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18. Mai 2013

150 Jahre SPD: Die Arbeiterpartei hat ihre Basis verloren

 Von Maxim Leo und Rudolf Novotny
Ausschnitt eines Plakats der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) zu den Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung 1919.  Foto: Friedrich-Ebert-Stiftung

Die SPD feiert ihren Gründungstag vor 150 Jahren. Damals war sie eine Arbeiterpartei. Heute weiß sie nicht mehr so genau, für wen sie da ist

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#Vor drei Wochen hat Luise Nordhold einen Brief vom SPD-Vorsitzenden bekommen. „Liebe Luise“, schreibt der Vorsitzende, „die SPD wird 150 Jahre alt, sie ist die älteste demokratische Partei Deutschlands. Zur Jubiläumsfeier lade ich Dich am 23. Mai 2013 ins Gewandhaus nach Leipzig ein, mit herzlichen Grüßen, Sigmar Gabriel.“

Luise Nordhold war erstaunt über den Brief. Sie ist nun wirklich schon sehr lange SPD-Mitglied, aber noch nie hatte sie Post von einem Vorsitzenden. „Ich weiß gar nicht, was ich da soll, mit diesen ganzen wichtigen Leuten“, sagt sie. In ihren kleinen, dunklen Augen aber funkelt Stolz.

Luise Nordhold ist 96 Jahre alt. Sie wurde 1917 in einer Arbeiterfamilie in Bremen geboren, die Mutter war Näherin, der Vater Werkzeugmacher bei der AG Weser. Mit zehn kam sie zu den Roten Falken, mit dreizehn war sie im Turn- und Gesangsverein der Sozialistischen Arbeiterjugend. Mit vierzehn wurde sie Genossin. Das ist jetzt 82 Jahre her, Luise Nordhold ist eines der langjährigsten Mitglieder der SPD. Mehr als die Hälfte der Parteigeschichte hat sie selbst erlebt. Deshalb hat Sigmar Gabriel, ein Grünschnabel mit gerade mal 36 Jahren Mitgliedschaft, ihr diesen Brief geschickt.

Am 23. Mai wird Luise Nordhold also in Bremen in den Zug steigen. Sie wird zusammen mit ihrem Sohn Heiko über Hannover nach Leipzig fahren. Sie wird aufgeregt sein, weil sie eine so weite Reise schon lange nicht mehr unternommen hat. Weil in Leipzig alle großen und noch lebenden Männer und Frauen der deutschen Sozialdemokratie versammelt sein werden, um sich ihrer Geschichte zu besinnen.

In Leipzig gründeten am 23. Mai 1863 im Pantheon, einer Gaststätte mit Ballsaal und angeschlossenem Biergartenbetrieb, zwölf Delegierte aus Barmen, Wuppertal, Solingen, Hamburg, Harburg, Mainz, Köln, Düsseldorf und Frankfurt am Main zusammen mit 65 Arbeitern aus Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. Zu den Gründungsvätern der ersten Arbeiterpartei in Deutschland gehörten der Schuhmachermeister Julius Vahlteich und der Zigarrenarbeiter Friedrich Wilhelm Fritsche. Erster Präsident aber wurde kein Arbeiter, sondern der Journalist Ferdinand Lassalle, der ein talentierter Redner war und es verstand, die Massen mitzureißen. Im Gründungsprogramm schrieb Lassalle: „Arbeiter sind wir alle, insofern wir nur eben den Willen haben, uns in irgendeiner Weise der menschlichen Gesellschaft nützlich zu machen.“ Die Sache der Arbeiter sei daher in Wahrheit die Sache der gesamten Menschheit, ihre Freiheit die Freiheit der Menschheit selbst, ihre Herrschaft die Herrschaft aller.

Aus diesem einfachen Gedanken heraus, dass jeder humanistisch denkende Mensch in seinem Herzen zu den Arbeitern zu stehen habe, weil erst die Freiheit der Schwächsten und Ärmsten auch alle anderen befreit, wurde die mächtige SPD geboren. So wurde sie zur Volkspartei. So gelang es ihr, über die Jahrzehnte mit dem Proletariat als Basis auch beträchtlichen Einfluss und Strahlkraft weit über die Klasse der Malocher hinaus zu entwickeln.

