Ein "Negativbeispiel" für ein politisches Lehrbuch: Transparency-Chefin Müller geißelt den Atomdeal der Bundesregierung mit den Energiekonzernen.
Edda Müller ist Vorsitzende von Transperency International. Der Verein bekämpft Korruption.
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Frau Müller, die Bundesregierung wollte eigentlich eine Brennelementesteuer einführen. Nun verhandelt sie mit den Energiekonzernen über Alternativen. Was halten Sie davon?
Grundsätzlich ist das, was da gerade abläuft, ein Negativbeispiel für ein politisches Lehrbuch. Man lernt viel über die Machtanmaßung einer Wirtschaftslobby und die Hilflosigkeit der gewählten Akteure. Ich war selber lange Zeit Lobbyistin für Verbraucherinteressen und kann mich nicht erinnern, dass die Politik sich mit den Verbraucherverbänden an einen Tisch gesetzt hat, als es um die Erhöhung der Mehrwertsteuer ging.
Was spricht gegen Konsens statt Konfrontation?
Gerade bei einem Thema wie der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke, wo langfristig die Sicherheitsinteressen aller Bürger betroffen sind, brauchen wir höchste politische Legitimation, um eine Entscheidung zu treffen. Dass darüber das Finanzministerium mit den Betreibern verhandelt, halte ich für eine völlige Verirrung von Politikgestaltung. Das kann nicht sein. Das ist ein einmaliger Vorgang in dieser Republik.
Wie hielten sie's mit der Atomkraft?
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Wie hielten sie's mit der Atomkraft?
Adenauers Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, ab 1963 dessen Nachfolger, lehnte in seiner Zeit als Wirtschaftsminister zwar staatliche Subventionen für die Supertechnik ab. Ihr Potential aber jubelte er nach anfänglicher Skepsis in absurde Höhen: Strom werde so billig werden, dass sich Stromzähler nicht mehr lohnten, sagte er voraus. Und rund um jedes AKW sah er eine blühende Industrielandschaft mit hunderttausenden Jobs entstehen. Doch ausgerechnet die Strombranche zögerte. Erhard sah sich genötigt, dem Unternehmen RWE die Leviten zu lesen: Da RWE mit einem Reaktor-Großauftrag zögere, werde „auch der größte Teil der sehr bedeutenden Zuliefererindustrie von dem atomtechnischen Fortschritt ausgesperrt“. Auch Weltmarktchancen würden verpasst.
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Die Skepsis der Konzerne verflog, auch, weil der Staat begann, die Technologie mit Milliarden zu fördern. 1968, unter der selbstredend atomfrommen großen Koalition von Kanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU), gingen die ersten großen Reaktoren ans Netz. Den richtigen Push für die Atomkraft aber brachte die Ölkrise 1973. „Weg vom Öl“, so das Ziel.
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SPD-Kanzler Willy Brandt, der 1969 ins Amt kam, war bereits vorher ein bekennender Freund der Atomkraft. Er hatte sich als „Regierender“ in Berlin bereits 1960 einen Reaktor gewünscht, nun befürwortete er als Kanzler zum Beispiel das − später aufgegebene −AKW-Projekt des Chemiekonzerns BASF in Ludwigshafen. Das unter Brandt 1973 veröffentlichte Energieprogramm des Bundes empfahl, bis 1985 bis zu 50000 Megawatt Atomstrom ans Netz zu bringen. Das hätte 40 bis 50 Reaktoren entsprochen. Heute gibt es (noch) 17.
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Besonders Helmut Schmidt (SPD), der 1974 Kanzler wurde, rührte die AKW-Werbetrommel. Stichworte: Atom statt Öl, aber auch: Die Lichter gehen aus. In der hitzigen Debatte um das norddeutsche AKW-Projekt Brokdorf, wo später ein niedersächsischer Juso namens Gerhard Schröder demonstrierte, bemühte Schmidt sogar die Mär vom Strommangel. „In meinem Sommerhaus am Brahmsee“ werde die Stromlieferung für die Nachtspeicherheizung „für das Winterhalbjahr gesperrt“, warnte er 1976. Das stimmte zwar nicht. Es ging um die Erhöhung der Grundgebühr. Aber Schmidt folgerte: „Brokdorf muss gebaut werden.“
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1979 passierte die Harrisburg-Kernschmelze, 1986 der Super-GAU von Tschernobyl. Die Anti-AKW-Bewegung erstarkte. Die SPD schwenkte von der Atom- zur Anti-Atompartei, nur: Sie hatte im Bund nichts mehr zu sagen. CDU-Kanzler Helmut Kohl gründete nach der Reaktorkatastrophe zwar ein (Umwelt-) und Reaktorsicherheitsministerium, leistete sich auch einen mild skeptischen Fachminister namens Klaus Töpfer (CDU). Doch eigentlich interessierte den Oggersheimer Marathonkanzler das Thema wenig. Die von den Stromkonzernen noch bestellten AKW wurden − das letzte 1989 − fertiggebaut, und Kohl sah zu, wie das umstrittene Endlagerprojekt Gorleben durchgepowert wurde. Töpfer und seine Nachfolgerin Angela Merkel ließen das marode Ex-DDR-Atomlager Morsleben weiter betreiben. Die inzwischen angelaufene Sanierung kostet mehrere Milliarden Euro.
