Bremen. "Heraus zum 1. Mai!" Das bedeutete vor Urzeiten mal: auf zum Demonstrieren für die Rechte der Arbeiter! Heute heißt das eher: auf ins Grüne! Aber diesmal. Diesmal wird alles anders. Seit Monaten tobt die Krise - da werden doch wohl die Massen zur zentralen Maikundgebung des DGB in Bremen strömen. Stimmt halbwegs. Obwohl in der Halb-Millionen-Stadt fast immer Tausende am 1. Mai auf die Straße gehen, sind es an diesem Vormittag tatsächlich mehr als sonst: 7000, schätzt der DGB. Eine unübersehbaren Masse wird nicht daraus.
Auf dem Weg zum Demo-Start stimmen Akkordeonspieler und Gitarristen italienische Arbeiterlieder an. Beim "Avanti Populo" singen manche mit. Wen man auch fragt, alle sagen, sie würden auch sonst immer mal zur Mai-Demo gehen. Völlige Neulinge sind selten. Liegt es vielleicht an der Losung dieses Jahres? "Arbeit für alle bei fairem Lohn!" Das klingt zeitlos und unrealistisch wie "Freibier für alle!" - und nicht nach Kampf gegen die Krise.
DGB-Chef Michael Sommer führt die Demonstration mit an. Hinter ihm, traditionell und systemtreu, ein Spielmannszug. Erst weiter hinten klingt es ein bisschen revolutionärer: "Hoch die internationale Solidarität!" Auf dem Domshof gleich hinter dem Rathaus hat der DGB ein Zelt- und Budendorf aufgebaut. Bratwurst, Bier, Brez'n", Kinderecke - Volksfest statt Klassenkampf.
Bei der Abschlusskundgebung fragen sich nicht nur Journalisten, ob Sommer seine Warnung vor sozialen Unruhen wiederholt. Es dauert 15 Minuten, bis er darauf zu sprechen kommt: "Ohne unsere Mahnung, dass es zu sozialen Verwerfungen kommen wird, wären die Nachbesserungen beim Kurzarbeitergeld nicht zustande gekommen." Beifall, aber nicht stürmisch. Etwas mehr wird geklatscht, als er sagt: Ohne gerechten Ausweg aus der Krise "ist auch unsere Demokratie bedroht". Und: "Es muss sich vieles ändern im System, sonst verliert dieses System seine Legitimation. Das aber können wir nicht wollen." Ein Aufruf zum Umsturz klänge anders. Den aber intoniert bloß die DGB-Jugend von der Bühne herab: "Nutzen wir die Gelegenheit - schaffen wir den Kapitalismus ab!" Sommer indes heizt nur ein bisschen die Stimmung an, wettert etwa gegen den "Siegeszug des Brutalkapitalismus". Seine Rezepte gegen die Krise klingen vertraut: Bankenregulierung, höhere Hartz-IV-Sätze und Zwangsanleihe für Reiche zugunsten notleidender Firmen. Der Sozialdemokrat endet mit der Losung seines Parteichefs Franz Müntefering: "Glückauf!" Und dann reiht er sich in einen Chor ein, der ein Arbeiterlied von 1863 anstimmt. Textsicher singt Sommer auch die letzte Strophe mit: "Mann der Arbeit, aufgewacht, und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!" Aber die Faust ausstrecken wie manche der Sänger, das lässt er lieber sein.
Eine Krankenschwester ist etwas enttäuscht von der Rede: "Er hätte mehr zu sozialen Unruhen sagen sollen. Denn es wird bestimmt knallen - spätestens, wenn die Sozialsicherungssysteme zusammenbrechen", glaubt die 51-Jährige. Die Aussicht gefällt ihr nicht. Ein 62-jähriger Lehrer hätte es gerne kämpferischer: "Wenn sich die Leute noch lange wie die Lämmer verhalten, wird sich nichts ändern." Seine Begleiterin fällt ihm ins Wort: "Es wird Zeit, dass die Unruhe beginnt."
Die Ausschreitungen in Berlin und Hamburg geben bis dahin keinen Anhaltspunkt, dass größere Gewaltausbrüche bevorstehen. Das hält aber Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) nicht von der Anmerkung ab, solche Ausschreitungen zeigten, dass Warnungen vor Unruhen "wenig hilfreich" seien.
In Frankreich droht die Opposition der Regierung unterdes, die Massenproteste vom 1. Mai nicht zu überhören. Sonst werde Frankreich "nahe an einer ziemlich schweren Krisensituation" stehen. Aus anderen Ländern, wie etwas der Türkei und Russland, werden da schon Krawalle gemeldet. Für Deutschland meldet der DGB eine halbe Million friedlicher Demonstranten. Mit ddp/afp
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