kalaydo.de Anzeigen

"Muslim-Debatte" in Holland: Volksverhetzung oder Meinungsfreiheit?

In Holland wird erneut gegen den Rechtspopulisten Geert Wilders ermittelt. Ein Berufungsgericht in Amsterdam vertritt die Auffassung, dass Wilders Kurzfilm "Fitna" doch strafbar sein könnte.

Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders im Parlament in Den Haag (Archivfoto vom 22.1.2008).
Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders im Parlament in Den Haag (Archivfoto vom 22.1.2008).
Foto: Foto: dpa

Amsterdam. In Holland fliegen die Emotionen hoch. So beschrieb die Zeitung "de Volkskrant" am Donnerstag das Aufflammen einer neuen "nervenzerrenden Muslim-Debatte". Entzündet hat sie sich an einem Gerichtsurteil. Damit wurde die Staatsanwaltschaft angewiesen, wegen des Verdachts der Volksverhetzung gegen den Rechtspopulisten Geert Wilders zu ermitteln - den Parlamentsabgeordneten, der Muslimen in den Niederlanden die Ausübung ihrer "gewalttätigen Religion" verbieten lassen möchte.

Weltbekannt wurde Wilders 2008 durch seinen Kurzfilm "Fitna", eine gezielt furchterregende Collage von blutrünstig anmutenden Koran- Zitaten mit Bildern von Terroranschlägen, darunter in New York und London. Die Zukunft Hollands sieht in dem Streifen so aus: Muslime überschwemmen das Land, Frauen fallen Ehrenmorden und Schwule Hassverbrechen zum Opfer. Überall stehen in dem einst so toleranten Land Moscheen, in denen zum "Dschihad" geblasen wird.

Damit nicht genug, machte Wilders in Reden und Interviews Stimmung. An die linksliberale Zeitung "de Volkskrant" schrieb er: "Das Kern des Problems ist der faschistische Islam, die kranke Ideologie von Allah und Mohammed, wie sie ausgebreitet ist im islamischen "Mein Kampf" - dem Koran." Nach Anzeigen nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf - nicht sehr willig, wie es schien. Schließlich befand ein Richter, Wilders Äußerungen seien zwar für Muslime herabwürdigend, aber nicht strafbar.

Das sah nun das Berufungsgericht in Amsterdam anders. Ob die Ergebnisse neuer Ermittlungen für einen Prozess ausreichen, ist allerdings völlig offen. Das hielt den an seiner hellblonden Löwenmähne leicht erkennbaren Wilders nicht davon ab, auf die Tränendrüse zu drücken: Über die Boulevardzeitung "De Telegraaf" sagte er den Untergang seiner Partei für die Freiheit (PVV) voraus: "Die enormen Kosten (eines Gerichtsverfahrens) können wir unmöglich aufbringen." Wilders, so schimpfte das auflagenstärkste Blatt des Landes, sei "schon vorverurteilt".

Enorme Polarisierung in der "Muslim-Debatte"

Dieser Verdacht beunruhigt freilich auch viele Niederländer, die keineswegs die Forderungen der 2006 mit 5,9 Prozent ins Parlament gewählten PVV nach einem Einwanderungsstopp für Muslime, nach Schließung "radikaler" Moscheen sowie dem Verbot von Kopftüchern im öffentlichen Dienst unterstützen. "In einer Demokratie muss man auch derbe Kritik äußern dürfen", sagt der Rechtsphilosoph Paul Cliteur. Zudem sei es nicht weise, Wilders die Chance zu geben, sich als Märtyrer aufzuspielen.

Muslime hingegen loben das Gericht: "Es hat unser Vertrauen in den Rechtsstaat gestärkt", sagt Farid Azarkan, Vorsitzender des Bundes der Marokkaner in den Niederlanden. Das sei wichtig in einer Zeit, da immer mehr Muslime das Gefühl hätten, benachteiligt zu sein, "ob das nun hier in Holland ist oder im Gazastreifen".

Auch der Politikwissenschaftler Jean Tillie findet es gut, dass ein Gericht versuche, "die Würde von Menschen zu schützen". Es dürfe einfach nicht hingenommen werden, wenn Wilders-Anhänger Muslime als "Rif-Ratten" verunglimpften. Die Anspielung auf den Rif-Gebirgszug in Marokko führt die enorme Polarisierung in der "Muslim-Debatte" vor Augen: Von dort stammt der mit 16 Jahren eingewanderte Politiker Ahmed Aboutaleb, der als Hollands neuer Hoffnungsträger quasi den politischen Gegenpol zu Wilders verkörpert.

Der bekennende Islam-Anhänger und Sozialdemokrat, den Medien "Obama der Niederlande" tauften, ist seit Anfang des Jahres Bürgermeister von Rotterdam. Er ist damit nicht nur das erste muslimische Oberhaupt einer europäischen Großstadt, sondern zugleich auch jener Metropole, von der aus Wilders 2002 ermordeter geistiger Ziehvater Pim Fortuyn einst zum "Kalten Krieg mit dem Islam" aufgerufen hatte. (dpa)

Datum:  22 | 1 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


Kolumne

Unser Autor Stephan Hebel macht launische Bemerkungen über die doppelte Merkel, den griechischen Unmut über Spar-Kommissare - und, natürlich, den Sylt-Urlaub unseres Staatsoberhaupts.

Spezial
        

 Polizisten vor dem  durch eine Explosion zerstörten Haus in Zwickau,  in dem das rechtsradikale Trio zuletzt untergeschlüpft war.

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe im Spezial zum Neonazi-Terror.

Interaktiv

Hier finden Sie alle Termine und aktuellen Ergebnisse der Vorwahlen der Republikaner, sowie Informationen zu den Präsidentschaftskandidaten.

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Fotostrecke
Fotostrecke
Politiker-Pannen 2011 (14 Bilder)
Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Fotostrecke
Plaßmanns Welt (239 Bilder)

Anzeige

Spezial
Rechte Proteste gegen den Bau der Kölner Zentralmoschee (Archivbild).

Radikales Gedankengut erreicht unter dem Deckmantel von Islamkritik das bürgerliche Lager. Das Spezial zur Neuen Rechten.

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Video
Fotostrecke
Zum Anbeißen: Der Zoo Hannover sorgt beim Füttern für die saisonal passende Deko. Das Erdmännchen hat offenbar seinen Spaß dran.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Anzeige

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Spezial

Katholische Kirche und Reformpädagogik unter Druck: Immer mehr Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche werden bekannt.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!