Die romantischen Träume von Außenseitern

Der Aufstieg der Partei schien unaufhaltsam. Weder das zwischenzeitliche SPD-Verbot durch Bismarcks Sozialistengesetze konnte ihn stoppen, noch die dauernden Streitereien zwischen Reformern und Revolutionären. Es ist ein Aufstieg, der sich an Zahlen festmachen lässt: 1890 bekam die SPD bei der Reichstagswahl die meisten Stimmen. 1903 wurde sie mit fast 35 Prozent die stärkste Fraktion im Reichstag. Mitte der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts überschritt die Mitgliederzahl schließlich die Millionengrenze. Damals wurden Lassalles Sätze Realität, und Arbeiter, Studenten und Intellektuelle wie Böll, Walser, Grass und Lenz fanden in der Partei eine Heimat. Weil sie an eine gerechte Gesellschaft glaubten, an den Aufstieg durch Bildung und an den Mann, der das alles in dem Satz „Mehr Demokratie wagen!“ zusammenfasste: SPD-Kanzler Willy Brandt. Schwer vorstellbar, aber: Es war cool, in der SPD zu sein.

Heute ist von Coolness und Strahlkraft nicht viel geblieben. Brandt ist tot, Mitgliederzahl und Wahlergebnisse haben sich halbiert, und das Pantheon in Leipzig gibt es auch nicht mehr.

„Da waren die Nazis gründlich, da ist nur noch eine kahle Fläche mit einer Gedenktafel drauf“, sagt Matthias Wenzel. Hier in Gotha hingegen, in der Gedenkstätte Tivoli, einem gelben doppelstöckigen Altbau, in dem Wenzel jetzt steht, gibt es etwas ganz Besonderes. „Das Heiligtum“, sagt er. Jenen Saal im ersten Stock, in dem sich Lassalles Arbeiterverein und August Bebels Sozialdemokratische Arbeiterpartei, die SDAP, im Mai 1875 zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands vereinigten. Fünf Tage diskutierten 129 Delegierte, dann waren zum ersten Mal in der Geschichte der Arbeiterbewegung alle sozialdemokratischen Kräfte eines Landes in einer Partei vereinigt. Die Nachricht ging um die Welt. Und selbst Karl Marx’ harsche Kritik konnte der Begeisterung nichts anhaben. Der hatte schon vor dem Kongress per Brief erklärt: „Das Programm taugt nichts.“ Grund: Forderungen wie eine allgemeine Wehrpflicht, das Frauenwahlrecht und die Abschaffung des Privateigentums sollten nicht per Revolution, wie Marx sich das vorstellte, sondern durch die Eroberung parlamentarischer Mehrheiten durchgesetzt werden.

Im Erdgeschoss des Tivoli hängt ein Gemälde, auf dem die Szenerie des Parteitags nachempfunden ist. Unter einem Kronleuchter, an einem dunklen, hufeisenförmigen Tisch hat sich ein Haufen Männer versammelt. Die Großen der Sozialdemokratie. Wilhelm Liebknecht sitzt, August Bebel steht und spricht. Bärte, Fliegen und schwarze Dreiteiler. Entschlossene Gesichter. „Weltgeschichte“, sagt Wenzel. Er wurde in Gotha geboren. Seit Ende der Neunziger ist er selbst in der SPD, seit 2008 Stadtrat. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins Gothaer Tivoli. Mit einer Handvoll Mitstreiter hat der 52-Jährige die Sanierung des Tivoli organisiert, er gibt Führungen, sammelt Devotionalien und pflegt das historische Erbe.

Matthias Wenzel trägt ein orange-rot-gelb kariertes Hemd, das in seiner braunen Jeanshose verschwindet, und Sandalen, in denen schwarz-weiß besockte Füße stecken. Eindeutig keine Weltgeschichte.

Einen Großteil ihres Selbstverständnisses bezog die Partei aus dem Bewusstsein, zwar am Rande der Gesellschaft zu stehen – aber auf der richtigen Seite. Man war gegen den Kaiser und gegen die Nazis. Man war für die Demokratie, die Aussöhnung mit dem Ostblock und Bildung für alle. Und man war eine verschworene Gemeinschaft, wurzelnd nicht im Lumpenproletariat, bei den Ärmsten der Armen, sondern in der aufstiegshungrigen Facharbeiterschaft. Sozialdemokraten druckten Zeitungen, betrieben Schulen und Hochschulen, Altenheime und Musikvereine. So lange, bis Ideen und Partei nicht mehr nur in der Arbeiterschaft, sondern in großen Teilen der Gesellschaft akzeptiert waren, bis es cool war, in der SPD zu sein.