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Die Zäsur in der bundesdeutschen Atompolitik kam 1998. Rot-Grün brachte den Immer-Noch-AKW-Gegner Gerhard Schröder ins Kanzleramt. Er erzielte einen Atomausstiegsvertrag. Zwei der AKW, Stade und Obrigheim, gingen in der Ära Schröder planmäßig vom Netz. Auch in der Rückschau, als schon Merkel Kanzlerin war, sah Schröder den Atomkonsens als einen der Meilensteine seiner Kanzlerschaft.
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Kanzlerin Merkel, studierte Physikerin, hat sich immer wieder zur Verlängerung der AKW-Laufzeiten bekannt. Grundsätzlich. Im Prinzip. „Ich halt es für falsch, dass wir Kernkraftwerke abschalten, nur weil es vereinbart ist“. Im Konkreten aber − wie viele Jahre plus, wie viel Sicherheit plus?− blieb sie notorisch unscharf. Jetzt ist sie angeblich sauer auf die frechen Stromkonzerne, die sie mit Forderungen in die Ecke drängen.
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Nachkriegskanzler Konrad Adenauer (CDU) entschied 1955, einen ersten deutscher AKW-Prototypen bei Karlsruhe zu bauen. Atomforscher wie Werner Heisenberg drangen darauf, die Energie der Kernspaltung zivil zu nutzen, Philosoph Ernst Bloch erträumte ein nukleares Paradies („aus Wüste Fruchtland, aus Eis Frühling“), und alle Parteien – wirklich: alle – waren vehement dafür. Die Einführung der Atomkraft war nicht Adenauers wichtigstes Thema, aber er unterstützte sie und ließ sich 1953 von Heisenberg persönlich über das „Planungsstadium der atomtechnischen Arbeiten“ informieren. 1955 erweiterte Adenauer sein Kabinett sogar um ein spezielles Atom-Ministerium. Im ersten Jahr wurde es von Franz-Josef Strauß (CSU) geleitet, 1956 stellte der das erste „Atomprogramm“ vor: Kernkraft solle 80 Prozent des Stroms liefern; selbst im besten deutschen „Atomzeitalter“, in den 1980er Jahren,war es nur ein etwa Drittel. 1959 erließ der Bundestag das erste Atomgesetz.
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Was stört Sie inhaltlich an dem Angebot, als Gegenleistung für eine „satte“ Laufzeitverlängerung einen zweistelligen Milliardenbetrag zu zahlen?
Dieser Vertrag ist, nach allem was man darüber hört, wirklich von extrem kreativen Juristen der Atomlobby aufgesetzt worden: Die Konzerne wollen nicht etwa eigenes Geld aus den enormen Renditen der Rückstellungen in die Hand nehmen, sondern sich einen Kredit besorgen. Den soll auch noch der Staat und damit der Steuerzahler absichern. Und inwieweit von den künftigen Gewinnen, die durch die Laufzeitverlängerung anfallen, noch etwas draufgelegt wird, steht in den Sternen. Wenn man heute sieht, wie die Lobby einmal argumentiert, ihre Meiler seien extrem wirtschaftlich und am nächsten Tag mit deren Abschaltung droht, muss man befürchten, dass auch die Kalkulationen über zusätzliche Gewinne völlig im Belieben der Konzerne liegen werden.
Wären damit auch künftige Regierungen gebunden?
Ja. Ein neuer Bundestag und eine neue Bundesregierung könnten den Vertrag einseitig nicht mehr ändern. Das ist eine völlig neue Form von Regierungshandeln, die nicht Schule machen darf. Ich fürchte wirklich den Niedergang des demokratischen Parlamentarismus. Deshalb muss man massiv dagegen vorgehen.
Ist die Anfälligkeit für Lobby-Interessen ein Charakteristikum der schwarz-gelben Regierung?
Wenn man sich das Verhältnis zwischen Energiewirtschaft und Politik anschaut, dann ist das keine ganz neue Entwicklung. Ich glaube, dass man die Arroganz und Anmaßung den Stromkonzernen regelrecht anerzogen hat. Ich erinnere an die Verbändevereinbarung, wo die Liberalisierung des Strommarktes ins Belieben der Verbände gestellt wurde. Oder die Eon-Ruhrgas-Fusion, die per Ministererlaubnis durchgesetzt wurde. Oder die häufigen Wechsel von Ex-Politikern auf Posten in der Energiewirtschaft. Das ist eine längere Entwicklung, die nun in dem Versuch, sich den Staat zur Beute zu machen, gipfelt.
Was raten Sie der Regierung?
Offenbar gibt es inzwischen in der Regierung ja zumindest erste Ansätze eines Problembewusstseins. Ich kann nur hoffen, dass die Regierung wieder zu ihrem ursprünglichen Plan zurückkehrt, eine Brennelementesteuer zu erheben. Darüber kann es keine Verhandlungen geben. Andernfalls setzt sich die Regierung ernsthaft des Verdachts der Käuflichkeit aus.