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US-Einwanderungsgesetz: „Du wachst auf und denkst, heute kann es dich treffen“

Im US-Bundesstaat Arizona tritt ein umstrittenes Einwanderungsgesetz in Kraft – eine Begegnung mit denen, die gar nicht da sein dürften.

Flucht vor dem Drogenkrieg: Viele versuchen, aus Mexikos Grenzstadt Ciudad Juarez  in die USA zu gelangen.
Flucht vor dem Drogenkrieg: Viele versuchen, aus Mexikos Grenzstadt Ciudad Juarez in die USA zu gelangen.
Foto: REUTERS
Washington –  

Isabelle Vargas hat das sorgenvolle Gesicht der Mutter noch vor Augen. Warum musst du da hin, hat die Mutter zu Hause in Boston beim Abschied immer wieder gefragt. Was ist, wenn etwas passiert? Wenn die Polizei kommt? Die junge Frau schiebt sich eine schwarze Locke aus dem Gesicht und lacht. Nicht auffallen, das war die Devise der Eltern, seit die Familie vor zehn Jahren aus der Dominikanischen Republik in die USA kam. „Aber ich will nicht zu Hause sitzen und Angst haben“, sagt Isabelle, plötzlich ernst. „Wenn ich abgeschoben werde, habe ich gekämpft.“
Es ist brütend heiß in Washington, Isabelle Vargas sitzt auf einer Parkbank vor dem Weißen Haus. In ihrem bunten Sommerkleid könnte die junge Frau mit der braunen Haut der Karibik auch eine Touristin sein. Agenten vom Secret Service radeln in kurzen Hosen durch den Park. Isabelle dürfte gar nicht hier sein, doch sie schaut den Beamten nur gelangweilt hinterher.
Dabei hat die Mutter ja recht: Dies sind keine guten Zeiten für Menschen wie sie. Menschen, die illegal ins Land kamen, die keine gültigen Aufenthaltspapiere besitzen. Der Wüstenstaat Arizona an der Grenze zu Mexiko hat mit einem restriktiven Gesetz, das am heutigen Donnerstag teilweise in Kraft tritt, die Einwanderungsdebatte vergiftet. Erstmals hat ein Bundesstaat die Durchsetzung des Aufenthaltsrechts – eigentlich eine Angelegenheit der Regierung in Washington – selbst in die Hand genommen. Überall im Land gibt es jetzt Nachahmer-Initiativen. Befürworter sprechen von einem Meilenstein im Kampf gegen unkontrollierte Zuwanderung. Gegner fürchten Schikanen gegen jeden, der hispanisch aussieht, und eine Menschenhatz.

Gegner der Reform fürchten Schikanen


Niemand weiß genau, wie viele „Illegals“ in den USA leben. Geschätzt wird ihre Zahl auf knapp elf Millionen. Das wären deutlich weniger als noch vor drei Jahren. Ein Grund ist die Wirtschaftskrise: In den Boomjahren waren die billigen Arbeitskräfte aus dem Süden im Grunde willkommen. Amerika schimpfte über die Illegalen, die angeblich Drogen und Kriminalität ins Land bringen – aber man ließ sich von ihnen den Rasen mähen, die Kinder hüten. Die Behörden schauten weg. Jetzt werden viele dieser Arbeitskräfte nicht mehr gebraucht. Weniger kommen, andere kehren in ihre Heimatländer zurück, weil sie keine Arbeit mehr finden.
Ein anderer Grund sind verschärfte Kontrollen. Die Regierung von Präsident Barack Obama zog gegen das Arizona-Gesetz zwar vor Gericht, doch auch Obama demonstriert Härte: An die Grenze zu Mexiko entsandte der Präsident zusätzlich 1200 Nationalgardisten.
Planziel im laufenden Jahr sind 400.000 Abschiebungen, zehn Prozent mehr als im Schnitt der Bush-Jahre.
2009 holte die Polizei auch eine Tante von Isabelle Vargas ab. „Sie war schwanger und ist mit einem US-Bürger verheiratet“, erzählt das Mädchen, „sie lebte 25 Jahre in den USA, hatte aber keine Papiere.“ Ihr Kind brachte sie in der Dominikanischen Republik zur Welt. Der Vater kam nur zu Besuch. Jetzt hat er offiziell beantragt, seine Familie in die USA holen zu dürfen. Das aber wird viel Geduld erfordern.
Noch vor wenigen Jahren sah es so aus, als könnte der Kongress eine umfassende Einwanderungsreform verabschieden, die beides verknüpft: verstärkte Maßnahmen gegen illegale Zuwanderung und die Legalisierung all jener, die teils schon lange Zeit im Land sind, die arbeiten, Steuern zahlen und sich nichts haben zuschulden kommen lassen. Doch daraus wurde nichts. Spätestens seit die Arbeitslosigkeit explodierte, blasen die politischen Winde in eine andere Richtung. Noch vor zwei Jahren gingen Hunderttausende für eine große Einwanderungsreform auf die Straße. Jetzt haben Hardliner die Oberhand.