Während SPD-Regierungen in der Weimarer Zeit noch allein von der Arbeiterschaft gestützt wurden, wurde die SPD-Regierung unter Brandt plötzlich von breiten Kreisen der Gesellschaft gestützt – und musste für sie Politik machen. Und mit ihnen. Das war das eine Problem. Das andere war, dass die SPD ihr Versprechen erfüllte und auch die Kinder der Facharbeiter in Massen an die Universitäten gehen konnten. Und aufstiegen, bis ihre Jobs nicht mehr die der Eltern waren, bis ihre Sprache nicht mehr die der Eltern war, bis sie keine Facharbeiter mehr waren. Bis sie der SPD fremd waren.

Wenn alle Wünsche Realität werden, gibt es keine gemeinsamen Träume mehr. Und je größer und romantischer diese Träume waren, desto schmerzhafter ist das. Die Träume einer verschworenen Gemeinschaft von Außenseitern können nicht anders, als groß und romantisch zu sein. Ob es sich um Arbeiter oder Piraten oder Bonnie und Clyde handelt. Aber wenn Bonnie und Clyde nicht erschossen worden wären, wenn sie entkommen wären, hätten sie sich nicht zu Tode gelangweilt in ihrem Haus, mit ihrer Familie?

Luise Nordhold, die SPD-Veteranin, kommt aus einer Familie, wie es sie heute gar nicht mehr gibt. Eine Arbeiterfamilie, die zu fünft in einer winzigen Wohnung in der Nähe der Weser-Werft hauste und abends zusammen sang und musizierte. Eine Familie, die kaum Geld hatte, aber darauf achtete, dass die Kinder gute Bücher lasen, Sport trieben und den Lauf der Welt so gut es ging verstanden. Luise Nordhold spielte Mandoline, fuhr in die Zeltlager der Roten Falken und las die Schriften der großen Arbeiterführer. Ihr Vater erzählte abends von der Plackerei in der Werft, vom Zusammenhalt der Kollegen, der Solidarität. Sie wuchs auf mit dem Bewusstsein, zu einer armen, aber immer mächtigeren Klasse zu gehören. Sie war stolz, ein Arbeiterkind zu sein.

Wenn Luise Nordhold heute von ihrer Kindheit erzählt, dann breitet sich ein Lächeln in ihrem runden, von der Zeit zerklüfteten Gesicht aus. Sie sitzt in der kleinen Glasveranda des Hauses in der Bremer Heimstraße, das sie mit ihrem Mann zusammen nach dem Krieg gebaut hat. „Dieser Luxus, den ich heute habe, ist mir unheimlich“, sagt sie. „Die wenigsten Menschen können vernünftig damit umgehen.“

Mit sechzehn wurde Luise Nordhold Schriftführerin der „Gruppe Lassalle“, eine Untergruppierung der Sozialistischen Arbeiterjugend in Bremen. Sie arbeitete wie die Mutter als Näherin und kannte auch schon Richard, ihren zukünftigen Mann. Mit sechzehn war sie eigentlich schon erwachsen.

Victoria Hiepe ist auch sechzehn, aber erwachsen fühlt sie sich nicht. „Dafür habe ich noch Zeit“, sagt sie und lacht. Sie hat lange, blonde Haare, trägt einen Schulrucksack und weiß noch nicht genau, was sie später mal machen will. Wahrscheinlich irgendwas mit Politik. Victoria geht in die elfte Klasse der Gustav Heinemann Oberschule in Berlin-Tempelhof. Sie ist seit drei Wochen in der SPD und damit eines der jüngsten Mitglieder überhaupt. Von Luise Nordhold und Victoria Hiepe kann man einiges erfahren, wenn man wissen will, wo diese Partei herkommt und wo sie heute steht. Die beiden Frauen bilden die Enden eines Zeitbogens, der die sozialdemokratische Sache in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend verändert hat.

