtes nach dessen Wiedergründung 1951 systematisch einbezogen.

Zur Person
        

Uni Jena

Norbert Frei,
gehört zu den profiliertesten Historikern zur NS-Zeit. Seit 2005 arbeitete er an der Studie zum Auswärtigen Amt mit.
Die Sonderstellung des politischen Archivs des Außenamtes wird nach Ansicht von EX-Außenminister Joschka Fischer (Grüne) bis heute dazu benutzt, „eine ganz eigene Politik zu machen“, kritisierte er im Deutschlandfunk. Anders
als andere Regierungsakten werden
die historischen Dokumente des Auswärtigen Amtes nicht im Bundesarchiv verwaltet, sondern vom Amt selbst.
Die Historiker-Kommission bemängelte, dass ihre Arbeit durch die „eingeschliffenen strukturellen Sonderbedingungen“ des dortigen Archivs erschwert wurden. Sie liefen einem „demokratisch transparenten Archivzugang“ zuwider.
Die Nutzung des Archivs habe sich „in der Praxis als schwierig“ erwiesen. Es habe auch Vorbehalte einzelner Mitarbeiter gegen den Auftrag der Kommission gegeben. So habe es ausdrücklicher Interventionen der Amtsspitze bedurft, um sicherzustellen, dass die Historiker „alle für ihre Arbeit wesentlichen Unterlagen zu Gesicht“ bekamen. eff

Was ist das große Ganze, die Summe aus Ihrer Addition einzelner Teile?

Es ist – wenn Sie so wollen – eine doppelte Geschichte: Wir zeigen zum einen, wie unverzüglich, bereitwillig, professionell und konsequent sich das Auswärtige Amt seit 1933 dem neuen Regime zur Verfügung gestellt hat. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, ist das Diplomatische Korps Teil jener Politik geworden, die zum Holocaust geführt hat. Zum anderen zeigen wir, wie rasch nach 1945 die Legende gestrickt wurde, dass es eigentlich nur die dem Amt „fremden“ Elemente aus NSDAP, SA und SS gewesen seien, die an den Verbrechen des Regimes mitgewirkt hätten. Dagegen sei das Amt im Kern „gesund“ geblieben. Diese Legende wurde schon im Vorfeld des Weizsäcker-Prozesses (1947–49) entwickelt und galt noch Jahrzehnte danach als unumstößliche Tatsache.

Dass das Ministerium eines Verbrecher-Staates auch selbst verbrecherisch ist – hat Sie das wirklich erstaunt?

Als Historiker, der sich seit langem mit der NS-Zeit befasst, habe ich mir da keine Illusionen gemacht. Aber wir haben die Dinge vom Kopf auf die Füße gestellt. Statt nach der Rolle des Auswärtigen Amtes im Dritten Reich zu fragen – so, als ob das Amt und das Regime zwei verschiedene Einheiten gewesen wären –, haben wir als Ausgangshypothese formuliert: Das Auswärtige Amt im Dritten Reich war das Auswärtige Amt des Dritten Reiches.

Diplomaten, Intellektuelle, unter ihnen viele Adlige, als Sprachrohre Hitlers – das passt gar nicht zum Bild von der Klientel der Nazis.

An Ernst von Weizsäcker lässt sich dieser scheinbare Widerspruch auflösen: Nationalkonservativ gesinnte Männer wie er haben geglaubt, sie müssten und sie könnten diese „junge“ Bewegung des Nationalsozialismus auf ihrem fachlichen Terrain, der Außenpolitik, in „vernünftige“ Bahnen lenken. Zum anderen gab es die „Teilidentität der Ziele“: Die revisionistische Außenpolitik Hitlers war im bürgerlichen Lager willkommen. Weizsäcker wollte, wie er beteuerte, den „großen Krieg“ verhindern. Aber auch als dieser begonnen hatte, blieb er im Amt. Im Bemühen, das Schlimmste zu verhindern, hat er am Ende eben viel Schlimmes mitgemacht. Auch darin war er nicht untypisch.

Haben Sie im Zuge Ihrer Arbeit womöglich neu das Trauma der 68er-Generation gespürt oder nachempfunden: auf eine Gesellschaft zu stoßen, die nichts Böses getan und von nichts gewusst haben wollte?

Man muss nicht der 68er-Generation angehören, um zu wissen, dass es dem Auswärtigen Amt besonders gut gelungen war, sich mit einem Unschulds-Mythos zu umgeben – was ja schon eine Leistung war angesichts des Wilhelmstraßen-Prozesses, in dem führende Diplomaten wegen ihrer Mitwirkung an Verbrechen verurteilt worden waren. Hinter der Legende vom Auswärtigen Amt als Hort des Widerstands stand das Ziel, den alten Diplomaten aus der Wilhelmstraße in Berlin eine Brücke zu bauen in das neue Bonner Außenamt. Und diese Brücke hat ungewöhnlich lange gehalten: Auch nachfolgende Diplomatengenerationen haben den Mythos für bare Münze genommen.