An Universitäten wird nach dem Aufenthaltsstatus gefragt


Bei den Betroffenen wurde aus Hoffnung Verzweiflung und Angst. „Du wachst jeden Morgen auf und denkst: Heute kann es dich treffen“, sagt Isabelle Vargas. Wenn ihr Vater von der Arbeit nach Hause kommt, geht er kaum noch aus dem Haus. Dabei wohnen sie im liberalen Boston, nicht in Arizona. Die Tochter kann nicht wie ihre Freundinnen einen Führerschein machen. Im Juni hat sie mit Bestnoten die Highschool abgeschlossen, aber keine staatliche Universität würde Isabelle Vargas aufnehmen. An Schulen wird nicht nach dem Aufenthaltsstatus gefragt, an Universitäten schon. „Viele geben auf, schlagen sich mit Billigjobs durch, bei denen sie Bargeld erhalten und keine Papiere brauchen“, erzählt die 18-Jährige, „sie haben keine Perspektive.“
Isabelle Vargas will sich damit nicht abfinden. Deshalb ist sie nach Washington gekommen, deshalb steht sie seit Tagen mit ein paar Dutzend Jugendlichen vor dem Weißen Haus und erzählt unerschrocken jedem, der es wissen will, dass sie eigentlich nicht hier sein dürfte.
„Dreamer“ nennen sich die jungen Leute, Träumer. „Wir sind die Generation 1.5“, sagt Carlos Saavedra, „wir kamen mit unseren Eltern als Kinder ins Land, wir sind hier aufgewachsen, wir kennen nichts anderes. Die USA ist unsere Heimat. Du sagst nicht, ich komme aus Mexiko oder Guatemala, du sagst, ich komme aus Chicago oder New York.“
Saavedra war zwölf Jahre alt, als seine Eltern aus Peru in die USA gingen. Sein kleiner Bruder Rodrigo war erst vier. Heute ist Rodrigo ein schmächtiger Teenager mit schwarzem Wuschelkopf, der davon träumt, Journalist zu werden. Erst als er zehn Jahre alt war, haben die Eltern ihm gesagt, dass sie illegal in den USA leben. Und dass er niemandem etwas davon sagen dürfe.

Einwanderkinder hoffen auf den "Dream Act"


„Ich war traurig“, erzählt Rodrigo, „ich habe das damals nicht verstanden.“ Seine Freunde hat er dann doch eingeweiht. „Anders als unsere Eltern leben wir nicht zurückgezogen“, sagt Rodrigo, „ich wollte nicht lügen.“ Es ist eine fragile Normalität, in die er sich flüchtet. Nicht dran denken, und aufpassen, wem man was sagt. Zwei Jahre wird der 16-Jährige noch zur Schule gehen, dann steht auch er vor der großen Ungewissheit, wird auch er nicht wissen, wie es weitergeht. Es sei denn, der Kongress findet doch noch den Mut, zumindest jungen „Illegals“ wie Rodrigo Saavedra und Isabelle Vargas eine Brücke in die Legalität zu bauen.
Ihre Hoffnungen setzen sie auf eine Gesetzesvorlage im Kongress, den sogenannten Dream Act. Die Novelle – im Grunde eine abgespeckte Fassung der großen Einwanderungsreform – will Menschen, die ohne gültige Papiere vor ihrem 16. Lebensjahr in die USA kamen, dort seit mindestens fünf Jahren leben und entweder zum Militär oder an eine Universität gehen wollen, ein Aufenthaltsrecht einräumen.
„Es wäre ein Kompromiss“, sagt Carlos Saavedra, „zwei Millionen Jugendliche bekämen eine Perspektive. Mehr ist im aktuellen politischen Klima nicht möglich.“ In Umfragen ist eine Mehrheit der US-Bürger dafür. „Es geht um Kinder, die lernen, die alles richtig machen und von einer besseren Zukunft träumen“, sagt Saavedra. Dagegen kommen selbst Angstkampagnen nur schwer an.
Doch auch der Dream Act, glaubt der junge Mann, werde ein Traum bleiben, „wenn der Präsident nicht endlich Führungsstärke zeigt“. Von Obama ist Saavedra enttäuscht. „Er hat über Wandel gesprochen, er hat uns Hilfe zugesagt“, schaut er grimmig in Richtung Weißes Haus. „Aber was hat er getan? Nichts.“

Datum:  28 | 7 | 2010
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