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09. März 2014

„Regenbogenfamilien“: Welche Eltern braucht ein Kind?

 Von Katja Irle
Luzie und Lotta mit ihren beiden Müttern Melanie und Birgit Spors.  Foto: Monika Müller

Die Frage, die immer wieder Debatten auslöst: Braucht ein Kind Vater und Mutter, um glücklich aufzuwachsen? Für ihr Buch „Regenbogenfamilien“ hat Katja Irle gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern zu ihrer Familiensituation befragt.

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Die Frage, die immer wieder Debatten auslöst: Braucht ein Kind Vater und Mutter, um glücklich aufzuwachsen? Für ihr Buch „Regenbogenfamilien“ hat Katja Irle gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern zu ihrer Familiensituation befragt.

Einige Tausend Kinder in Deutschland wachsen bei schwulen und lesbischen Eltern auf. Vor allem in Großstädten wie Frankfurt am Main, Berlin und Köln entscheiden sich immer mehr homosexuelle Paare, Kinder zu bekommen – eigene, adoptierte oder Pflegekinder. Ihr Alltag unterscheidet sich kaum von dem anderer Eltern. Dennoch lösen Regenbogenfamilien kontroverse Debatten aus, weil viele sie als Angriff auf das heterosexuelle Adam- und-Eva-Prinzip verstehen. Im Kern geht es dabei um eine uralte Frage: Braucht ein Kind Vater und Mutter, um glücklich aufzuwachsen?

Katja Irle

„Das Regenbogen-Experiment – Sind Schwule und Lesben die besseren Eltern?“ Beltz 2014, 220 Seiten, 17,95 Euro. Ab Montag.

Birgit (49) und Melanie (38) Spors würden sich wundern über Menschen, die sich über sie wundern. Aber bislang sind sie denen noch nicht begegnet. Ihre Familie lebt in einem der bevorzugten Wohnbezirke in Frankfurt am Main. Hier fragt der Nachbar gleich, wen man denn suche, und weist den Weg. Man kennt sich. Als das lesbische Paar mit seinen zwei Töchtern die große Altbauwohnung im Norden zum ersten Mal besichtigte, sagte die Maklerin: „Familien wie euch muss man fördern.“ Wenig später zogen die Spors ein.

„Es erstaunt mich, wenn ich höre, dass Regenbogenfamilien diskriminiert werden. Das haben wir nie erlebt“, sagt Melanie Spors. Ihre Frau Birgit sieht das ähnlich, allerdings erinnert sie sich auch an andere Zeiten. Als sie 1996 mit ihrer damaligen Freundin aus Berlin nach Frankfurt kam, waren die Makler noch nicht so aufgeschlossen. „Ich will keinen Stress mit dem Vermieter haben. Der hat nämlich keine Lust auf Paare wie Sie“, ließ ein Wohnungsvermittler sie abblitzen. „Verglichen mit Berlin war das damals ein Kulturschock für mich“, sagt Birgit.

Nach Schätzungen der Bamberger Familienforscherin Marina Rupp, die 2009 eine viel beachtete Studie über Kinder bei gleichgeschlechtlichen Eltern für das Bundesjustizministerium geleitet hat, leben derzeit mehrere tausend Regenbogenkinder in Deutschland. Genaue Zahlen gibt es nicht, es könnten auch deutlich mehr sein. Einige Schwulen- und Lesbenorganisationen sprechen für die Metropolen sogar von einem „Gayby-Boom“. Die meisten dieser Regenbogenkinder wurden in heterosexuellen Beziehungen gezeugt. Sie leben heute in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, weil sich ein Elternteil, meist die Mutter, nach dem Coming-out vom Partner getrennt hatte. Eine kleinere, aber wachsende Gruppe von Kindern wird auch direkt in eine homosexuelle Partnerschaft hineingeboren. Einige dieser Mädchen und Jungen lernen den Dualismus Vater-Mutter gar nicht erst kennen.

Genau daran entzündet sich die Kontroverse um schwule und lesbische Eltern. Viele trauen ihnen nicht zu, Kinder groß zu ziehen, obwohl nationale wie internationale Studien bis auf wenige Ausnahmen zu dem Ergebnis kommen, dass Kinder bei homosexuellen Eltern genauso gut oder schlecht aufwachsen wie in anderen Familien. Einige Untersuchungen kommen sogar zu dem Schluss, dass Regenbogenkinder Vorteile haben, weil ihre Eltern sie vorurteilsbewusster und zu mehr Toleranz erzögen.