So entschlossen sahen Sozialdemokraten um 1900 aus – zumindest auf dem Titel des SPD-Zentralorgans „Vorwärts“.
So entschlossen sahen Sozialdemokraten um 1900 aus – zumindest auf dem Titel des SPD-Zentralorgans „Vorwärts“.
 Foto: bpk/Kunstbibliothek, SMB/Knud Petersen

Victoria Hiepe sitzt im Garten ihrer Schule auf einer Bank, sie trägt eine Ray-Ban-Sonnenbrille und genießt die Frühlingssonne. Sie sagt, in ihrer Schule könne sie sehen, wie ungerecht es in Deutschland zugehe. Ganz am Anfang, in der Grundschule, sind noch Kinder aus allen sozialen Schichten zusammen in einer Klasse. Mit jeder höheren Klassenstufe seien dann immer weniger Kinder aus sozial schwachen Familien dabei. Das Abitur schaffen meist nur noch die Mittelstandssprösslinge mit engagiertem Elternhaus. Das sei wie ein Rüttelsieb, sagt sie. Viele Jugendliche, vor allem die aus den Immigranten-Familien, fallen schon raus, bevor das Leben richtig losgeht.

Die Mutter von Victoria Hiepe ist Polin, ihr Vater ist Deutscher. Ihre Kindheit verbrachte sie in einer polnischen Kleinstadt. Sie erzählt vom Garten der Großmutter, von der Natur und den Tieren. Später kam sie nach Berlin, in diese große, laute Stadt. Seitdem pendelt sie zwischen beiden Ländern hin und her. Sie hat Familie hier und dort, sie spricht beide Sprachen, fühlt sich auf beiden Seiten der Oder zu Hause. Vielleicht provoziert es sie deshalb so, dass Kinder aus Einwanderer-Familien in Deutschland von Anfang an schlechtere Chancen haben. „Eine Gesellschaft muss immer die Schwächsten im Blick haben, die anderen können sich selber helfen“, sagt sie. Es klingt wie ein Satz von Ferdinand Lassalle.

Oder wie ein Satz von Luise Nordhold. Die beiden Frauen würden sich wahrscheinlich gut verstehen. Sie sind beide allergisch gegen Ungerechtigkeiten. Beide sagen, das sei der Hauptgrund, warum sie in der SPD sind. Es scheint, als würde der Gründungsgedanke immer noch funktionieren, als ginge es immer noch um dieselben Probleme.

„Ja, schon“, sagt Luise Nordhold. „Nur vergisst die Partei, woher sie kommt.“ Früher, sagt sie, hätten die Arbeiterführer noch genau gewusst, was im Volk los ist. Was die Arbeiter denken. „Heute wird die SPD von Akademikern geleitet, die wissen gar nicht, wie es einer armen Familie geht. Wie es ist, von Hartz IV zu leben. Die spüren das nicht mehr.“ Luise Nordhold redet jetzt sehr leise, es ist ihr unangenehm, so kritisch über die eigenen Leute zu sprechen. Aber je länger die Tirade dauert, desto mächtiger schwillt ihre Stimme an. Es gebe ja gar kein richtiges Proletariat mehr, sagt sie. So einfache Leute mit Arbeiterstolz. Und die Jugendarbeit, die sei auch vorbei. Das Miteinander, die Natur, die Musik. „Früher war die Partei wie eine Familie, heute geht es um Macht, um Posten. Schade.“

Auch die Linke hat Ansprüche

Womöglich liegt hier das größte Problem der SPD: Sie kann ihre eigenen Leute nicht mehr erreichen. Die Gesellschaft weicht auf, wird komplizierter, komplexer. Die Arbeiter steigen in die Mittelklasse auf oder rutschen ins Prekariat ab. Es fehlt eine verbindende Kraft, die alles solidarisch zusammenhält. Luise Nordhold kennt ein altes, kämpferisches Wort. Sie schleudert es in die Runde wie einen proletarischen Blitz: „Es geht um das Klassenbewusstsein. Die Leute lassen sich heute einreden, sie seien eigentlich was Besseres. Deshalb kämpfen sie nicht mehr.“ Es liegt nun eine geradezu revolutionäre Stimmung in der verglasten Veranda von Luise Nordhold. Aber hat sie nicht recht? Ist es nicht genau der Kampfesmut, die Radikalität, die auch der SPD abhandengekommen ist? Wie soll eine Partei den Armen und Entrechteten helfen, wenn sie selbst nur noch in der lauwarmen Mitte schaukelt?

