Sie will nicht mehr daran denken. Sie will nach vorne schauen. Aber sie kann nicht. „Wenn ich morgens aufwache, dann ist es wieder da“, sagt sie. Dann hört Codruta Laura Novacovici das Tock-tock-tock der Fäuste an der Tür und dieses „allez, allez, vite, vite!“ „Auf geht’s, auf geht’s, schnell, schnell!“
Gut eine Woche ist es her. Kurz vor Sonnenaufgang hatte das Räumkommando das Roma-Lager gestürmt. Die 25-Jährige versuchte gar nicht erst, sich zu wehren. Sie hat ganz schnell gemacht. Wie ihre 75 Landsleute aus dem westrumänischen Temesvar hat die zierliche Frau mit dem zum Knoten gebundenen dunklen Haar ihre Habseligkeiten zusammengerafft.
Seit Ende Juli wurden in Frankreich bereits mehr als 50 ohne Genehmigung errichtete Roma-Lager geräumt. In Frankreich leben etwa 15000 Roma. Die meisten besitzen die rumänische Staatsangehörigkeit. Bulgaren stellen die zweitgrößte Gruppe. Die vorzugsweise am Rand großer Städte errichteten Wohnwagen- und Barackenlager der Roma befinden sich vor allem in der Umgebung von Paris und Lyon sowie rund um Lille, Nantes, La Rochelle, Montpellier und Marseille. Wer die französische Nationalität erworben hat, gilt in Frankreich nicht mehr als Roma (französisch: Rom), sondern als Manouche.
Europaweit zählt das zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert aus Indien ausgewanderte, Romani sprechende Volk schätzungsweise acht bis 15 Millionen Menschen. Die Roma sind damit die größte ethnische Minderheit der EU.
In den Aufnahmeländern oft nur geduldet, wenn nicht verfolgt, sahen sich die Roma schon im Mittelalter zu einem Wanderleben genötigt, wodurch sie als „fahrendes Volk“ gesellschaftlich noch mehr an den Rand gerieten. Den Höhepunkt erreichte die Verfolgung während des Dritten Reiches. Die Nationalsozialisten brachten etwa 500000 Roma um, mindestens die Hälfte in Konzentrationslagern.
Als rumänische oder bulgarische Staatsangehörige sind die Roma EU-Bürger und genießen in der Gemeinschaft Freizügigkeit. Frankreich hat allerdings beim EU-Beitritt Rumäniens und Bulgariens (2007) von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, Übergangsvorschriften zu erlassen, welche die Freizügigkeit der neuen EU-Bürger für sieben Jahre einschränken.
Bis zum 31. Dezember 2013 können Rumänen und Bulgaren demnach zwar ungehindert einreisen. Wollen sie aber länger als drei Monate bleiben, bedürfen sie einer Aufenthaltserlaubnis.
Die Genehmigung gibt es nur, wenn der Antragsteller entweder eine Arbeit vorweisen kann (für die er wiederum eine in Krisenzeiten äußerst zurückhaltend vergebene Arbeitsgenehmigung benötigt) oder aber über üppig sprudelnde Finanzquellen verfügt.
Wer keine Aufenthaltserlaubnis erhält, kann aus- und sogleich wieder einreisen – womit die Dreimonatsfrist von Neuem beginnt.
Von 2014 an genießen Rumänen und Bulgaren dann auch in Frankreich uneingeschränkte Freizügigkeit.
Novacovici hat die 14 Monate alte Daniela auf den Arm genommen, die Hand des dreijährigen Benjamin ergriffen, den sechsjährigen Emanuel und den neunjährigen Gabriel gerufen. Mit den vier Kindern hat sie sich im Morgengrauen am Rand des Lagers unter einen Baum gesetzt, während ihr Mann Daniel Kleider, Decken und Geschirr in Plastiktüten und einen Einkaufswagen stopfte. Novacovicis Handy hat er in der Eile allerdings vergessen.
Die Polizisten und die Männer von der Stadtreinigung haben ganze Arbeit geleistet. Das brachliegende Gelände unter der Brücke der Stadtautobahn A 86 sieht fast wieder so aus wie im Frühjahr, als die Roma hier an einem Seitenkanal der Seine vor den Toren der Pariser Vorstadt Choisy-le-Roi ihr Lager aufschlugen.
Die beschlagnahmten Wohnwagen stehen in der Garage der Stadt. Wellblechpappen und Bretter der Baracken sind auf einer Mülldeponie gelandet. Im Sonnenlicht, das durch einen in die Autobahnbrücke eingelassenen Schacht dringt, glitzert ein halb in der Erde steckender Korkenzieher. Auch eine Salatgabel, ein Ventilator, das Bein eines Plastikstuhls und eine Pik-Neun-Spielkarte haben die Räumung überstanden. Aus dem Brackwasser des Seinekanals ragen die Räder umgestürzter Einkaufswagen. Mehr ist von dem Lager nicht geblieben. Codruta Laura Novacovici würde gern wieder von vorne anfangen, wie immer eben, wenn die französische Polizei sie verjagt. Fünf oder sechs Mal hat sie das schon erlebt. Stets hat Novacovici mit den anderen Roma einen neuen Platz gefunden, den sie als Niemandsland ansah, von dem sie zumindest annahm, dass ihn niemand beanspruchen würde. Immer wieder haben sie und ihr Mann aus dem Nichts Wände hochgezogen. Oft war die neue Behausung besser als die alte. „Du lernst immer etwas dazu, bautechnisch meine ich“, sagt Novacovici.
Aber dieses Mal dürfte das mit dem Neuanfang nicht so leicht sein. Die junge Frau ist in die Mühlen der großen Politik geraten. Ende Juli hatte Staatschef Nicolas Sarkozy illegal errichtete Roma-Lager als potenzielle Brutstätten von Menschenhandel und Prostitution gegeißelt und die Schließung angeordnet. Mehr als 50 ohne Genehmigung errichtete Lager wurden bereits geräumt. Bis Ende August sollen 850 Angehörige der in Europa weithin diskriminierten Minderheit ausgeflogen werden.
15000 Roma leben in Frankreich. Die meisten sind Rumänen oder Bulgaren. Novacovici befürchtet, dass sie abgeschoben wird, nach Rumänien, ein Land, das sie kaum kennt, „wo uns die Leute auch nicht mögen“, wie sie sagt.
Natürlich hagelt es Proteste. Grüne, Sozialisten, aber auch rechtsbürgerliche Politiker wie der frühere Premier Dominique de Villepin nennen den Feldzug gegen das Volk der Roma eine Schande. Altpräsident Jacques Chirac beklagt eine „moralische Verfehlung“ Sarkozys. Der Papst hat die Franzosen aufgefordert, „die Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit anzunehmen“. Ein französischer Priester hat am Montag die ihm von der Regierung verliehene Verdienstmedaille unter Protest zurückgegeben. Zuvor hatte der Europarat vor dem Schüren fremdenfeindlicher Gefühle gewarnt. Aber die Regierung bleibt hart.
Vermutlich fiele die Kritik milder aus, könnte Sarkozy die von ihm suggerierte hohe Straffälligkeit der Roma mit Auszügen aus der Verbrechensstatistik belegen. Aber das geht nicht. Die Gleichheit vor dem Gesetz geht in Frankreich so weit, dass der Staat ethnische Daten nicht einmal erfassen darf. Wenn die Öffentlichkeit etwas über Volksgruppen und Verbrechen erfährt, dann allenfalls aus inoffizieller Quelle, etwa von namentlich nicht genannten Polizisten.
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