Am 1. Februar 1979, zwei Wochen, nachdem ich und andere politische Gefangene aus dem Gefängnis befreit worden waren, verschmolz ich in den im Freudentaumel der Revolution liegenden Straßen Teherans im Einklang mit Millionen von Menschen, die aus der Vergessenheit ins Zentrum der Geschichte katapultiert worden waren und nun auf den "Flug der Hoffnung" warteten.
So wurde auf Persisch jener Charterflug genannt, der Ajatollah Khomeini aus dem Exil in seine Heimat nach Teheran zurückbrachte. Millionen von Iranern waren der Überzeugung, dass, wenn nicht der Messias, so zumindest sein Stellvertreter mit dem Flugzeug aus Paris am Himmel Teherans erscheint, um der Despotie des Monarchen und dem Leid der Menschen ein Ende zu bereiten.
Faraj Sarkohi, geboren 1947 in Shiraz, Iran, ist Journalist und Schriftsteller. Als Kritiker des Schah-Regimes und danach des Mullah-Regimes saß er mehrmals im Gefängnis und wurde gefoltert. Seit elf Jahren lebt er im Exil in Deutschland.
"Tod Amerika"
Am 16. Januar 1979 hatte der selbstherrliche Mohammed Reza Schah, der sich selbst als Erben einer bereits 2500 Jahre währenden ewigen Monarchie inszeniert hatte, das Land verlassen müssen. Bereits sein Vater Reza Schah und zwei seiner Vorgänger waren dazu verdammt, im Exil zu sterben.
Der Passagier des "Flugs der Hoffnung" ging geradewegs zum großen Friedhof Beheshte Zahra von Teheran und hielt seine erste Rede nach eineinhalb Jahrzehnten im Exil zwischen Gräbern - und nicht etwa auf einem zentralen Platz. Ob die Ortswahl bereits ein Vorzeichen seiner brutalen Despotie war? Letzte Woche, zu Beginn der Vorbereitungen für die Feiern des 30. Jahrestags der Islamischen Republik, ebneten Bulldozer der Geheimpolizei ganz in der Nähe, wo Khomeini damals seine Rede hielt, Gräberfelder ein.
In den Gräbern liegen die Leichen von mehreren tausend politischen Gefangenen, die während der beiden großen Hinrichtungswellen in den Jahren 1981 und 1988 auf Befehl Khomeinis kollektiv und ohne Gerichtsverfahren ermordet und in namenlosen Massengräbern verscharrt wurden.
Nachdem der Schah das Land verlassen hatte, trat an die Stelle der Losung "Tod dem Schah" die Parole "Nach dem Schah ist Amerika dran". Sie vereinte unterschiedliche politische und ideologische Strömungen, die im Strom der Islamischen Revolution verschiedene Visionen verfolgten.
Am 4. November 1979 wurde die US-Botschaft in Teheran besetzt und die Diplomaten als Geiseln genommen. Die Beziehungen zwischen dem Iran und Amerika brachen ab. Khomeini nutzte die angestaute Wut der Bevölkerung gegen den Einfluss ausländischer Mächte. Seine politischen Gegner brachte er in die Gefängnisse, ins Exil oder ins Grab. "Tod Amerika" war für ihn gleichbedeutend mit dem Kampf gegen eine "westliche Kultur", die die Vernunft an die Stelle des Glaubens und die Mehrheitsentscheidung an die der Gebote Gottes setzt. Für die Mehrheit der iranischen Bevölkerung bedeutete der Ruf "Tod Amerika" Balsam auf die Wunde einer an Historie reichen Nation.
Die Amerikaner waren nach dem Putsch gegen den demokratisch gewählten und beliebten Ministerpräsidenten Mossadegh im August 1953 zur dominierenden Kraft im Iran geworden. Diese Dominanz führten der Schah und die USA der Bevölkerung mit brutalem Eifer vor Augen. In der Schahzeit waren die Amerikaner selbst in der Folterzelle allgegenwärtig.
Bei einem Verhör reichte der Beamte, der vom CIA geschult worden war, meine schriftlichen Antworten ins Nebenzimmer weiter. Ein Amerikaner, der Persisch sprach, las sie und stellte neue Fragen. Er wollte unbedingt verstehen, warum die Intellektuellen Amerika, das uns vor den kommunistischen Nachbarn bewahre und uns zur Zivilisierung verhelfe, als Gegner betrachteten. Meine Antworten befriedigten ihn nicht. Eine Folterzelle war nicht gerade der ideale Ort für Diskussionen über den verletzten Stolz einer Nation, die seit Jahrhunderten unter ausländischen Mächten litt.
Einige der Folterbeamten des Schahs, die in Amerika geschult worden waren, wurden später in der Islamischen Republik in die DDR entsandt, damit sie ihre Fertigkeiten auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs vervollkommnen. Als ich vor zwölf Jahren wegen meines Engagements gegen die Zensur im Gefängnis saß, verhörte mich einer dieser Beamten. Ich war gefesselt und wurde mit Kabeldraht ausgepeitscht. Im Nachbarzimmer saß ein Geistlicher. Er freute sich darüber, mit "einem Intellektuellen ersten Ranges, einem dekadenten und verwestlichten" sprechen zu können. Er wollte wissen, warum die Intellektuellen die religiöse Regierung ablehnen, die dem US-Imperialismus ein Ende bereitet und dem Iran eine Vormachtstellung in der Region verschafft habe. Dass meine Antworten abermals unbefriedigend waren, liegt auf der Hand.
Die fehlerhafte US-Politik gegenüber der Islamischen Republik sowohl unter demokratischen wie republikanischen Präsidenten, die Wirtschaftsblockade, vor allem aber die törichte Politik des "Regime Change" unter George W. Bush, verbunden mit dem Einmarsch im Irak, halfen der iranischen Führung, die inländischen Verfechter einer Demokratie als trojanisches Pferd zu diffamieren. Laut der Propaganda staatlicher Medien sind Demokratie, Liberalismus und Menschenrechte nichts anderes als die Waffen Amerikas, ja des gesamten Westens, um die eigene Vormachtstellung im Iran wiederherzustellen.
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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