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Siedler-Rabbi Froman: „Mein Name ist Mensch“

Der Siedler-Rabbi Froman hält Religion für einen Schlüssel zum Frieden und redet auch mit der Hamas. Er ist zwar Außenseiter, aber ganz allein steht Froman nicht.

Rabbi und Friedensaktivist Froman (rechts).
Rabbi und Friedensaktivist Froman (rechts).
Foto: REUTERS
Tekoa –  

Man verfährt sich leicht, wenn man zu Rabbi Froman will. Die abenteuerliche Strecke, die sich am Rande der Judäischen Wüste nach Tekoa im Westjordanland windet, gabelt sich mehrfach ohne Wegweiser. Macht nichts. Menachem Froman ist ein Unikum, jeder hier kennt ihn. Die Palästinenser, die zufällig an einer Kreuzung stehen, weisen zielsicher die Richtung. Auch der Wärter, der mit Adlerauge über die Eingangsschranke von Tekoa wacht, weiß sofort Bescheid. Die Frage nach Rabbi Froman wirkt wie ein Sesam-öffne-dich. Auf Anhieb spuckt der Wachmann aus, wie viele Kreisverkehre zu passieren seien, bevor man links abbiegen müsse und eine Reise schmuckloser Häuschen nach Art früher israelischer Pioniere entdecken werde. „Da wohnt Froman.“

Endlich angekommen bei einem, der sich gängigen Koordinaten mit Vorliebe entzieht. Es gibt nicht viele Rabbiner wie ihn, der fließend Arabisch gelernt hat, um mit muslimischen Scheichs über Gott, Allah und die Welt zu reden. Es gibt auch kaum israelische Siedler, die wie er „eigentlich nichts gegen eine Zwei-Staaten-Lösung haben“. Schon gar nicht, wenn sie wie Froman zu den Gründern von Gusch Emumim (Block der Getreuen) gehören. Das ist die nationalreligiöse Bewegung, die die Eroberung von „Eretz Israel“ – dem alten biblischen Land, sprich: der Westbank – im Sechs-Tage-Krieg als göttliches Zeichen für das nahende Zeitalter des Messias verstanden wissen will. Froman hat sich mit seiner unorthodoxen Denkweise unter diesen Siedler-Ideologen längst unbeliebt gemacht. Der 65-jährige Israeli kann sich sogar vorstellen, Bürger eines Staates Palästina zu werden. Hauptsache, er kann in Tekoa bleiben, einer Siedlung mit 1500 Bewohnern südlich von Bethlehem, die Froman und seine Frau Hadassah vor 33 Jahren mit aufgebaut und in der sie ihre zehn Kinder aufgezogen haben.

Fr-Veranstaltung

Inge Günther, Autorin dieses Artikels, ist Korrespondentin der Frankfurter Rundschau für Israel und die palästinensischen Gebiete.
In einer Veranstaltung berichtet sie am heutigen Donnerstag, 4. November, um 19.00 Uhr im FR-Foyer, Textorstraße 35 in Frankfurt, über ihre Arbeit. Sie spricht über die Widersprüche des Alltags in Israel, Gaza und dem Westjordanland sowie die politischen Perspektiven für die Region. Einlass ist ab 18.30 Uhr. Der Eintritt ist frei. FR

„Für mich als religiöser Jude wäre es kein großes Problem, in Palästina zu leben“, sagt er und lächelt verschmitzt. „Mein König ist Gott.“ Irdische Staaten sind ihm nicht so wichtig, im „Heiligen Land“ zu sein, zähle mehr. Das klingt, als ob der fromme Mann, der einst als Fallschirmspringer diente, inzwischen abgehoben habe – in höhere Sphären. Aber man soll sich nicht täuschen. Unter seinem schlohweißen Haar, das in einen noch längeren Zwirbelbart übergeht, steckt ein ziemlicher politischer Kopf, dem nichts Menschliches fremd ist.

