Herr Töpfer, Sie beraten das große Wüstenstrom-Projekt Desertec, das Solar- und Windparks gerade auch im politisch instabilen Nordafrika vorsieht. Droht durch die Unruhen in der Region ein Stopp des Projekts?
Nein, das wäre die völlig falsche Reaktion. Die Region Nordafrika braucht eine stabile Entwicklungspartnerschaft mit Europa. Die revolutionären Veränderungen dort haben ihre Ursache ja nicht nur darin, dass die protestierenden Menschen politische Mitsprache fordern. Sie wollen gerade auch eine stabile wirtschaftliche Entwicklung, die den jungen Menschen in den Ländern gute, zukunftsfähige Arbeitsplätze bringt.
Klaus Töpfer ist Exekutivdirektor des Instituts für Klima, Erdsystem und Nachhaltigkeit (IASS) in Potsdam und Berater der Wüstenstrom-Initiative Desertec, in der sich deutsche Konzerne wie Siemens, Eon, RWE, die Deutsche Bank, MunichRe und Unternehmen aus Südeuropa sowie Marokko, Ägypten und Tunesien engagieren. Der 72-jährige CDU-Politiker war langjähriger Bundes-umwelt- und -bauminister sowie Direktor des UN-Umweltprogramms UNEP in Nairobi. jw
Ist Desertec also ein Projekt der Entwicklungshilfe?
Ja, für eine solche wirtschaftliche Entwicklung wird Energie gebraucht, und zwar umweltverträgliche Energie, wie Desertec sie bringt. Der größte Teil des Stroms soll vor Ort verbraucht werden, nur ein Teil nach Europa fließen. Die Arbeit an dem Projekt muss weitergehen. Es kann ein Leuchtturmprojekt für die Zusammenarbeit zwischen Afrika und Europa werden.
Was sollen die europäischen Staaten tun?
Europa muss gerade jetzt klare Signale geben: Es steht für die verlässliche Entwicklungszusammenarbeit mit den nordafrikanischen Staaten. Nur wenn eine ökonomische Perspektive glaubwürdig gegeben wird, haben demokratische Kräfte eine Chance. Die Stabilität zu fördern, ist ja auch in unserem Interesse. Die Flüchtlingsströme quer über das Mittelmeer werden gewaltig ansteigen, wenn die Menschen in Nordafrika zu Hause keine Perspektive haben.
Manche Experten warnen davor, dass weitere Irans in Nordafrika entstehen könnten.
Natürlich muss genau beobachtet werden, wie sich die Staaten und die Zivilgesellschaften neu finden. Jetzt müssen wir die Chance wahren, die Entwicklung hin zu mehr Demokratie zu unterstützen. Wir dürfen uns nicht abschotten.
Welche Länder in der Region sehen Sie als stabil genug an, um dort mit Desertec-Projekten zu beginnen?
Mit solchen Wertungen muss man vorsichtig sein. Tunesien und Ägypten galten bis vor wenigen Wochen auch als stabil.
Desertec setzt stark auf Marokko. Sorgen Sie sich nicht, dass es auch dort zur Krise kommen könnte?
Spekulative Prognosen helfen niemandem. Aber: Marokko hat sich bei erneuerbaren Energien bereits eine Führungsrolle erarbeitet – etwa durch die Windparks, die dort bereits laufen. Ein Solarkraftwerk wird dort gebaut werden. Die Akzeptanz dafür ist da. Das ist eine gute Voraussetzung.
Wie könnten die Desertec-Investitionen denn verlässlich abgesichert werden – es geht immerhin insgesamt um 400 Milliarden Euro?
Das lässt sich durchaus regeln. Denn die Export- und Importländer wären ja wechselseitig voneinander abhängig – so wie es heute bereits bei den Öl- oder Gaslieferungen ist. Dreht ein Lieferland den Hahn zu, hat es auch keine Einnahmen mehr. Desertec kann nur funktionieren, wenn die nordafrikanischen Länder eine Garantie haben, dass sie selbst davon profitieren. Das habe ich bei allen meinen Gesprächen in der Region als Botschafter für das Projekt herausgestellt.
Derzeit verlassen viele Geschäftsleute Ägypten. Ist das richtig?
Das kann doch jeder verstehen. Die europäischen Firmen, die dort engagiert sind, haben eine Fürsorgepflicht für ihre Mitarbeiter. Wenn sie das momentane Risiko als zu hoch einschätzen, müssen sie reagieren. Die langfristigen Unternehmensstrategien sind ein anderes Thema.
Ab wann könnte der erste Desertec-Solarstrom fließen? Schon 2020?
Das ist sehr, sehr ambitioniert. Die nötigen Technologien sind im Prinzip vorhanden, aber Desertec ist noch nicht so weit, dass man gleich morgen damit starten könnte. Zuerst werden Solar- und Windparks in Nordafrika zum Eigenverbrauch entstehen, dann müssen die Transportleitungen nach Europa gebaut werden. Das braucht seine Zeit.
Interview: Joachim Wille
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