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Interview mit Integrations-Experte: "Wir brauchen diese Menschen"

Nihat Sorgec, Geschäftsführer des Bildungswerks Kreuzberg, spricht über die Chancen von Migranten und den Populismus von Thilo Sarrazin.

Nihat Sorgec (li.) begutachtet die Metallarbeit eines Schülers im Bildungswerk Kreuzberg.
Nihat Sorgec (li.) begutachtet die Metallarbeit eines Schülers im Bildungswerk Kreuzberg.
Foto: dpa

Herr Sorgec, laut Thilo Sarrazin sind die Muslime die am schlechtesten integrierte Migrantengruppe in Deutschland. Ist da nicht was Wahres dran?

Ja, sicher. Aber der Grund liegt nicht darin, dass sie Muslime sind, sondern dass viele von ihnen aus unteren Schichten stammen: bildungsfernen Milieus, in denen das Lernen nie gelernt wurde.

Zur Person

Nihat Sorgec ist Gründer und Geschäftsführer des Bildungswerks Kreuzberg in Berlin, das derzeit fast 1000 Jugendliche und Erwachsene aus- und weiterbildet. Zielgruppe sind vor allem sozial benachteiligte junge Menschen und Migranten, die auf dem normalen Ausbildungsmarkt keine Chance hätten.

Mit 14 Jahren kam Sorgec als Gastarbeiterkind nach Deutschland, machte zunächst einen Hauptschulabschluss und eine Lehre und studierte im zweiten Bildungsweg Maschinenbau.

In der Amtszeit von Bundesinnenminster Wolfgang Schäuble (CDU) war Sorgec Mitglied der Deutschen Islam-Konferenz. Er ist außerdem Vizepräsident der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer. (rü)

Sarrazin bestreitet soziale Ursachen. Er macht eine ungute Mixtur von Islam und traditioneller Lebensform für die mangelhafte Integration verantwortlich.

Die Praxis widerlegt ihn doch. Das sehen wir an unserer Klientel im Bildungswerk: Die Deutschen, die bei uns eine Ausbildung machen, haben die gleichen Probleme wie die Migranten.

Welche sind das?

Sie haben keine Berufsperspektive und sie haben nicht gelernt, was eine leistungsorientierte Gesellschaft verlangt. In ihren Familien fehlen einfach die Vorbilder, die jeden Morgen zeitig aufstehen und zur Arbeit gehen.

Sind die meisten Migranten?

Nein, fast die Hälfte sind Deutsche. Bei den Deutschen stecken vor allem zerrüttete Familien dahinter, die Migranteneltern haben Sprachdefizite und sind oft mit den Erziehungsanforderungen einer modernen Gesellschaft überfordert. Aber die Folgen sind die gleichen.

Was lernen die Jugendlichen bei Ihnen?

Ein halbes Jahr brauchen wir erst mal, bis sie pünktlich kommen und einigermaßen lernen gelernt haben. Wir vermitteln ihnen das Gefühl, dass sie eben doch eine Perspektive haben, wenn sie sich anstrengen. Und wir haben Erfolge: 86 Prozent bestehen die Prüfungen, etwa 80 Prozent von ihnen finden einen Job. Im Einzelhandel und im Hotelgewerbe sind es sogar 100 Prozent.

Sarrazin reichen solche Ansätze nicht. Er will mehr Druck auf integrationsunwillige Migranten. Zum Beispiel sollen Kindergeld oder Grundsicherung gekürzt werden, wenn Kinder im Kindergarten oder der Schule fehlen.

Ich bin durchaus für Leistungsorientierung, aber wir kommen durch Überzeugung und Anreize weiter als mit Zwang. Es muss aber genügend Mittel für entsprechende Programme geben.

Was muss denn geschehen?

Wir müssen an die Eltern ran und sie überzeugen, dass Bildung ihren Kindern Zukunft gibt. Das muss über Autoritäten laufen, die das Vertrauen dieser Menschen haben. Ich erwarte da deutlich mehr Engagement von den vielen Migranten, die es schon zu etwas gebracht haben: Sie sollten sich ehrenamtlich einsetzen, als Vorbilder auf ihre Landsleute zugehen und die passenden Projekte gründen. Eine andere Schiene betreten wir vom Bildungswerk demnächst. Wir starten einen Vorbereitungskurs für Polizei- und Verwaltungsberufe, denn da sind noch zu wenige Zuwanderer vertreten.

Aber was bringt das? Was hat die deutsche Gesellschaft von den muslimischen Zuwanderern? Laut Sarrazin nichts.

Das ist ein ganz gefährlicher Populismus, der die Migranten doch nur vor den Kopf stößt! Nehmen Sie die Menschen mit türkischem Hintergrund: Der Handel mit der Türkei hat sich über die Jahre vervielfacht, auch dank der vielen hochqualifizierten Migranten in deutschen Firmen. Gerade habe ich die Metro-Zentrale in Istanbul besucht. Sie wird von in Deutschland aufgewachsenen Türken geleitet. Das zeigt: Wenn wir in die besondere Ressource dieser Menschen investieren, nämlich in ihre interkulturelle und sprachliche Kompetenz, dann öffnen wir uns wichtige Märkte. Das ist unerlässlich für eine Exportnation. Viele Unternehmen haben das erkannt, die Politik allerdings erst langsam.

Interview: Ursula Rüssmann

Autor:  Ursula Rüssmann
Datum:  27 | 8 | 2010
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