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02. Dezember 2011

10 Jahre Pisa-Studie: Der heilsame Pisa-Schock

Lernen für Pisa. Foto: Thomas Plaßmann

Der erste Pisa-Befund vor zehn Jahren war für die deutschen Schulen vernichtend. Über die Therapie des Schulsystems wird immer noch gestritten. Auch die Behandlung dauert an.

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Berlin –  

Einige hatten zwar Ungutes geahnt. Dass es aber so schlimm kommen sollte, damit hatte keiner gerechnet. Als vor zehn Jahren (5. Dezember 2001) der erste weltweite Pisa-Test veröffentlicht wurde, zerbrach in Deutschland die Illusion, über eines der besten Schulsysteme der Welt zu verfügen. Der Pisa-Schock löste eine Dauerreform aus. Ein Ende ist noch lange nicht in Sicht.

Das deutsche Ergebnis war niederschmetternd: Schulleistungen im weltweiten Vergleich allenfalls unterdurchschnittlich. Fast jeder vierte 15-Jährige konnte nur auf Grundschulniveau lesen und Texte verstehen und zählte zur Risikogruppe. In Sachen Chancengleichheit gab es für Deutschland die Note sechs. Und auch die Defizite in der Migrantenförderung waren unübersehbar.

Noch am Abend rauften sich die 16 Kultusminister zu einem Katalog mit „7 Handlungsfeldern“ zusammen, die die deutsche Schule wieder aus dem Jammertal führen sollten. Mühsam musste Rheinland-Pfalz' Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) damals darum kämpfen, dass auch die Ganztagsschule als ein Mittel zur Verbesserung der Schulmisere anerkannt wurde. Heute stehen Ganztagsschule und Ganztagsbetreuung in den Bildungsprogrammen aller Parteien ganz obenan.

Der Beginn von G12

Das zentrale Reformprojekt der Kultusminister, die Verständigung über einheitliche Bildungsstandards für alle deutschen Schulen, blieb umstritten - zwar nicht im Ziel, aber bei der verbindlichen Umsetzung und Kontrolle vor Ort. Bildungsstandards beschreiben, was ein Schüler am Ende einer bestimmten Jahrgangsstufe können muss. Solche einheitlichen Standards gibt es inzwischen für Deutsch und Mathe in der 4. Grundschulklasse, für den Hauptschulabschluss nach Klasse 9 und für den Mittleren Abschluss nach Klasse zehn. Um Bildungsstandards für das Abitur wird noch gerungen.
Andere politische Eingriffe außerhalb der „Handlungsfelder“ waren zwar spektakulär, stießen aber bei den Eltern größtenteils auf wenig Gegenliebe.

Unter massivem Druck der Ministerpräsidenten mussten die Kultusminister im Westen die Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre verkürzen. Gestrichen wurden dafür Unterrichtsinhalte vor allem in der Mittelstufe - angesichts der Pisa-Schwächen der 15-Jährigen für viele Experten ein fragwürdiges Unterfangen. Ohne jede wissenschaftliche Überprüfung wurde zudem in vielen Ländern ein Zentralabitur eingeführt. In Nordrhein-Westfalen und auch anderswo sinkt seitdem die Durchfaller-Quote auffällig - was zumindest Fragen nach einer möglichen Nivellierung aufwirft.

Dass die von den Kultusministern beauftragten deutschen Pisa-Forscher in den vergangenen zehn Jahren jede nur kleinste Veränderung gleich als Wende zum Guten darstellten, internationale Pisa-Strategen wie

Andreas Schleicher aus der Pariser OECD-Zentrale dagegen weiter den Finger in die Wunden des deutschen Schulsystems legten - daran haben sich Öffentlichkeit und Fachwelt inzwischen gewöhnt.
Allerdings spricht auch Schleicher heute von deutlichen Fortschritten - zumindest in Teilbereichen. Beim vierten Pisa-Testlauf 2009 erzielte Deutschland in Naturwissenschaften und Mathematik Leistungen, die oberhalb des Durchschnitts der 34 wichtigsten Industrienationen der Welt lagen. Einige Interpreten sahen die deutschen Schulen dabei gar schon euphorisch „auf dem Weg zur Weltspitze“. Wohl realistischer formulierte es der deutsche OECD-Vertreter Heino von Meyer: „Deutschland ist aufgestiegen - von der zweiten in die erste Liga. Aber von der Champions League ist es noch weit entfernt.“

Unterschichtskindern fällt der Aufstieg schwer

Denn zwei große Probleme sind geblieben. Da sind zum einen die nur mittelmäßigen Ergebnisse in der Schlüsselkompetenz Lesen und Textverständnis. Der deutsche Pisa-Forscher Jürgen Baumert warnt bereits, dass durch unzureichende Migrantenförderung die Zahl der Risikoschüler hier in den nächsten Jahren wieder steigen könnte.

Ungelöst zum anderen ist das Problem der ausgeprägten Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft. Denn in kaum einem anderen Industriestaat fällt Unterschichtskindern der Bildungsaufstieg so schwer, während an Gymnasien und Hochschulen weiter Akademikerkinder dominieren. Soziologen sprechen inzwischen von einem „Matthäus-Effekt“ in der deutschen Bildung: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat“, heißt es im Matthäus-Evangelium. (dpa)

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