"Ich hab’s aufgeschrieben, damit wir es nicht vergessen“, sagt Miguel Mariano Martínez und liest im Schein der Taschenlampe stockend von den Blättern ab, wie es ihm und seiner Frau seit 1977 ergangen ist, als sie sich hier in Camelias, im Norden Kolumbiens, ansiedelten – aber kann man das jemals vergessen? Irgendwann legt er den spröden, unbeholfen formulierten Bericht weg. Der Lichtkegel verlischt, und er erzählt, was ihm auf immer und ewig durch den Kopf geistern wird, egal ob aufgeschrieben oder nicht.
Damals war nur Wald in Camelias und weit und breit kein Mensch. Sie haben gerodet und geschuftet, und es lohnte sich. „Wir hatten acht Hektar Bananen, zwölf Stück Vieh, wir hatten Pferde und sechs moderne Betten und einen Wohnzimmerschrank“, sagt der 62jährige Martínez, „und jetzt leben wir wie die Bettler auf unserem eigenen Land“. Das Unglück kam im Oktober 1996. „Paramilitärs zwangen uns zur Räumung“, hieß es nüchtern in seinem Schriftsatz.
Aber nun erzählt er, dass seine Tochter mit ansehen musste, wie in Brisas, einer schäbigen Ansammlung von Bretterbuden auf der anderen Seite des Curvaradó-Flusses, acht Campesinos vor aller Augen gefoltert, wie ihnen die Kehlen durchgehackt wurden. Wie man danach ihre Leichen aufschnitt, damit sie nicht im Fluss trieben, sondern schnell versänken. Wie die Paramilitärs, die sich ungeniert an der Seite der Soldaten der 17. Armee-Brigade zeigten, ihm drohten, wenn er sein Land nicht verkaufe, werde es eben seine Witwe tun. Wie er schließlich das Land hergab, den Hektar für 150.000 Pesos, was heute knapp 58 Euro sind. Und wie sie ihn 1997 weggejagten, weil er angeblich mit der Guerrilla unter einer Decke steckte. Was er nicht aufgeschrieben hat, nun aber ausspricht, ist die Redewendung „mochar cabezas“ – köpfen. Mit Macheten oder Motorsägen.
„Humanitäre Zone Camelias – Zugang für Bewaffnete verboten“, steht auf dem Schild am Eingang des umzäunten Geländes. Kein Strom, einfache Holzhäuser, ein paar Schuppen für die Ernte, spielende Kinder, schlafende Hunde, scharrende Hühner − hier lebt Martínez heute, zusammen mit ein paar Dutzend anderer Familien, denen es so ähnlich ergangen ist wie ihm. Sie sind meist Abkömmlinge von schwarzen Sklaven, sie flüchteten damals in die Städte oder in die Wälder, und „irgendwann entstand die Idee, sich irgendwo festzusetzen und Widerstand zu leisten“, resümiert Adriana Tuberquia die riskante Entscheidung, zurückzukehren und den Paramilitärs die Stirn zu bieten.
Adriana ist 34, ihr Vater wurde 1997 von den Paras ermordet. Heute gehört sie, so wie er damals, zu den Wortführern von Camelias, einer von mehreren so genannten humanitären Zonen – Fluchtburgen, in denen sich die Bedrohten sammelten, ohne freilich all ihr Land wieder in Besitz nehmen zu können. Sie erklärten ihre Neutralität im endlosen Konflikt zwischen linken Guerrilleros und rechten Paras. Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte hat sie ausdrücklich anerkannt, was ihnen den Vorteil einer gewissen Öffentlichkeit verschafft, und formell werden sie von der kolumbianischen Armee geschützt.
Mit Mord und Totschlag haben die Paras dem Big Business den Weg bereitet
Formell, denn „es war die Armee, die uns genauso vertrieben hat wie die Paras“, sagt Adriana, „das ist doch das ewige Trauma.“ Sie selber kam erst 2006 zurück, und dass es bei den Vertreibungen nicht darum ging, den Bauern als angeblichen Helfershelfer der Links-Guerrilla das Handwerk zu legen, wie es immer hieß, konnte sie da mit eigenen Augen sehen: „Als ich zurückkam, war hier alles voller Palmen!“ Ob in der Margarine oder im Speiseeis, ob in Lippenstiften oder als Biodiesel, das Öl der Afrikanischen Palme trifft weltweit auf kräftige Nachfrage. Palmöl ist in Kolumbien ein Riesen-Geschäft – und dass die Paras mit Mord und Totschlag dem Big Business den Weg freigeräumt haben, mag heute kaum jemand bestreiten.
Die Zeiten haben sich geändert. Der Guerrilla-Konflikt ist mittlerweile an die Peripherie des Landes verschoben, die Paras wurden offiziell demobilisiert, und Ende Mai hat Präsident Juan Manuel Santos eines der ehrgeizigsten Wiedergutmachungsprojekte der Geschichte in Gang gebracht: Das Gesetz zur Land-Rückgabe. Es geht um etwa zwei Millionen Hektar, die seit 1991 den rechtmäßigen Besitzern so wie Martínez geraubt wurden, und um weitere vier Millionen Hektar, die von ihren Besitzern verlassen wurden. Begünstigt wären im Idealfall fast vier Millionen Menschen.
Wenn ihm nur das gelänge, habe sich es schon gelohnt, Präsident geworden zu sein, sagt Santos. Kein Zweifel, dass die Rückgabe des Landes über den Erfolg seiner Regierung entscheidet: „Nur dann beweist sich Kolumbien als gangbares Land“, meint Ariel Ávila vom Forschungsinstitut Nuevo Arco Iris. Für den früheren Außenminister Rodrigo Pardo, heute einer der einflussreichsten Kolumnisten des Landes, ist die Landrückgabe die „unerlässliche Bedingung für den Frieden“.
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