kalaydo.de Anzeigen

Amnesty-Expertin zu Steinigungen im Iran: „Protest hat schon einigen geholfen“

Amnesty-Expertin Marie von Möllendorff spricht im FR-Interview über Steinigungen im Iran, die Situation von Sakineh Aschtiani und die internationale Kampagne.

Der Somalier Mahamed Ibrahim, 48, vor seiner Steinigung im Dezember 2009.
Der Somalier Mahamed Ibrahim, 48, vor seiner Steinigung im Dezember 2009.
Foto: REUTERS

Frau von Möllendorff, wie sieht die aktuelle Situation von Sakineh Aschtiani aus?

Genau weiß man das nicht, weil unterschiedliche Aussagen aus dem Iran kommen. Die iranische Botschaft in London hat am achten Juli gesagt, dass sie nicht gesteinigt wird, die oberste Justiz-Autorität der Provinz Ost-Aserbaidschan, dass das Steinigungsurteil weiter anhängig ist. Im Moment prüft der Oberste Gerichtshof im Iran offenbar den Fall. Wir vermuten, dass dies darauf zielt, den internationalen Druck rauszunehmen und die Entscheidung über die Hinrichtungsart aufzuschieben, die Hinrichtung an sich aber ist weiter anhängig.

Aschtiani wurde wegen Ehebruchs verurteilt. Wie läuft in so einem Fall die Beweisführung?

Grundsätzlich sollten mehrere Augenzeugen den Ehebruch bezeugen, was natürlich sehr schwierig ist. Als Beweis gilt auch, wenn die beklagte Frau viermal den Ehebruch gestanden hat. Frau Aschtiani hat ihr Geständnis widerrufen. Aber da die Beweissammlung so schwierig ist, können Richter auch auf Grundlage der sogenannten Erkenntnisse des Richters entscheiden, wenn keine sicheren Beweise vorliegen. Im Fall von Frau Aschtiani war es so, dass zwei von fünf Richtern sie für unschuldig erklärt haben, aber eben auch drei für schuldig.

Offenbar sind Frauen besonders häufig von Steinigungen bedroht. Warum ist das so?

Es sind auch Männer bedroht, aber häufiger Frauen. Die Aussage eines Mannes wiegt die Aussagen von zwei Frauen auf. Frauen sind häufiger Analphabeten und haben oft Geständnisse, die sie unterzeichnen, gar nicht gelesen. Bei ethnischen Minderheiten ist es oft auch so, dass sie kein Persisch verstehen. Das heißt, dass sie bei Gerichtsverfahren, selbst wenn sie von Steinigung bedroht sind, gar nicht wissen, was passiert. Und da Frauen meist kein eigenes Einkommen haben, können sie sich keinen guten Rechtsbeistand leisten.

Online-Petition
Zur Person
Protest in Berlin gegen die Steinigung der Iranerin Mohammadi-Ashtiani
Foto: Getty Images

Die FR unterstützt den weltweiten Protest gegen die geplante Vollstreckung der Todesstrafe durch den Strang von Sakineh Aschtiani. Täglich präsentieren wir einen Unterzeichner der Internet-Petition, die diesen Verstoß gegen die grundlegenden Menschenrechte verurteilt und die Freilassung fordert. So machen Sie mit:

Hier ONLINE unterzeichnen (auf die grün gefärbten Worte klicken oder www.freesakineh.org (Seite der Organisatoren) im Browser eingeben) oder direkt unter diesem Artikel Ihre Meinung dazu äußern.

Protestieren können Sie auch auf dem Postweg. Richten Sie Ihre Briefe in Persisch, Arabisch, Englisch, Französisch oder Deutsch an den Religionsführer und die oberste Justizautorität im Iran:
Ayatollah Sayed ’Ali Khamenei
The Office of the Supreme Leader
Islamic Republic Street - End of Shahid Keshvar Doust Street
Tehran, Iran

Ayatollah Sadegh Larijani
Office of the Head of the Judiciary
Pasteur St., Vali Asr Ave. south of Serah-e Jomhouri
Tehran, Iran

Amnesty International empfiehlt, folgende Forderung zu stellen: „Ich fordere Sie auf, dafür Sorge zu tragen, dass Sakineh Mohammadi Aschtiani nicht durch Steinigung oder auf andere Weise hingerichtet wird. Führen Sie eine umfassende Prüfung ihres Falls durch. Stoppen Sie die Steinigungen, schaffen Sie die Todesstrafe ab, verbieten Sie Prügelstrafen und hören Sie auf, Menschen, die Ehebruch begehen, zu kriminalisieren.“

        

privat

Marie von Möllendorff ist stellvertretende Referentin für den Mittleren Osten und Nordafrika bei Amnesty International Deutschland.