„So!“, ruft Matthias Wenzel und betritt das Heiligtum der Sozialdemokratie. Kronleuchter, Parkettboden, bordeauxrote Vorhänge, weiße Wände. In der Mitte des Raumes mehrere Stuhlreihen, am Ende des Raumes ein Tisch, um den sich noch einmal ein paar Stühle gruppieren. „96 Stück“, sagt Matthias Wenzel. Es riecht nach Holz. 1961 wurde der Saal renoviert, Vorlage für die Arbeiten war ein altes Foto. Matthias Wenzel zeigt zur Decke, an der sich ein rot-weißes Muster entlangschlängelt. „Für mich ist das ein bisschen zu sehr Jugendstil, um historisch korrekt zu sein.“ Er zuckt mit den Schultern. Egal. „Wir bleiben die einzige SPD-Gedenkstätte, in der sich kaum was verändert hat.“

Aus der ganzen Welt besuchen Touristen das Tivoli, auch die SPD schickt regelmäßig Busladungen voller Sympathisanten. Bisher interessierte sich die Parteiführung in Berlin trotzdem eher wenig für ihr Heiligtum, erst vor Kurzem rang man sich dazu durch, pro Jahr zehntausend Euro für die Betriebskosten zu zahlen. Von insgesamt 25 000 Euro. Das restliche Geld müssen die 75 Mitglieder des Vereins selbst aufbringen. Geheizt wird der Saal daher nur noch, wenn eine Veranstaltung ansteht. Führungen kosten jetzt 50 Euro. Und auch die Raummiete haben sie erhöht. Die Jusos drohten daraufhin, nicht mehr zu kommen. So ein unsolidarisches Verhalten macht Matthias Wenzel wütend. Weil das Geld ja auch dafür da ist, dass die Mitarbeiterin, die von Verein und Arbeitsagentur bezahlt wird, einen fairen Lohn bekommt. „Unsere gute Seele macht ja nicht nur Kaffee, sondern auch die Toiletten. Die soll anständig behandelt werden.“

Die Vereinsmitglieder selbst arbeiten ehrenamtlich. Seinen Lebensunterhalt verdient Matthias Wenzel bei der örtlichen Zeitung und als Verfasser von lokalhistorischen Büchern. „Manchmal haben wir schon gesagt, dass wir die Bude einfach dicht machen. Aber da besteht die Gefahr, dass die Linke übernimmt. Die erheben auch Ansprüche.“ Wegen Marx. Und weil der Stammbaum von Sozialdemokraten und Sozialisten derselbe ist. Schon die SED versuchte Gotha für sich zu vereinnahmen, zog eine Linie von der Vereinigung in diesem Saal bis zu der SPD-KPD-Zwangsheirat nach dem Zweiten Weltkrieg. „Es wusste eben jeder immer, wofür Gotha steht“, sagt Matthias Wenzel. „Und das wurde dann benutzt.“ Und wofür steht Gotha? „Einigkeit macht stark. Das war das Motto damals. Davon kann die SPD heute noch etwas lernen.“

Fragt sich nur, auf was sich die heutige SPD einigen soll. Seit Willy Brandt haben es große Ideen bei Sozialdemokraten eher schwer. Helmut Schmidt empfahl Leuten mit Visionen, einen Arzt aufzusuchen. Und das letzte größere Projekt der SPD einte nicht, sondern zerriss die Partei: Gerhard Schröders Hartz-Reformen. Eine Reparaturmaßnahme am Sozialstaat, bei der schon der Name kalt und technisch klang: Agenda 2010. Für viele Genossen waren die Gesetze schlicht Verrat an den Idealen. Notwendig? Vielleicht. Aber nicht sozialdemokratisch. Nicht wenige wollten lieber in die Opposition gehen, statt die eigene Regierung bei so was zu unterstützen. Auch das gehört zu den Eigenheiten der SPD, zu ihrer Außenseiter-DNA: dieser Wunsch, Moral und Macht miteinander zu verbinden. Herauskommt meist Masochismus.

