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26. Juni 2009

"Sachsensumpf": In den Dreck gezogen

 Von BERNHARD HONNIGFORT

Am Vorabend noch ein angesehener Herr, am nächsten Morgen ein sexgeiles Monstrum: Wie der Leipziger Richter Jürgen Niemeyer im angeblichen Sachsensumpf seinen Ruf verlor. Von Bernhard Honnigfort

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Als sich der pensionierte Richter Jürgen Niemeyer am 20. Januar 2008, es war ein Sonntag, abends ins Bett legte, war er noch ein angesehener älterer Herr. Als er am Montagmorgen aufwachte, hatte er sich in "Ingo" verwandelt, ein sexgeiles Monstrum.

Im Spiegel konnte er nachlesen: "Ingo war kein feiner Mann. Ganz sicher keiner, um den sich Frauen gewöhnlich stritten. Er hatte wenig Ähnlichkeit mit Adonis, war nicht sonderlich freundlich und neigte zu Grobheiten. Interessiert war er eigentlich nur an einem: hartem Sex mit blutjungen Frauen."

Es war ein Artikel über zwei Seiten, der sich mit Juristen in Sachsen befasste, die angeblich in dem bis 1993 in Leipzig existierenden Bordell "Jasmin" ein- und ausgingen. Der Name Jürgen Niemeyer fiel in keiner Zeile. Doch wer lesen konnte, sich ein bisschen auskannte und das nur im Gesicht unscharf gemachte Bild Niemeyers betrachtete, der begriff schnell, wer mit dem "ranghohen Richter des Landgerichts Leipzig" gemeint war. Danach ging pausenlos das Telefon. Freunde riefen ihn an, ehemalige Kollegen. Alle wollten wissen, was denn los sei.

"Es war unfassbar", sagt Niemeyer. Seit jenem Tag beteuert er seine Unschuld. Seit jenem Tag kämpft er gegen Misstrauen und Zweifel. Sogar bei Freunden. "Mein Ruf als Richter war ruiniert. Ich bin seitdem verbrannt."

Er sitzt in seinem Anwaltsbüro in München. Auf dem Tisch Akten und Zeitungsartikel, Kopien von Klageschriften. Es sind die Dokumente eines zerstörten Ansehens. "Das werde ich doch nie wieder los", sagt Niemeyer. Die Maxime eines Richters - ein Angeklagter ist unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen ist - wurde in seinem Fall ignoriert. Im Internet stehe heute noch seine "Geschichte", auf obskuren Verschwörerseiten, und werde dort noch in Jahrzehnten umhergeistern. Immer werde etwas hängen bleiben. "Die Leute reden. Die Leute denken, wo Rauch ist, da ist auch Feuer."

Nie im Puff

Niemeyer, ein drahtiger, freundlicher Herr mit randloser Brille, wird 70 im Herbst. 1992, seine Ehe in Stuttgart war zerbrochen, wechselte er als Jurist nach Sachsen, wurde Vorsitzender einer Jugendkammer in Leipzig. Bis zur Pensionierung 2004 war er Vizepräsident des Landgerichts, nebenbei Verfassungsrichter. Niemeyer gehörte zu denen, die nach Sachsen kamen und mithalfen, eine rechtsstaatliche Justiz aufzubauen.

Er kann sagen, was er will. Dass er nie in seinem Leben ein Bordell betreten habe, nur einmal dienstlich zum Augenschein als Richter beim Landgericht Stuttgart. Dass er nie mit Prostituierten verkehrt habe, nie in seinem Leben in Leipzig oder anderswo einen Puff besucht habe. Er zuckt mit den Schultern: "Es ist nicht zu reparieren."

Niemeyer ist in einem Sumpf untergegangen, den es nie gegeben hat: im "Sachsensumpf". Im Frühjahr 2007 war es, als eine Handvoll Journalisten glaubte, die Geschichte ihres Lebens in Händen zu halten. Einige durchgeknallte Mitarbeiter des Verfassungsschutzes hatten über Jahre meterweise Akten angelegt über ein angebliches kriminelles Netzwerk aus Richtern und Staatsanwälten, Polizisten, Bauunternehmern und Politikern, eng verbandelt mit der organisierten Kriminalität und dem Rotlichtmilieu. Aus diesen Akten sickerte es in die Öffentlichkeit. "Sex-Einsatz in Amtsstuben", trompetete die Leipziger Volkszeitung. Die Vorwürfe überschlugen sich: Juristen in Bordellen, Prostituierte im Leipziger Rathaus. Nichts schien unmöglich. Der Autor Jürgen Roth, der Bücher über die Organisierte Kriminalität veröffentlicht hat, behauptete in einem Interview: "Die politischen Zustände in Sachsen sind nach meinen Recherchen ein tiefer korrupter, ja mafiöser Sumpf."

Ein Sturm fegte über Sachsen dahin. Er entwurzelte das Vertrauen in Rechtsstaat und Politik, raubte Menschen ihr Ansehen, hinterließ Misstrauen. Aber am Ende kam heraus: Es war alles falsch. Nichts ist von den Vorwürfen geblieben. Sie lösten sich in Luft auf. Und in Strafbefehle wegen übler Nachrede gegen Journalisten und den Autor Roth.

Die ungeheuerlichen Vorwürfe wurden schnell und gründlich ausgeräumt. Verfassungsschützer anderer Bundesländer kamen nach Sachsen. Ein Bundesrichter untersuchte die Vorgänge. Generalbundesanwältin Monika Harms sollte helfen. Die Dresdner Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf gegen alle Kollegen, die angeblich verstrickt waren. Sachsens Verfassungsschutz ließ sich durchleuchten.

Am Ende blieb ein kleiner Kreis: Simone Henneck, eine überforderte Referatsleiterin im Verfassungsschutz, und Georg Wehling, auf der einen Seite ermittelnder Hauptkommissar, auf der anderen unter der Tarnbezeichnung "Gemag" als Quelle beim Verfassungsschutz geführt. Außerdem ein paar Mitarbeiter. Ein kleiner Kreis, der zwischen 2003 und 2006 Gerüchte zusammengetragen hatte, Getratsche, Gerede. Man hatte geglaubt, anstatt zu prüfen. Sie hatten hemmungslos alles zusammengerafft zu einem Aktenberg aus Gequatsche, Unterstellungen, bösen Verdächtigungen. Sie hatten den gesunden Menschenverstand ausgeschaltet. Verfassungsschutzpräsident Reinhard Boos sprach später von einem "Motorschaden" seiner Behörde.

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