Weitere Informationen zu Steinigungen im Iran stehen im ai-Dossier unter www.amnesty-todesstrafe.de (fr)

Steinigung ist im Iran nicht die einzige Hinrichtungsmethode. Wie oft wird sie angewandt?

2009 wurden mindestens 388 Menschen hingerichtet, darunter war nur ein Mann, der gesteinigt wurde. Am häufigsten ist Tod durch Hängen. Ehebruch gehört zu den Hodoud-Verbrechen, das sind Verbrechen gegen den göttlichen Willen, die eine Bestrafung nach islamischem Recht nach sich ziehen. Steinigung steht nur auf den Ehebruch verheirateter Personen. Wir gehen davon aus, dass mindestens fünf Männer und eine Frau seit 2002 gesteinigt wurden. Im Moment sind mindestens sieben weitere Frauen und drei Männer von Steinigungen bedroht.

Steinigungen verstoßen gegen Völkerrecht. Wie legitimiert der Iran diese Praxis?

Der Stellvertreter der Obersten Justizautorität rechtfertigte 2007 die Steinigung damit, dass es keine unmenschliche Bestrafung ist, weil sich der Beschuldigte theoretisch bei der Prozedur auch befreien kann, also eine Chance hat, der Strafe zu entgehen. Bei einer Steinigung werden Männer bis zur Hüfte eingegraben, Frauen bis zur Brust. Das Strafgesetzbuch sieht vor, dass eine Person, die sich während der Steinigung aus der Grube befreien kann, nicht erneut gesteinigt wird.

Wer wirft die Steine?

Die Verfahrensordnung sieht vor: „Wenn die Verurteilung zur Steinigung auf dem Geständnis der angeklagten Person beruht, wird der Richter, der das Urteil gefällt hat, den ersten Stein werfen und dann die anderen Anwesenden. Aber wenn das Urteil auf Zeugenaussagen beruht, dann werfen zuerst die Zeugen Steine, dann der erwähnte Richter und dann die anderen Anwesenden.“

Welche Forderungen stellen Sie an den Iran?

Zunächst geht es darum, dass Steinigungsurteile nicht vollzogen werden. Und dass die Steinigung nicht mehr als legitime Strafe im Strafgesetzbuch steht. Ganz allgemein zur Todesstrafe fordern wir als ersten Schritt zu ihrer Abschaffung einen umfassenden Hinrichtungsstopp.

Bewegt sich im Iran in dieser Hinsicht schon etwas?

Es wurde zwar 2002 ein Moratorium für Steinigungen ausgesprochen, aber der Sprecher der Justizbehörde hat es als nicht rechtlich bindend bezeichnet, als er verkündet hat, dass im Dezember 2008 zwei Steinigungen stattgefunden hatten. Im Parlament wird ein neuer Entwurf des Strafgesetzbuches verhandelt. Wir haben Berichte erhalten, dass der Justizausschuss an den Wächterrat einen Entwurf zur Zustimmung weitergeleitet hat, der die Steinigung nicht mehr vorsieht. Es liegt jetzt am Wächterrat, zu entscheiden – er kann die Steinigung auch wieder hineinschreiben.

Wie erfolgsversprechend ist der internationale Druck, der durch Petitionen aufgebaut wird?

Das ist schwierig einzuschätzen. Wir wissen nicht, wie ernsthaft dieser Fall jetzt tatsächlich geprüft wird. Aber wir bemühen uns auf jeden Fall weiter. Internationale Proteste haben bereits mehrere Personen vor der Steinigung bewahrt, in einigen anderen Fällen die Steinigung zumindest aufgeschoben.

Interview: Marie-Sophie Adeoso

Datum:  10 | 8 | 2010
Kommentare:  11
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Zeitgeschichte

Deutschland 20 Jahre nach der Wiedervereinigung: Die FR beschreibt das Land anhand der Lebensgeschichten ihrer Einwohner.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!