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Zeitforscher Geißler: "Ein Marathon kann nur sonntags sein"

Sechs Tage hat das Individuum Zeit sich selbst zu verwirklichen - der siebte ist der Tag der Gemeinschaft. Ohne ihn gäbe es keine Gesellschaft, meint der Zeitforscher Karlheinz Geißler.

Karlheinz Geißler forscht über die Zeit.  Der 65-Jährige lehrte bis 2006 an der Universität der Bundeswehr.
Karlheinz Geißler forscht über die Zeit. Der 65-Jährige lehrte bis 2006 an der Universität der Bundeswehr.
Foto: privat

Herr Geißler, Sie begrüßen das Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Warum?

Weil es deutlich macht, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, und vom Geld verdienen und Geld ausgeben, sondern auch von anderen Dingen: Sinnfindung, Gemeinschaft. Der Sonntag ist ein Tag, der der Gemeinschaft gewidmet ist, die anderen Tage stehen im Zeichen des Individuums. Die Freiheit des Individuums wird am Sonntag eben eingeschränkt, um die Freiheit der Gemeinschaft zu ermöglichen. Ohne den Sonntag gäbe es keine Gesellschaft.

Zur Person

Karlheinz Geißler forscht über die Zeit. Der 65-Jährige lehrte bis 2006 an der Universität der Bundeswehr.

Liegt dem nicht ein idealisiertes Bild des deutschen Sonntags zugrunde? Der spielt sich doch oft ab vor dem Computer oder mit der Hitparade der Volksmusik.

So ist es. Aber der Sonntag existierte nie in Reinkultur. Es geht um die Umsetzung einer Idee und um die Bedingungen, unter denen sie realisiert werden kann.

Kann das gemeinsame Bummeln, Schauen und Einkaufen kein Gemeinschaftserlebnis sein ?

Das könnte es sein. In dem Augenblick, in dem der Akt des Schauens und Kaufens vergemeinschaftet wäre, hätte ich kein großes Problem damit. Aber das ist ja gerade nicht so, sondern das Kaufen vereinzelt die Menschen. Das andere sind Vorstellungen, die man aus den Prospekten von Warenhäusern kennt. Schauen Sie doch mal, was los ist in einem Kaufhaus zur Adventszeit. Da hat man das Gefühl, die Leute sind nur gestresst. Da kommt doch kein vernünftiges Gespräch zwischen der Familie zustande.

Warum nicht? Könnte doch sein.

Kaufhäuser sind nicht auf Kommunikation ausgerichtet, sondern auf Geld verdienen und auf Konkurrenz. Das hat Priorität. Und Geld vereinzelt. Für Gemeinschaft braucht es den Sonntag. Sie können zum Beispiel nicht an Werktagen einen Marathonlauf veranstalten. Jeder einzelne kann natürlich für sich Marathon laufen, soviel er Lust hat. Aber einen Lauf mit zehntausenden Teilnehmern kriegen Sie nur am Sonntag zustande. Und zwar nicht im Kaufhaus. Wenn Sie den Sonntag abschaffen um des Kaufens willen, dann könnten Sie genauso gut die Pyramiden, die genauso alt sind wie der Sonntag, einreißen und sagen: Da bauen wir jetzt einen Supermarkt hin.

Sonntags hat ja vieles geöffnet: Kinos, Fitnesscenter, Gaststätten, Museen. Sollen die alle nicht dicht machen? Wo wollen Sie denn eine Grenze ziehen?

Das ist die Frage. Das ist eine permanente Herausforderung und das Verfassungsgericht hat ja jetzt eine Grenze gezogen. Im übrigen sind dafür Politiker da: Genau das zu machen. Wenn die versagen, und das tun sie immer mehr, muss das Verfassungsgericht ran. Für mich ist das Kriterium, ob Leistungen verhindern, dass es einen gemeinsamen Sonntag geben kann, oder ob sie es ermöglichen - wie der Bäcker, der am Sonntagmorgen frische Brötchen fürs Frühstück der Familie verkauft.

Wie können Einwanderungsgesellschaften mit dem christlichen Hintergrund des Sonntags umgehen? Moslems wollen freitags gemeinsam beten.

Da könnten Länder wie die USA ein Modell sein, wo religiöse Gruppen ihre eigenen Feiertage haben. Es geht im übrigen nicht darum, den Sonntag religiös zu besetzen. Die Kirchen haben das getan und profitieren davon. Aber es ist historisch falsch, zu sagen, dass es den Sonntag nur deshalb gibt, weil es Kirchen gibt. Es gibt den Sonntag schon viel länger.

Interview: Regine Herrmann

Datum:  2 | 12 | 2009
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