kalaydo.de Anzeigen

Kritik an Vertriebenenrat : "Wunsch nach Versöhnung wird verhöhnt"

Dem Bund der Vertriebenen muss man laut Raphael Gross "mit großer Vorsicht begegnen". Der Direktor des Fritz Bauer Instituts kritisiert die Besetzung des Stiftungsrates. Arno Widmann sprach mit ihm.

Um die Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung hat es von Anfang an Streit gegeben. Im Februar dieses Jahres schien er beigelegt, nachdem Erika Steinbach, Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, auf einen Sitz im Stiftungsrat verzichtet hatte. Als Gegenleistung erhielt der Vertriebenenbund sechs statt bisher drei Sitze. Außerdem gab die Bundesregierung ihr Vetorecht bei der Auswahl künftiger Mitglieder auf. Am 8. Juli ernannte nun der Bundestag die Mitglieder des Stiftungsrats und deren Stellvertreter. Aber auch damit ist der Konflikt nicht beendet. Professor Raphael Gross, Direktor des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt und Mitglied im wissenschaftlichen Beraterkreis der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, hat sich die Besetzung des Stiftungsrats genau angesehen – und fand Fragwürdiges. Mit Gross sprach Arno Widmann.

Was halten Sie von der Personalentscheidung des Bundestages?

Sie wirft wegen der zwei in dieses Gremium neu gewählten Mitglieder schwerwiegende Probleme auf, auch für die wissenschaftliche Begleitung.

Warum? Frau Steinbach ist ja nicht mehr Mitglied des Beirats.

Zwei vom Bund der Vertriebenen nominierte und vom Bundestag jetzt bestätigte stellvertretende Mitglieder beziehen zum 2. Weltkrieg und zur Wiedergutmachung Positionen, die den Wunsch nach Versöhnung – den eigentlichen Stiftungszweck also – geradezu verhöhnen.

Was sagen die denn, was Sie so skandalös finden?

Herr Hartmut Saenger leugnet Schuld und Verantwortung von Deutschland für den 2. Weltkrieg. Im September 2009 schreibt er in der Preußischen Allgemeinen Zeitung, dass Polen sich im Vorfeld „besonders kriegerisch“ aufgeführt habe und suggeriert durch rhetorische Fragen, dass die Nazis am 2. Weltkrieg keineswegs eine Alleinschuld treffe: „Gehören zum Entfesseln eines Krieges nicht Bündnisse?“ oder „Wie kann aus einem Streit um Zugangsrechte und eine Stadt wie Danzig, die damals völkerrechtlich weder zu Polen noch zum Deutschen Reich gehörte, ein Weltkrieg zwischen allen Großmächten entstehen?“ Er meint allen Ernstes, dass England und Frankreich eine Mitschuld am Weltkrieg haben, weil sie nicht großzügig über die deutschen Eroberungen von Danzig und dem Korridor hinweggesehen haben. Im Grunde erscheinen hier die Deutschen am Ende als die Opfer der polnischen, englischen und französischen Aggression. Herr Arnold Tölg empört sich über Wiedergutmachungszahlungen an ehemalige NS-Zwangsarbeiter und verdammt diese aus seiner Sicht folgerichtig in der Jungen Freiheit: „Gerade die Länder, die am massivsten Forderungen an uns richten“ hätten selbst in Sachen Zwangsarbeit „genügend Dreck am Stecken“. In den vergangenen Jahren hat sich gegen viel Widerstand ein Grundkonsens der deutschen Politik herausgebildet, dass Nazi-Verbrechen mit derartigen „Aufrechnungen“ nicht relativiert werden sollen. Wiedergutmachung ist ein Akt der historischen Gerechtigkeit, und nicht Unrecht, wie Herr Tölg dies zu sehen scheint.

Welche Empfehlungen werden Sie der Stiftung geben?

Es zeigt sich immer wieder, dass der Bund der Vertriebenen offenbar bis in die Spitzen hinein eine Organisation ist, der man mit großer Vorsicht begegnen muss. Sie sagen, sie möchten Versöhnung, aber sie geben jemandem Entscheidungsmacht im Stiftungsrat, der ernsthaft behauptet, der 2. Weltkrieg sei nicht von Deutschland ausgegangen. Wir brauchen eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte des Bundes der Vertriebenen, die sowohl die Verstrickung seiner Mitglieder in den Nationalsozialismus aufzeigt als auch das Fortwirken nationalsozialistischer Haltungen in der Nachkriegszeit. Die Ergebnisse müssten dann auch in der Ausstellung dokumentiert werden, die nun ja erarbeitet werden soll. Eine Ausstellung, die ganz abstrakt von den Beteiligten absieht, wird letztlich nie glaubwürdig sein.

Datum:  21 | 7 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Zeitgeschichte

Deutschland 20 Jahre nach der Wiedervereinigung: Die FR beschreibt das Land anhand der Lebensgeschichten ihrer Einwohner.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!