Herr Barrera, was ist die Aufgabe des Menschenrechtszentrums Tlachinollan?
Das Unsichtbare sichtbar zu machen. Wir kümmern uns um diejenigen, die in Vergessenheit leben. In einer Region, die zu den ärmsten Mexikos gehört, verhelfen wir den Ureinwohnern in den Bergen von Guerrero zu ihrem Recht.
Abel Barrera Hernández stammt aus dem mexikanischen Tlapa (Bundesstaat Guerrero) und ist Gründer und Chef des Menschenrechtszentrums Tlachinollan.
Der heute 50-Jährige absolvierte eine Priester-Ausbildung, beschäftigte sich mit der Befreiungstheologie und studierte schließlich Anthropologie. keh
Was sind die besonderen Probleme, denen sich die Ureinwohner hier gegenübersehen?
Hier zu leben, heißt krank geboren zu werden, mit Hunger und in der Dunkelheit zu leben, die der Analphabetismus bedeutet. Darum ringen wir mit den Behörden um Lehrer, Ärzte, Nahrungsmittel. Auch die Justiz ist unerreichbar für die indigenen Völker. Sie müssen drei Stunden aus den Bergen kommen, sie müssen Spanisch sprechen, was nur wenige können, sie brauchen einen Anwalt, den sie nicht bezahlen können. Wir eröffnen ihnen Zugang zur Justiz, stellen Übersetzer.
Aufgaben, die eigentlich dem Staat zufallen …
Der Staat hat abgedankt. Das Vakuum müssen wir füllen. Tlachinollan ist längst mehr als eine Organisation, die Menschenrechte schützt. Wir sind Vermittler zwischen Bürgern, die beim Staat mit ihren Anliegen kein Gehör finden.
Aber der Staat tritt zudem auch noch als Aggressor auf.
Der Krieg gegen die Drogenbanden ist ein Krieg gegen die Armen geworden. Und in dem Kontext hat sich die Region militarisiert – vor allem die Indigenen sind Folter, Verschleppungen und Hausdurchsuchungen ausgesetzt. Armut wird zum Straftatbestand. Wir Menschenrechtsverteidiger sind unerwünschte Personen für die Regierung, weil wir angesichts der Missstände die Stimme erheben. Dafür werden wir als Handlanger der Drogenbanden beschimpft. Aber wir haben in 17 Jahren gezeigt, dass wir nur den Ureinwohnern verpflichtet sind.
Also ist das Verhältnis zu den Behörden schlecht?
Sagen wir, es ist kompliziert. Wir sind ein unangenehmer Akteur. Aber wir haben bewiesen, dass eine Nichtregierungsorganisation den Menschen helfen kann, ohne dass sie dafür bezahlen oder gar ein Schmiergeld auf den Tisch legen müssen. Wir haben soziales und ethisches Kapital, das uns auf nationaler und regionaler Ebene Respekt einbringt.
Was bedeutet für Sie der Menschenrechtspreis von Amnesty International?
Mir ist es fast ein bisschen unangenehm. Die wahren Helden sind die vergessenen Menschen, für die wir uns einsetzen. Diejenigen, die Drohungen und Missbrauch ausgesetzt sind, die auf dem Boden schlafen und hungern müssen. Diejenigen, deren Leben oft an einem dünnen Faden hängt. Mit ihnen möchte ich den Preis teilen.
Interview: Klaus Ehringfeld
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