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16. November 2012

"Verdrängung ist eine Gottesgabe"

Blick auf eine Grabstätte auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt, Oder. Foto: dpa

Herr Sörries, die meisten Menschen fürchten sich vor dem Tod. Sie haben den Tod sogar zu Ihrem Beruf gemacht. Sie leiten ein Museum, das sich der Kultur des

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Herr Sörries, die meisten Menschen fürchten sich vor dem Tod. Sie haben den Tod sogar zu Ihrem Beruf gemacht. Sie leiten ein Museum, das sich der Kultur des Sterbens und des Todes widmet. Ist das nicht deprimierend?

Ich muss Sie enttäuschen. Ich bin weder depressiv noch übe ich den Beruf aus, weil ich nekrophil veranlagt bin oder eine besondere Affinität zu dem Thema habe. Menschen, die einen solchen Beruf ausüben, sind wahrscheinlich diejenigen, die den Tod und den Gedanken daran am besten verdrängen können. Denn wenn man sich tagtäglich damit auseinandersetzt, ist ein bemalter Sarg tatsächlich nur ein bemaltes Stück Kulturgut. Während also viele Leute beklagen, wir würden den Tod tabuisieren, sage ich umgekehrt, es ist eigentlich eine Gottesgabe, dass wir den Tod verdrängen können. Sonst würde ja jede Lebensplanung hinfällig werden.

Wie kommt es, dass wir Tod und Sterben heute viel stärker ausblenden als früher? Wir werden doch immer älter. Läge es da nicht nahe, dass man offener über solche Themen spricht?

Ich würde im Gegenteil sagen, dass wir heute mehr über solche Themen sprechen als in irgendeiner anderen kulturgeschichtlichen Epoche. Ob es um die Beschäftigung mit Organspende, Patientenverfügungen oder die Vorsorge für die eigene Bestattung geht. Wenn ich bei Google Tod oder Sterben eingebe, bekomme ich genauso viele Treffer wie zu Liebe und Geburt. Ich muss allerdings die Einschränkung machen, dass wir zwar sehr gesprächsfähig über den Tod im Allgemeinen sind. Wenn der Tod in unser eigenes Umfeld tritt, neigen wir durchaus dazu, schweigsam zu werden.

Kaum ein Jugendlicher erlebt heute noch, wie seine Oma zu Hause stirbt. Das Sterben wird an Krankenhäuser, Pflegeheime oder Hospize delegiert. Welche Folgen hat das für unseren Umgang mit dem Tod?

Ich kenne sogar Leute in meinem Alter, die noch nie auf einer Beerdigung waren. Wenn wir die Begegnung nicht bewusst suchen, gelingt es uns bis ins Alter von 50 oder 60 Jahren, nichts von der Realität des Sterbens mitzukriegen. Es ist ein Element unserer Tage, dass wir alles in den Griff bekommen wollen. Also delegieren wir das Sterben an spezielle Einrichtungen. Auf der anderen Seite muss ich aber auch sagen, wer möchte schon so sterben wie vor 200 Jahren? Ohne ärztliche Betreuung?

Immer mehr Menschen wünschen sich eine anonyme Bestattung. Dabei ist doch die Vorstellung, dass man verschwindet, ohne Spuren zu hinterlassen, sehr bedrückend, oder?

In nord- und ostdeutschen größeren Städten ist bereits jede dritte Bestattung ein stiller Abtrag. Das bedeutet, dass zwischen Tod und anonymer Beisetzung nichts passiert. Keine Feier, keine Zeremonie. Wenn klar ist, dass es niemanden gibt, der um mich trauert oder das Grab pflegt, kann das eine sehr rationale Entscheidung sein. Was mich aber sorgt, ist, dass hinter den anonymen Bestattungen zunehmend ein nicht mehr vorhandenes Selbstwertgefühl steht. Ich höre das oft: Ach, um mich muss man keine großen Geschichten machen. Das ist einer der Wesenszüge unserer Gesellschaft, dass Menschen schon zu Lebzeiten erfahren, dass sie nicht wichtig sind, keine Rolle in der Gemeinschaft spielen. Wenn sich dieses Lebensgefühl, nichts wert zu sein, breit macht, ist es nur konsequent, wenn viele sagen: Für mich reicht eine Urne auf der grünen Wiese. Das ist wirklich bedenklich.

Das Gespräch führte Mira Gajevic.

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