Dann aber noch einmal: Wie war das nach 68 möglich – also nach der radikalen Entmythologisierung der Westdeutschen in Bezug auf die NS-Zeit?

Das Stirnrunzeln hatte sogar schon früher begonnen. Bereits im Herbst 1951 nahm ein Bundestags-Untersuchungsausschuss die hohe Zahl der NS-Belasteten im Auswärtigen Dienst unter die Lupe, und auch die DDR ließ propagandistisch nichts unversucht, die westdeutschen Diplomaten – wie die bundesrepublikanischen Funktionseliten insgesamt – als deckungsgleich mit denen des Dritten Reiches hinzustellen. Also, Zweifel an der Legende gab es immer. Die Frage ist nur, wann sie gesellschaftlich so wirkmächtig wurden, dass sich etwas veränderte. Dass sich im Zuge der 68er-Bewegung im Amt viel verändert hätte, kann ich nicht sehen.

Eben. Offenbar musste erst ein 68er – Joschka Fischer – Außenminister werden, damit das aufhörte.

Oder andersherum: Die Bewahrer des Mythos mussten sich so sehr an diesem Sprung eines 68ers auf den Ministersessel stören, dass sie zu Methoden griffen, die sechs Jahrzehnte nach Kriegsende gesellschaftlich nicht mehr vermittelbar waren.

Eine historische Dialektik ganz eigener Art?

Jedenfalls stünde, wenn sich Fischers Gegner im Auswärtigen Amt nicht so sehr auf eine Abrechnung mit ihm eingeschossen hätten, die Aufarbeitung der Geschichte des Amtes wohl immer noch aus. Dass sich eine so bedeutende Institution wie das Auswärtige Amt darauf am Ende verstanden hat, das ziert unsere Demokratie.

Was Sie herausgefunden haben, passt Fischer gut in den Kram.

Die Unterstellung, wir hätten in seinem Interesse geforscht, ist absurd. Berufen hat uns Herr Fischer, den Vertrag unterzeichnet haben erst wir bei seinem Nachfolger, Herrn Steinmeier. Den fertigen Bericht übergeben wir seinem Nach-Nachfolger, Herrn Westerwelle.

Ihnen wird auch mangelnde Differenzierung vorgeworfen

Wir haben sehr darauf geachtet, die – wenigen – Beispiele aktiver NS-Gegnerschaft im Amt deutlich herauszuarbeiten. Schon um zu zeigen: Es gab – auch in der Diktatur – Handlungsmöglichkeiten. Man konnte sich so oder so entscheiden.

Von der großen Zahl der Diplomaten mit NS-Vergangenheit auf das Maß ideologischer Kontinuität zu schließen, ist aber schon gewagt.

Es ist doch evident, und ich sage: zum Glück, dass die „Ehemaligen“ im neuen Amt die Westpolitik Konrad Adenauers professionell umgesetzt haben. Manche hatten ein paar Anpassungsschwierigkeiten, aber sie haben ihre „zweite Chance“ genutzt und sich im Sinne der Demokratie angepasst. Zugleich gab es mentale Kontinuitäten und eine vergangenheitspolitische Nebenagenda bis weit in die Geschichte der Bundesrepublik hinein. So hat die im AA angesiedelte „Zentrale Rechtsschutzstelle“ NS-Täter zum Beispiel davor gewarnt, nach Frankreich in den Urlaub zu fahren, weil ihnen dort möglicherweise eine Verhaftung drohte. Rechtsschutz wurde hier als Täterschutz verstanden.

Warum hatte ein Mann wie Willy Brandt eine solche Beißhemmung gegenüber diesen Umtrieben im Amt?

Das ist eine komplexe Frage. Ein Motiv war zweifellos ein ganz pragmatisches: Er brauchte Diplomaten, die für seine außenpolitische Agenda – sprich: eine neue Ostpolitik – aufgeschlossen waren. War dies der Fall, war die Vergangenheit nicht mehr so wichtig.

Kam es ihm womöglich als zu heikel oder aussichtslos vor, als Sozialdemokrat ein konservativ geprägtes Ministerium aufzumischen?

Bedenken Sie: Der Kanzler der Großen Koalition war Kurt Georg Kiesinger, ehemals NSDAP-Mitglied und Angehöriger der Wilhelmstraße. Versuchen Sie sich mal vorzustellen, was passiert wäre, wenn Brandt öffentlichkeitswirksam ehemalige Parteigenossen von Spitzenfunktionen im Amt oder von Botschafterposten abberufen hätte. Trotzdem war das für die wenigen Sozialdemokraten im Auswärtigen Dienst natürlich bitter. Sie hatten sich von Brandts Tätigkeit als Minister in der Tat anderes erhofft.

Interview: Joachim Frank

Datum:  27 | 10 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Stephan Hebel über die Blockupy-Proteste in Frankfurt und die Repressionspolitik der Grünen. Souverän in der Arena reagiert Schiedsrichter Wolfgang Stark. Der Verlierer auf der politischen Bühne ist in dieser Woche Norbert Röttgen.

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (293 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!