Nicht umsonst hat Froman in seinem Handy alle möglichen Nummern von Knesset-Abgeordneten, jüdischen und arabischen, gespeichert. Achmed Tibi ist darunter, der wie Froman eng befreundet mit Yassir Arafat war. Berührungsängste scheint Froman überhaupt nicht zu kennen. Auch mit Scheich Achmed Yassin, dem Hamas-Oberhaupt, der 2004 beim Gang zum Morgengebet in Gaza-Stadt von einer gezielten israelischen Luftrakete ins Jenseits befördert wurde, hat der Rabbi lange Gespräche geführt. Ganz selbstverständlich geht Froman von den Lippen, dass er noch heute „eine Menge Freunde in der islamischen Bewegung“ habe. Für einen kurzen Moment hält er inne, um den perplexen Ausdruck auf den Gesichtern seiner Zuhörer zu genießen. Genauso ist es ihm ein Anliegen, sich zu erklären. „Wir werden keinen Frieden in Nahost ohne Verständnis füreinander bekommen“, schiebt er nach.

Froman praktiziert das in Wort und Tat. Als kürzlich zweimal binnen Wochen Moscheen in der Westbank von Sieder-Hooligans angezündet wurden, trommelte er Gleichgesinnte für einen Solidaritätsbesuch bei den Palästinensern zusammen. Vermittelt von Knesset-Mitglied Tibi machten sie sich in die Dörfer auf, um neue Koran-Ausgaben als Ersatz für die beim Brandanschlag verkokelten Gottesbücher zu überbringen.

Keine Frage, einer wie Froman wäre den Palästinensern in ihrem eigenen, noch in den Sternen stehenden Staat als Mitbürger willkommen. Vielleicht nicht mal als reine Ausnahme. Der palästinensische Premier Salam Fayyad sowie die frühere Nummer zwei der PLO, Achmed Kureia alias Abu Ala, haben in Interviews angedeutet, jüdischen Siedlern, sofern sie die Gesetze und die Souveränität Palästinas respektierten, könnte im Friedensfall ein Bleiberecht eingeräumt werden.

Mit solchen Gedanken spielen die wenigsten Siedler. Aber die es tun, könnten Teil der Lösung werden, statt ein Problem zu bleiben. Israel mit seiner arabischen Minderheit von 20 Prozent und ein künftiges Palästina mit einem jüdischen Anteil wären weit mehr im Gleichgewicht, findet Rabbi Froman. Schließlich müssten beide Staaten ihre jeweiligen Minoritäten dann fair behandeln, schon damit die eigenen Leute auf der anderen Seite ebenso auf Respekt stießen. „Die zwei Minderheiten würden so zu Stützpfeilern einer Friedensbrücke.“

Er ist zwar Außenseiter, aber ganz allein steht Froman nicht. Inspiriert von ihm haben sich junge Siedler der zweiten und dritten Generation zu der Gruppe Yeru-Schalom zusammengeschlossen. Ihre politischen Ideen divergieren, doch manche unter ihnen sehen in einem bi-nationalen Staat ihr Heil. Zum ersten Mal interessieren sich israelische Siedler ganz offiziell für ihre palästinensischen Nachbarn.

Für Froman besteht darin die Quintessenz des Judentums. Die lasse sich in einem Satz erklären, aber er verpackt sie lieber in einer Geschichte vom Weisen Hillel. Der habe auf das Verlangen eines Fremden, ihm mal ganz kurz, während er auf einem Bein stehe, die Thora zu erklären, gesagt: „Liebe deinen Nachbarn wie dich selbst.“ Fromans Augen blitzen. Er liebt diese Fabel und was sich daraus alles ableiten lässt. „Wenn wir einen Staat haben, müssen auch unsere palästinensischen Nachbarn einen bekommen. Wenn wir frei sind, sollen die Palästinenser genauso frei sein.“

Jedenfalls glaubt Menachem Froman, dass die Religion mehr für Frieden tun kann als die Politik. Trotzdem bekennt er sich als Fan von Barack Obama. Dem US-Präsidenten hat er brieflich seine Unterstützung versichert. Und für dessen Forderung nach einem Siedlungsstopp hat der Siedler-Rabbi auch Verständnis. „Wenn es denn den Friedensverhandlungen dient, müssen wir eben ein wenig leiden.“

Aber jetzt muss sich Froman sputen. Das Abendgebet ruft. „Bitte, noch eine Frage zur Person!“ „Ach was“, ruft Froman, schon auf dem Weg zur Synagoge in Tekoa, und dreht sich kichernd noch mal um: „Ich bin ein Mensch und 4000 Jahre alt!“

Wie gesagt, ein Mann, der nicht leicht zu fassen ist. Als Siedler kürzlich Moscheen anzündeten, organisierte er einen Solidaritätsbesuch

Autor:  Inge Günther
Datum:  3 | 11 | 2010
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