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"Ehrenmord": Wenn der Bruder zusticht

Die 16-jährige Morsal O. hatte keine Chance. 23 Mal stach der Täter auf das Mädchen ein - es war ihr eigener Bruder. Jetzt steht er in Hamburg vor Gericht. Von Bernhard Honnigfort

Eine junge Frau im Sarg, umgeben von vielen Männern -  das Begräbnis der Morsal O. im Mai.
Eine junge Frau im Sarg, umgeben von vielen Männern - das Begräbnis der Morsal O. im Mai.
Foto: ddp

Der Täter stach 23 Mal auf das Mädchen ein. In den Rücken, in den Nacken, in den Oberkörper. Die 16-jährige Morsal O. hatte keine Chance. Die junge Deutsch-Afghanin verblutete auf einem Parkplatz unweit eines U-Bahnhofs im Hamburger Stadtteil St. Georg. Es war Donnerstag, der 15. Mai 2008, gegen 23.15 Uhr.

Ab Dienstag sitzt ihr Bruder Ahmad-Sobair O. auf der Anklagebank des Hamburger Landgerichts. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm heimtückischen Mord aus niederen Motiven vor. Der Angeklagte, ein 24-jähriger Mann, der schon öfter bei Streit zum Messer gegriffen haben soll, hat die Tat gestanden. Es soll ein sogenannter Ehrenmord gewesen sein: Weil das Mädchen sich von der Familie abgewandt und nach Ansicht des Bruders unangemessen gekleidet und in der Öffentlichkeit bewegt hatte, will er das Verbrechen begangen haben. Der junge Mann, so die Staatsanwaltschaft, nahm an, seine Schwester arbeite zudem als Prostituierte.

Der Fall hatte Entsetzen in Hamburg ausgelöst, denn später stellte sich heraus, dass dem Verbrechen ein jahrelanges Martyrium vorausgegangen war. Durch eine Anfrage in der Hamburger Bürgerschaft kam heraus: Das lebensfrohe Mädchen war von der Familie geschlagen und misshandelt worden. Mehrmals habe sich Morsal O. auch an die Polizei um Hilfe gewandt, sei aber wieder nach Hause geschickt worden. Im März 2007 schickte die Familie sie nach Afghanistan, um die dortigen Bräuche und Sitten zu lernen. Auch sollte sie angeblich in Afghanistan zwangsverheiratet werden, aber dazu kam es nicht.

Als sie wieder in Hamburg war, ging das Drama weiter. Die Eltern nahmen sie von der Schule, eine Schwester verprügelte sie und riss ihr büschelweise Haare aus. Verfahren gegen Familienmitglieder wurden eingeleitet und eingestellt, weil das Mädchen Anzeigen zurückzog. Sie schien hin- und hergerissen: Sie floh in Jugendhilfeeinrichtungen und kehrte dann freiwillig zur Familie zurück.

Im März 2008 schlug der Bruder sie zusammen. Die Polizei wurde sogar Zeuge. Diesmal zeigte Morsal ihn an, wich nicht zurück und zog in ein Mädchenhaus. Am 11. Mai kam sie jedoch nach Hause zurück. Der Vater verprügelte sie, sie floh, der Bruder fing sie ein, schlug ihr einen Zahn aus. Schließlich landete sie beim Jugendnotdienst, wo sie am 15. Mai der Bruder anrief und sie auf den Parkplatz bestellte, auf dem sie sterben sollte.

"Es sind keine Lehren gezogen worden aus dem Drama", sagt Bülent Ciftlik, SPD-Bürgerschaftsabgeordneter. Er erinnert daran, dass Morsals Tod kein Einzelfall ist: Wenige Wochen zuvor war in Hamburg eine türkische Frau von ihrem Lebensgefährten erschossen worden. "Wenn Gefahr besteht, muss der Staat den Mut aufbringen und ein Kind aus der Familie entfernen", fordert der SPD-Politiker. Und gegenüber jungen Männern, die sich "über die Polizei schlapp lachen", müsse staatliche Gewalt "unnachgiebig" sein.

Für Ciftlik sind die jungen Gewalttäter mit Migrationshintergrund und ein Schulsystem, das nicht auf nichtdeutsche Kinder eingehe, das Problem. Jeder dritte Jugendliche mit ausländischen Eltern habe keinen Schulabschluss und keine Arbeit. "Viel zu viele fallen durch den Rost." Ciftlik: "Die jungen Männer sprechen kaum Deutsch, sie haben keinen Job, sie sind überfordert und spielen dann noch Familienoberhaupt."

Morsals Bruder galt als aggressiv. Einem Autofahrer, der ihn einmal behinderte, soll er ein Messer ins Bein gerammt haben. Ein anderes Mal soll er in eine Messerstecherei verwickelt gewesen sein. Nach dem Mord an Morsal fuhr er in einem Taxi davon. Dem Fahrer soll er gesagt haben, er hoffe, seine Schwester sei jetzt tot. Nach seiner Festnahme wiederholte er das Geständnis bei der Polizei.

Ein Anwalt sagt, der Bruder bereue die Tat an seiner Schwester. Seine Familie distanziert sich von ihm. "Mein Sohn ist ein Verbrecher", sagte der Vater dem NDR. Der Prozess wird mindestens bis Februar dauern.

Autor:  BERNHARD HONNIGFORT
Datum:  16 | 12 | 2008
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