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Atomdeal der Regierung: „Man muss massiv dagegen vorgehen“

Ein "Negativbeispiel" für ein politisches Lehrbuch: Transparency-Chefin Müller geißelt den Atomdeal der Bundesregierung mit den Energiekonzernen.

        

Edda Müller ist Vorsitzende von Transperency International. Der Verein bekämpft  Korruption.
Edda Müller ist Vorsitzende von Transperency International. Der Verein bekämpft Korruption.
Foto: vzbv

Frau Müller, die Bundesregierung wollte eigentlich eine Brennelementesteuer einführen. Nun verhandelt sie mit den Energiekonzernen über Alternativen. Was halten Sie davon?

Grundsätzlich ist das, was da gerade abläuft, ein Negativbeispiel für ein politisches Lehrbuch. Man lernt viel über die Machtanmaßung einer Wirtschaftslobby und die Hilflosigkeit der gewählten Akteure. Ich war selber lange Zeit Lobbyistin für Verbraucherinteressen und kann mich nicht erinnern, dass die Politik sich mit den Verbraucherverbänden an einen Tisch gesetzt hat, als es um die Erhöhung der Mehrwertsteuer ging.

Was spricht gegen Konsens statt Konfrontation?

Gerade bei einem Thema wie der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke, wo langfristig die Sicherheitsinteressen aller Bürger betroffen sind, brauchen wir höchste politische Legitimation, um eine Entscheidung zu treffen. Dass darüber das Finanzministerium mit den Betreibern verhandelt, halte ich für eine völlige Verirrung von Politikgestaltung. Das kann nicht sein. Das ist ein einmaliger Vorgang in dieser Republik.

Wie hielten sie's mit der Atomkraft?

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Was stört Sie inhaltlich an dem Angebot, als Gegenleistung für eine „satte“ Laufzeitverlängerung einen zweistelligen Milliardenbetrag zu zahlen?

Dieser Vertrag ist, nach allem was man darüber hört, wirklich von extrem kreativen Juristen der Atomlobby aufgesetzt worden: Die Konzerne wollen nicht etwa eigenes Geld aus den enormen Renditen der Rückstellungen in die Hand nehmen, sondern sich einen Kredit besorgen. Den soll auch noch der Staat und damit der Steuerzahler absichern. Und inwieweit von den künftigen Gewinnen, die durch die Laufzeitverlängerung anfallen, noch etwas draufgelegt wird, steht in den Sternen. Wenn man heute sieht, wie die Lobby einmal argumentiert, ihre Meiler seien extrem wirtschaftlich und am nächsten Tag mit deren Abschaltung droht, muss man befürchten, dass auch die Kalkulationen über zusätzliche Gewinne völlig im Belieben der Konzerne liegen werden.

Wären damit auch künftige Regierungen gebunden?

Ja. Ein neuer Bundestag und eine neue Bundesregierung könnten den Vertrag einseitig nicht mehr ändern. Das ist eine völlig neue Form von Regierungshandeln, die nicht Schule machen darf. Ich fürchte wirklich den Niedergang des demokratischen Parlamentarismus. Deshalb muss man massiv dagegen vorgehen.

Ist die Anfälligkeit für Lobby-Interessen ein Charakteristikum der schwarz-gelben Regierung?

Wenn man sich das Verhältnis zwischen Energiewirtschaft und Politik anschaut, dann ist das keine ganz neue Entwicklung. Ich glaube, dass man die Arroganz und Anmaßung den Stromkonzernen regelrecht anerzogen hat. Ich erinnere an die Verbändevereinbarung, wo die Liberalisierung des Strommarktes ins Belieben der Verbände gestellt wurde. Oder die Eon-Ruhrgas-Fusion, die per Ministererlaubnis durchgesetzt wurde. Oder die häufigen Wechsel von Ex-Politikern auf Posten in der Energiewirtschaft. Das ist eine längere Entwicklung, die nun in dem Versuch, sich den Staat zur Beute zu machen, gipfelt.

Was raten Sie der Regierung?

Offenbar gibt es inzwischen in der Regierung ja zumindest erste Ansätze eines Problembewusstseins. Ich kann nur hoffen, dass die Regierung wieder zu ihrem ursprünglichen Plan zurückkehrt, eine Brennelementesteuer zu erheben. Darüber kann es keine Verhandlungen geben. Andernfalls setzt sich die Regierung ernsthaft des Verdachts der Käuflichkeit aus.

Interview: Karl Doemens

Datum:  17 | 8 | 2010
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