Professor Küng, hat es Johannes Paul II. verdient, seliggesprochen zu werden?
Er hat gewiss Lob verdient als Mann von Charakter, als Vorkämpfer für Frieden und Menschenrechte. Aber das war nur die eine Seite. Denn was er nach außen propagierte, stand in völligem Widerspruch zu seiner Innenpolitik: In der Kirche hat er ein autoritäres Lehramt ausgeübt, er hat die Menschenrechte von Frauen und Theologen unterdrückt. Er ist somit der zwiespältigste Papst des 20. Jahrhunderts und taugt nicht dazu, den Gläubigen als Vorbild präsentiert zu werden.
Markante Persönlichkeiten wie Johannes Paul II. werden immer Widerspruch hervorrufen.
Es geht ja auch nicht darum, fehlerlose Menschen seligzusprechen. Die Mängel sollten nur nicht wesentliche Teile des gesamten Wirkens betreffen. Aber die dunklen Seiten sind im Seligsprechungsprozess ganz und gar unberücksichtigt geblieben. Kein Wunder also, dass der Vatikan kritische Zeitzeugen wie mich nicht anhören wollte.
Was hätten Sie auszusagen gehabt?
Ich war immerhin der erste große Inquisitionsfall dieses Papstes. Er hat mir zu keiner Zeit die Gelegenheit gegeben, meine theologischen Positionen ihm persönlich gegenüber zu verteidigen, deretwegen mir vor Weihnachten 1979 über Nacht die kirchliche Lehrbefugnis entzogen wurde. Dabei war bekannt, dass Papst Wojtyla kein einziges meiner Bücher gelesen hatte. Verurteilen aber konnte er sie schon. Daran sehen Sie: Dieser Papst war intolerant und unwillig zum Dialog. Auch seine Behandlung der lateinamerikanischen Befreiungstheologen war das Gegenteil, was man von einem christlichen Vorbild erwarten sollte.
Hans Küng, 83, ist katholischer Theologe und Priester. Er ist Präsident der von ihm gegründeten Stiftung Weltethos.
Die Kritik am Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes führte dazu, dass die katholische Kirche Küng 1979 die Lehrerlaubnis entzog. Daran war Papst Johannes Paul II. beteiligt, der einen Erlass billigte, in dem Küng Abweichungen von der katholischen Lehre vorgeworfen wurden. Küng erhielt danach eine fakultäts-unabhängige Professur für Ökumenische Theologie an der Uni Tübingen.
Geht es nicht mindestens so sehr um Kirchenpolitik wie um persönliche Tugendhaftigkeit? Dass Johannes Paul über bestimmte Positionen wie Zölibat oder Frauenpriestertum nicht reden wollte, gilt seinen Anhängern gerade als Pluspunkt.
Der Pflichtzölibat entstammt einem Missbrauch der päpstlichen Macht im Mittelalter. Er wurde erst im 11. Jahrhundert eingeführt und verstößt gegen die altkirchliche Tradition und – noch schlimmer – gegen das Evangelium: Jesus hat die Ehelosigkeit empfohlen, aber nicht befohlen. Darum muss dieses Gesetz abgeschafft werden.
Und das Frauenpriestertum?
Da liegt der Fall ein wenig komplizierter, weil zum Kreis der „Zwölf Apostel“ Jesu wohl tatsächlich nur Männer gehörten. Trotzdem haben Frauen das Wirken Jesu von Anfang an begleitet, haben sogar seinen Lebensunterhalt mit bestritten. Er selbst war im Umgang mit Frauen seiner Zeit weit voraus. Sicher ist auch, dass Frauen in der Frühkirche Gemeinden geleitet haben. All das wird von der Amtskirche konsequent verschwiegen. Statt dessen hat Johannes Paul II. erklärt, nach dem Willen Gottes sei die Weihe von Frauen ausgeschlossen. Woher der Papst den Willen Gottes kannte, weiß niemand. Trotzdem hat er es als unfehlbare Lehre verkünden lassen.
Was halten Sie generell von Selig- und Heiligsprechungen?
Ursprünglich bestimmten die Gläubigen durch ihre anhaltende Verehrung, wer ein Heiliger sei. Franz von Assisi zum Beispiel ist vom Volk heiliggesprochen worden. Vom Jahr 1200 an hat die römische Kurie daraus ein päpstliches Privileg gemacht. Das hat dazu geführt, dass ein guter Brauch vielfach zum Missbrauch geworden ist.
Auch jetzt?
Was denn sonst? Der Nachfolger spricht den Vorgänger selig – da geht es doch in Rom zu wie zu den Zeiten der Cäsaren, die den jeweils vorangegangenen Kaiser zum Gott erhoben! Die Selig- und Heiligsprechung dient dem Papst als Instrument der Selbstdarstellung. Wie ein absolutistischer Fürst hat Benedikt XVI. das eigene Kirchenrecht gebrochen, um Johannes Paul im Hauruckverfahren selig sprechen zu können: unter Umgehung der vorgeschriebenen Fristen, mit der Anerkennung einer äußerst dubiosen Wunderheilung und mit der Zulassung einer sofortigen öffentlichen kultischen Verehrung, die sonst vor einer Selig- oder Heiligsprechung strikt verboten ist. Schon bei seinem Amtsantritt 2005 predigte Benedikt, er sehe seinen Vorgänger „aus dem Himmelsfenster auf die versammelten Gläubigen herunterschauen“. Ich möchte mal wissen, wie der Theologieprofessor Joseph Ratzinger so einen Gedanken verteidigt hätte.
Was hat Papst Benedikt XVI. davon?
Wäre ich bösartig, würde ich sagen, er spekuliert schon auf die eigene Seligsprechung. Nein, vermutlich denkt der gegenwärtige Papst, wenn er seinen Vorgänger seligspricht, gerät all das Schlimme in Vergessenheit, was dieser Mann angerichtet hat. Mit der Person soll auch die Politik seliggesprochen werden – eine Politik, mit der Johannes Paul und sein getreuer Vasalle, Kurienkardinal Joseph Ratzinger, hauptverantwortlich sind für das gegenwärtige Siechtum der Kirche. Wir haben eine prunkvolle Fassade mit viel Pomp and Circumstance. Aber hinter den großen Liturgien in Rom gähnt in vielen katholischen Gemeinden die große Leere.
Trotzdem forderten Gläubige bei der Beerdigung Johannes Pauls II. 2005 dessen sofortige Heiligsprechung.
Dieses „Santo Subito!“ war doch von vorn bis hinten gesteuert. Ich habe die „spontanen“ Transparente auf dem Petersplatz gesehen: alle fein säuberlich gedruckt. Das Ganze war eine Inszenierung konservativer bis reaktionärer katholischer Gruppierungen, die vor allem in Spanien, Italien und Polen sehr stark sind.
Sie bestreiten aber nicht, dass Karol Wojtyla zumindest bei seinen Landsleute schon so eine Art Kultstatus genießt?
Ich gönne den Polen einen neuen Heiligen. Nur sind in Polen Katholizismus und Nationalismus immer eine sehr enge Liaison eingegangen. Das war eine Stärke zur Zeit des Kommunismus, ist aber heute eine Schwäche, weil es eine Öffnung für Demokratie, Pluralismus und die Werte der Aufklärung hemmt. Als Nationalheiliger eignet sich Johannes Paul aber auch deshalb nicht, weil ihm das polnische Kirchenmodell, das er der ganzen Welt aufzwingen wollte, sogar in der eigenen Heimat in den Händen zerbrochen ist. Moderne und Säkularisierung haben auch um Polen keinen Bogen gemacht. Zum Glück.
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