Aktuell: US-Wahl | Türkei | Olympische Spiele | Brexit
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

12. Oktober 2010

Erste Stammzelltherapie: Medizin mit Embryos

 Von Dietmar Ostermann
Geklonte Embryonen im achtzelligen Stadium: Die Stammzellenforschung ist umstritten.  Foto: AP

In den USA hat die Stammzellforschung den Schritt aus dem Labor in die Klinik vollzogen: Zum ersten Mal wurde ein Patient mit Zellen behandelt, die aus menschlichen embryonalen Stammzellen gewonnen wurden.

Drucken per Mail
Stammzellen

Körperzellen, die sich zu unterschiedlichen Gewebetypen entwickeln können, werden als Stammzellen bezeichnet.

Embryonale Stammzellen können sich in alle menschlichen Zelltypen wie Muskel- oder Gehirnzellen entwickeln. Deshalb sind sie für Forscher besonders interessant.

Gewonnen werden embryonale Stammzellen beispielsweise aus überzähligen Embryonen bei einer künstlichen Befruchtung oder aus abgetriebenen Föten. Wissenschaftler erhoffen sich, dass dadurch einmal Gewebe oder sogar ganze Organe hergestellt und Krankheiten wie Alzheimer geheilt werden können.

Adulte Stammzellen sind dagegen eine Art Ersatzteillager des Körpers. Aus ihnen gehen während des gesamten Lebens immer wieder neue, spezialisierte Zellen hervor. Sie kommen in vielen Geweben und Organen vor, unter anderem im Knochenmark, im Gehirn und in der Nabelschnur.

Der Einsatz adulter Zellen gilt als ethisch unbedenklich, da für ihre Gewinnung kein Leben zerstört werden muss. Anders als embryonale Stammzellen lassen sie sich aber nicht in alle beliebigen, sondern nur in eine begrenzte Zahl von Zelltypen verwandeln.

In den USA hat die Stammzellforschung den Schritt aus dem Labor in die Klinik vollzogen: Zum ersten Mal wurde in einem Krankenhaus in Atlanta, Georgia, ein Patient mit Zellen behandelt, die aus menschlichen embryonalen Stammzellen gewonnen wurden. Der Patient leidet laut der kalifornischen Biotechnik-Firma Geron an einer schweren Rückenmarkverletzung. Ziel der klinischen Tests sei es, so das Unternehmen, beschädigte Nervenzellen zu regenerieren.

Sollte die Zelltherapie erfolgreich sein, könnten Querschnittsgelähmte Motorik und Empfinden wiedererlangen. In der ersten Testphase soll allerdings nur die Sicherheit der Methode geprüft werden.

Die Firma aus dem kalifornischen Menlo Park hatte im Januar 2009 als erstes Unternehmen von der US-Arzneimittelbehörde FDA eine Genehmigung für klinische Tests mit Zellgewebe erhalten, das aus embryonalen Stammzellen gewonnen wurde. Es ist weltweit die erste Genehmigung dieser Art. Die Tests verzögerten sich, nachdem sich bei Tierversuchen an den behandelten Rückenmarksstellen Geschwülste gebildet hatten. Die FDA setzte die Genehmigung daraufhin zunächst aus. Im Juli gab die Behörde nach weiteren Versuchen grünes Licht.

Durchgeführt wurde der erste Test „GRNOPC1“ an einem anonymen querschnittsgelähmten Patienten am Freitag im Shepherd Center, einem auf Rückenmarks- und Hirnverletzungen spezialisierten Krankenhaus in Atlanta. Geron gab dies am Montag bekannt. Insgesamt zehn Personen sollen in sieben Kliniken an der ersten Testphase teilnehmen. Ihnen sollen aus embryonalen Stammzellen entwickelte Vorläuferzellen von Oligodendrozyten gespritzt werden. Oligodendrozyten bilden das Myelin, das die Nervenzellen umhüllt und die Weitergabe von Nervenimpulsen ermöglicht. Die Embryos, aus denen die Stammzellen gewonnen werden, sind bei künstlichen Befruchtungen quasi übrig geblieben und würden sonst zerstört.

Konservative werfen der Firma vor, sich nur für ihren Aktienkurs zu interessieren

Laut Geron hat die Methode bei Tierversuchen zu „erheblichen Verbesserungen“ der Bewegungsfähigkeit geführt. Um die Chancen zu erhöhen, sollen die Verletzungen bei den foldegen Tests nicht länger als zwei Wochen zurückliegen. Nach eigenen Angaben hat die Firma aus embryonalen Stammzellen auch „Rezepte“ für sechs weitere Zelltypen entwickelt, die etwa bei Herz-, Krebs- oder Gelenkerkrankungen zu neuen Therapien führen könnten.

Während Befürworter von einem Meilenstein sprachen, äußerten sich Gegner kritisch. „Geron hilft seinem Aktienkurs, nicht der Forschung oder Patienten“, sagte David Prentice vom konservativen Family Research Council der Washington Post. Um Kontroversen und Beschränkungen zu vermeiden, finanziert das Unternehmen seine Stammzellforschung aus eigenen Mitteln. Die staatliche Förderung von Arbeiten mit embryonalen Stammzellen ist in den USA umstritten. Präsident Barack Obama hatte 2009 die bis dahin engen Regeln gelockert. Dagegen hatten Kritiker geklagt, eine Entscheidung der US-Gerichte steht aus. Privat finanzierte Forschung unterliegt keinen Beschränkungen.

Nachdem sich US-Biotech-Firmen einen Wettlauf um die ersten klinischen Tests an Menschen geliefert hatten, warten die Forscher nun auf die Ergebnisse. „Jeder hält den Atem an und hofft, dass es kein schlechtes Ende nimmt“, sagte Evan Snyder vom Sanford-Burnham Medical Research Institute. Auch andere Unternehmen wie Advanced Cell Technology (ACT) haben bereits Patientenversuche beantragt. „Es ist eine großartige Nachricht. Hut ab, dass sie die Ersten sind“, sagte ACT-Chef Bob Lanza über den Konkurrenten.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Volkswagen

Falsche Unterstützung

Von  |
Die Bänder rollen wieder: Volkswagen hat sich mit dem Zulieferer Prevent geeinigt.

Politiker haben sich im Streit zwischen Volkswagen und Prevent einseitig aufi die Seite des Konzerns geschlagen. Dieses Fehlverhalten gefährdet das Projekt VW. Der Leitartikel.  Mehr...

AfD-Erfolge

Gegen die AfD hilft Geduld

Einfach Antworten: Die AfD geizt nicht mit populistischen Slogans auf ihren Wahlplakaten.

Unbeeindruckt von innerparteilichen Streitereien feiert die AfD Erfolge. Panischer Antipopulismus von anderen Parteien hilft dagegen nicht. Besser ist geduldiges Argumentieren. Der Leitartikel. Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung