Leipzig. "Vor der Stadt standen Panzer. Die Bezirkspolizei hatte Anweisung, auf Befehl ohne Rücksicht zu schießen. Und in der Leipziger Stadthalle wurden Blutplasma und Leichensäcke bereitgelegt." Eindringlicher als Bundespräsident Horst Köhler kann man die Dramatik der Ereignisse von 1989 nicht schildern.
Auf den Tag genau 20 Jahre nach der legendären Leipziger Montagsdemonstration mit 70000 Menschen - bei der die Waffen wie durch ein Wunder nicht eingesetzt wurden - erinnern Köhler, andere Politiker und Zeitzeugen am Freitag bei einem Festakt daran.
Das Staatsoberhaupt würdigt den Mut derer, die sich mit der Forderung nach Demokratie auf die Straßen wagten, und sagt "Danke!".
Der Blick in die ersten beiden Reihen im Gewandhaus trifft auf viele bekannte Gesichter der Wende-Zeit: Ex-Außenminister Hans- Dietrich Genscher, die Pfarrer Friedrich Schorlemmer und Christian Führer; die Bürgerrechtler Wolfgang Thierse, Markus Meckel und Werner Schulz sitzen dort; auch der Sänger und Dichter Wolf Biermann ist in die Stadt gekommen, in der die friedliche Revolution eine bedeutende Wende nahm.
Noch am Abend vor dem 9. Oktober 1989 waren Demonstranten am Dresdner Hauptbahnhof mit Knüppeln attackiert worden, wie Sachsens Landtagspräsident Matthias Rößler in seiner Rede schildert.
In einem Film sieht das Jubiläums-Publikum, wie DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker am 7. Oktober 1989 vorschlägt, das Glas auf den 40. Geburtstag der DDR zu erheben - und wie in vielen Städten protestierende Bürger von Sicherheitskräften durch die Straßen getrieben werden.
"In jenen Oktobertagen stand alles auf Messers Schneide", sagt Köhler - und erinnert auch an die "Leipziger Sechs", die sowohl die Demonstranten als auch die Staatsmacht zu Besonnenheit und Gewaltlosigkeit aufriefen. Zu der Gruppe gehörte auch Stardirigent Kurt Masur, der 20 Jahre später nun sichtlich bewegt am Gewandhaus- Pult die Ouvertüre zu Goethes "Egmont" dirigiert.
Derweil sorgt an diesem Freitag auf dem nahen Augustusplatz eine golden schimmernde eiförmige Skulptur, an der ein Alpenveilchen und eine dicke weiße Kerze stehen, für neugierige und fragende Blicke der Leipziger. Es handelt sich um die frisch geweihte "Glocke der Demokratie", die an den Herbst 1989 erinnern soll.
Auch an den Haltestellen auf dem Leipziger Ring, auf dem damals die Demonstranten zu Tausenden mit Kerzen entlangliefen, kommen Einwohner und Touristen an diesem Tag nicht an der Erinnerung vorbei: Aus Lautsprechern ertönen Gespräche mit Zeitzeugen.
Am Abend sollte sich der Leipziger Ring wieder mit Menschen füllen wie vor 20 Jahren, als mutige Bürger unter dem Ruf "Wir sind das Volk" Freiheit und Demokratie verlangten. Wieder sollte jeder eine Kerze mitbringen - zum Lichtfest in der "Heldenstadt". (dpa)
(Internet: www.leipzig.de)
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