Bei der SPD geht es immer um Grundsätzliches. Erwartet wird das Programm für eine bessere Welt – das Gegner dann aber zuverlässig als teure Traumtänzerei verunglimpfen. Da die Menschen glauben, der Markt sei effektiver als der Staat, sind solche Vorwürfe ziemlich wahlschädigend. Erst seit der Finanzkrise ahnen manche, dass es nicht so einfach ist, dass Ungerechtigkeit sich nicht einfach auflöst, wenn die Wirtschaft nur brummt. Eigentlich sind es ideale Zeiten für eine Partei, die mehr Gerechtigkeit will. Wenn sie denn ein überzeugendes Konzept hätte.

 Luise Nordhold ist 96 Jahre alt, seit 82 Jahren SPD-Mitglied. Sie findet, ihrer Partei fehle es an Klassenbewusstsein.
Luise Nordhold ist 96 Jahre alt, seit 82 Jahren SPD-Mitglied. Sie findet, ihrer Partei fehle es an Klassenbewusstsein.
 Foto: Paulus Ponizak

Hat sie aber nicht. Und woher soll es auch kommen. Die Ortsvereine? Nur noch wenige, meist alte Mitglieder. Die Parteizentrale? Eine intellektuelle Wüste. Die Funktionäre? Die SPD müsse sich ändern, rief der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel den Funktionären zu. 2009 war das, nach der Niederlage bei der Bundestagswahl. Gabriels Lieblingsidee: Auch Nicht-Genossen sollten mitbestimmen, etwa bei der Auswahl von Bundestagskandidaten. Die Partei war empört und lehnte ab. Es blieb bei Reförmchen.

Aus dem Gründungs-Saal gelangt man in einen Nebenraum. Ein halbes Dutzend Vitrinen stehen da mit Devotionalien der Parteigeschichte. Neben erklärenden Manuskripten liegen eine alte Einladung zum Vereinigungsparteitag und ein Schriftwechsel der Polizei, Auszüge aus dem Protokoll und Marx’ Kritik am Gothaer Programm. Gedruckt, als Buch, in mehreren Sprachen. Daneben Bilder von Brandt, Engholm, Müntefering, Schröder. Sie alle sind hier gewesen. Willy Brandt direkt nach der Wende, im Januar 1990. Der Ex-Kanzler hielt eine Rede, gefeiert wurde die Neugründung der SPD in Thüringen. Matthias Wenzel lächelt. „Tja, so hat sich dann der Kreis wieder geschlossen.“

Heute ist die SPD die stärkste Fraktion im Stadtrat von Gotha. Nachwuchssorgen gibt es auch keine. Es könnte alles wunderbar sein. Wenn das ganze Land wie Gotha wäre. Oder wenn es wie früher wäre. Oder am besten beides. Wenzel blickt auf die Schröder-Bilder, er lächelt nicht mehr. „Wenigstens sind wir jetzt wieder auf dem Kurs einer linken Volkspartei. Zwischendurch hatten wir ja den gleichen Slogan wie die CDU: Partei der Mitte. Das kann es echt nicht sein!“ Er seufzt und erzählt, wie sie damals 125-jähriges Vereinigungsjubiläum in Gotha feierten und ein Banner an die Stadthalle hängten. „Erneuerung durch Tradition“ stand darauf. Matthias Wenzel verschränkt die Arme vor der Brust, atmet tief durch und sagt: „Das kann uns keiner nehmen.“

Die verängstigte Mittelklasse

„Der Steinbrück“, sagt Luise Nordhold. „Ein fachlich fähiger Mann, aber kein Kontakt mehr zur Basis. Kein Herz, kein Gefühl.“ Die richtigen Arbeiterführer hätten sich doch für irgendwelche Vorträge nie so teuer bezahlen lassen. Und wenn, dann hätten sie das alles der Partei gespendet. „Das hat mich maßlos enttäuscht. Das zeigt, dass wir am Ende auch nicht besser sind. Schade.“