Familientherapeuten wie der Däne Jesper Juul oder der Schweizer Kinderarzt Remo H. Largo halten die sexuelle Orientierung der Eltern für viel weniger wichtig als die Frage nach der Qualität der Beziehung der Paare untereinander und zu den Kindern. Die Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP) in München, Fabienne Becker-Stoll, beruft sich auf Ergebnisse der Bindungsforschung und eigene Kinderbefragungen: „Nicht dass Chromosom XY entscheidet über die Feinfühligkeit einer Person, sondern ihre Fähigkeit, zwischen den eigenen und den Bedürfnissen des Kindes zu unterscheiden.“

Doch es gibt auch kritische Töne. Man brauche noch intensive klinische Forschung und Therapieerfahrung, um valide Aussagen über die Identitätsentwicklung von Kindern gleichgeschlechtlicher Paare zu treffen, sagt etwa die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main, Marianne Leuzinger-Bohleber. Die renommierte Psychoanalytikerin betrachtet einige Positiv-Prognosen mit Vorsicht, weil viele Untersuchungen vor allem auf Fragebogenverfahren und Tests basieren: „Aus psychoanalytischer Sicht bleiben diese Studien im Bereich des Bewusstseins. Man fragt Einstellungen und Verhaltensweisen ab. Aber so etwas Komplexes wie Geschlechtsidentität und ihre Entwicklung lässt sich damit allein nicht erfassen.“

Es ist früher Abend bei den Spors in Frankfurt. Bei vielen Familien beginnt jetzt die Sandmännchen-Phase auf dem Kinderkanal. Aber Luzie (6) und Lotta (4) spielen, anstatt vor der Kiste zu lümmeln. Fernsehen gibt es nur am Wochenende, das haben ihre beiden Mütter so beschlossen. Das Frauenpaar ist nicht nur in diesem Punkt konsequent. Auch bei der ungewöhnlichen Geschichte ihrer Familiengründung und was die Kinder darüber wissen sollten, verfolgen die Eltern eine klare Linie: Keine Geheimnisse.

„Samenspende“, „Vaterbezug“ und „Rollenverhalten“

Während Melanie, die leibliche Mutter, und Co-Mutter Birgit im Wohnzimmer von ihrem Alltag erzählen, schauen Luzie und Lotta immer mal wieder vorbei. Es irritiert sie nicht, dass sie dabei Begriffe wie „Samenspende“, „Vaterbezug“ und „Rollenverhalten“ aufschnappen, denn sie hören das nicht zum ersten Mal. Luzies und Lottas Freunde wissen alle, dass die beiden zwei Mamas haben. Bei der Anmeldung zum Kindergarten haben die Spors auf dem Fragebogen das Wort „Vater“ einfach durchgestrichen und durch „Mutter“ ersetzt.

Entstanden sind Luzie und Lotta durch künstliche Befruchtung mit einer fremden Samenspende. Ärzte einer deutschen Klinik assistierten Melanie Spors bei dieser „heterologen Insemination“ – eine Ausnahme, die meisten Gynäkologen in Deutschland lassen sich auf die Behandlung von Frauen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften nicht ein. Viele Regenbogenkinder werden deshalb im europäischen Ausland oder mit Hilfe einer Samenspende aus dem Bekannten- oder Freundeskreis gezeugt.

Die Spors haben sich ganz bewusst für einen fremden Samenspender und gegen einen aktiven Vater entschieden. Kritiker von Regenbogenfamilien stören sich genau an diesem Ausschlussprinzip. Zwar können die Töchter den Namen des Spenders erfahren – aber erst, wenn sie volljährig sind. „Wir wollten eine abgeschlossene Familie haben“, sagt Melanie Spors. „Abgeschlossen“ heißt in diesem Fall: allein in allen Fragen der Erziehung entscheiden dürfen. Und vor allem: Birgits Position als nicht-leibliche Mutter nicht durch einen biologischen Vater gefährden. „Klare Verhältnisse“, nennen das die beiden Mütter. Birgit räumt offen ein, dass dabei „durchaus egoistische Motive“ eine Rolle gespielt haben: „Ich will nicht um meine Rolle kämpfen müssen. Wenn ich nur daran denke, bin ich schon gestresst.“

Dürfen Eltern für ihre Kinder so weitreichende Entscheidungen treffen? Wie wichtig ist das Wissen um den eigenen Ursprung und was passiert, wenn Kinder sich in der Pubertät auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern begeben? Diese durchaus wichtigen Fragen werden homosexuellen Eltern oft gestellt – heterosexuellen Paaren, die ebenfalls mit Hilfe der Reproduktionsmedizin Kinder bekommen, meistens nicht.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Debatte um fehlende Rollenvorbilder

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