So pessimistisch ist Victoria Hiepe nicht. Sie glaubt daran, dass nur die große, alte SPD die Probleme lösen kann. Vor drei Wochen, als sie zum ersten Mal in der Versammlung ihrer Ortsgruppe saß und ihr druckfrisches Parteibuch in die Hand bekam, da hat sie auf einmal alles für möglich gehalten. „Diese Partei ist voller Kraft, man muss sie nur nutzen!“ Und man müsse den Mut haben, Entscheidungen zu treffen. Eine Reichensteuer für Bildung zum Beispiel. „Die Millionäre sollen die Schulen unterstützen, besser kann man doch das Geld gar nicht ausgeben.“

Aber auch ihr Mut hat seitdem schon ein wenig gelitten. Als Victoria Hiepe das erste Mal auf die Kreisversammlung der SPD-Tempelhof ging, war sie erschrocken, wie viele graue, alte Genossen dort saßen. Da war das Thema Rente erst mal wichtiger als die Schule. Und das schöne, kräftige Gefühl bekam einen Knacks.

Wie kam sie denn überhaupt zur SPD? In ihrem Alter schließt man sich doch zu Internet-Crowds zusammen und nicht in SPD-Ortsgruppen? „Willy Brandt“, sagt Victoria Hiepe. Der Kniefall von Warschau, die Ostpolitik, das ist ihr als Deutsch-Polin im Gedächtnis geblieben. „Auch Rosa Luxemburg war ja Polin“, sagt sie und lacht. Es gibt dann auch noch ein paar andere Gründe, die mehr in die Moderne zielen. Aber letztlich sei die Geschichte dieser Partei das Wichtigste für sie gewesen.

Victoria Hiepe ist 16 Jahre alt, seit drei Wochen SPD-Mitglied. Sie will die Gesellschaft wieder gerechter machen.
Victoria Hiepe ist 16 Jahre alt, seit drei Wochen SPD-Mitglied. Sie will die Gesellschaft wieder gerechter machen.
 Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Die Mutter von Victoria Hiepe ist Krankenschwester, der Vater arbeitet als Turbinenmechaniker bei Siemens. Früher hätte man von einer Arbeiterfamilie gesprochen. Victoria Hiepe erzählt von einer behüteten Kindheit. „Ich musste mir nie Sorgen machen, wir hatten immer, was wir brauchten“, sagt sie. Erst jetzt, da sie sich anschickt, selbst erwachsen zu werden, fangen auch die Sorgen an. Wird sie einen Job bekommen? Wird sie genug Geld verdienen? Sie erzählt von der Angst, die auch unter ihren Klassenkameraden und Freunden herrscht. Der Angst, nicht den Einstieg zu schaffen, abzurutschen. Sich das Leben zu versauen, bevor es so richtig losgegangen ist. Sie sieht die Studenten, die nur noch Praktika und Minijobs bekommen. Sie erzählt vom Stress in der Schule, vom Druck. Es ist keine stolze Arbeitertochter, die da spricht, sondern ein Mädchen aus der Mittelklasse, das sich vor dem Abstieg fürchtet.

Die verängstigte Mittelklasse gehört zur Klientel der SPD. Aber Familien wie die von Victoria Hiepe können auch woanders eine Heimat finden. Bei der Sozialdemokratin Merkel zum Beispiel. Oder beim ehemaligen Sozialdemokraten Lafontaine. Die Mittelklasse gehört allen und niemandem.

Luise Nordhold hat in der Sozialistischen Arbeiterjugend auf der Straße gegen HJ-Banden und kommunistische Schlägertrupps gekämpft. Sie hat erlebt, wie die Partei verboten wurde, wie selbst ihr mutiger Vater vorsichtig wurde. Sie hat die Bomben gesehen und das Ende des Krieges und die Wiederauferstehung der Partei. Das Wirtschaftswunder, der jahrzehntelange Reichtum haben die Klassengrenzen verwischt. Oben und unten schienen zu verschwimmen. Und nun schafft die Krise gerade neue Klarheit. „Es wird jetzt wieder mehr so, wie es früher war“, sagt sie. „Es gibt die kleinen Leute, und es gibt die anderen.“

Am nächsten Donnerstag werden viele Reden im Leipziger Gewandhaus gehalten werden, zum großen Jubiläum der Partei. Luise Nordhold wird geduldig zuhören. Und womöglich wird ihr auffallen, dass kein einziges Arbeiterkind am Rednerpult zu Wort kommen wird. Dort in Leipzig, wo einmal alles begann.

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