kalaydo.de Anzeigen

30 Jahre Anti: Die grüne Ursuppe

Wie aus einem wilden Haufen von "Antis" in 30 Jahren eine ordentliche Partei wurde, die allen Erfolgen zum Trotz an Perspektivarmut leidet - zusammengetragen von Joachim Wille.


Foto: FR-Montage/kho

Deadline 17.56 Uhr. Fast wäre es schief gegangen. Zum Glück aber gab es die Deutsche Bundesbahn und ihren Fahrplan. Ohne sie hätte die Gründung der Grünen nicht geklappt.

Stadthalle Karlsruhe, 13. Januar 1980. Zwei volle Tage bereits hatten die 1004 Delegierten der künftigen Anti-Parteien-Partei das Chaos zelebriert. Umwelt, Frieden, Bürgerrechte und andere Blackout-Themen der "Altparteien" sollten eine Stimme in den Parlamenten bekommen. Doch es gab Tränen, Schreie, Wutanfälle - und immer noch einen Geschäftsordnungsantrag. Die Zeit lief davon. Das Parteiprogramm war nicht behandelt, kein Vorstand gewählt. Am Sonntagnachmittag, verhedderten sich die versammelten Vertreter des Anti-Establishments erneut in Satzungsfragen. K-Gruppen-Leute fochten dafür, als Grüne weiter in KBW, KB und Co. bleiben zu können. Die Naturschutzfraktion legte sich quer. Als dann noch die Nürnberger Indianerkommune mit Krawall einzog, das Ende der Schulpflicht und freie Liebe für Kinder fordernd, schien das Desaster perfekt.


Foto: FR-Montage/kho

Erst als klar wurde, um 17.56 Uhr fährt der letzte Zug für die norddeutschen Delegierten, fand man einen (übrigens faulen) Kompromiss. Das Präsidium verschob die Programmdebatte um drei Monate. Und es ließ über die Grünen-Gründung abstimmen. Um 17.23 Uhr war es vollbracht. Noch gut 20 Minuten für den Weg zum Hauptbahnhof. Das reichte.

Drei Jahrzehnte später fühlt man sich wie in der Zeitmaschine. Wer heute auf die Wirren der Grünen-Werdung zurückblickt, kann kaum glauben, dass all diese Leute zueinander finden konnten, deren größter gemeinsamer Nenner war, "Anti" zu sein. Bauern aus dem AKW-Widerstand im badischen Wyhl und streitgestählte KB-Funktionäre aus den Uni-Städten, pazifistische Friedenskämpfer und militante Gorleben-Besetzer, strickende Anthroposophinnen und machohafte Frankfurter Spontis, bürgerliche Naturschützer und DDR-Dissidenten - sie alle bildeten die grüne Ursuppe. Sie veranstalteten Parteitage wie Happenings, fochten Flügelkämpfe bis aufs Blut - und zerstörten die bis dahin als gottgegeben empfundene Dreifaltigkeit des politischen Spektrums aus Union, Sozis und FDP nachhaltig.

Bündnis Die Grünen - aus dem wilden Haufen von strickenden Antis ist eine ordentliche Partei geworden - aber um welchen Preis?.
Bündnis Die Grünen - aus dem wilden Haufen von strickenden Antis ist eine ordentliche Partei geworden - aber um welchen Preis?.
Foto: FR-Montage/kho

Sinnfällig wurde das 1983. Die Grünen hatten es mit 5,6 Prozent in den (Bonner) Bundestag geschafft - beflügelt von Waldsterben und Startbahn-West-Kampf, Nato-Nachrüstung und einem unfreiwilligen Parteiförderer namens Helmut Schmidt, der als SPD-Zampano einen besseren CDU-Kanzler abgab. Der stets akkurat gescheitelte Schmidt und sein bräsiger Nachfolger Helmut Kohl sahen sich im Hohen Haus konfrontiert mit Rauschebärten und Strickpullovern, Petra Kellys Startbahn-Fichte, Topfblumen und vor Ort gewöhnungsbedürftigen Protestformen - wie beim Entrollen von Polit-Transparenten anlässlich von Kohls Regierungserklärung. Der "Karnevalsverein" (Franz Josef Strauß), der zwischen Union und Sozis platziert wurde, mischte den abgeordneten Rest auf. Die politische Einreiher-Kultur franste aus.

In der Öko-Fraktion saßen Alt-Maoisten im Rolli neben Ex-Panzergeneral Gert Bastian, und der distinguierte Anwalt Otto Schily, ein früherer RAF-Verteidiger, saß neben dem gelernten Hochdruckschweißer und Daimler-Gewerkschafter Willi Hoss. Atomkraft, Frieden, Gleichberechtigung waren ihre Themen, aber auch Unerhörtes kam aufs Bundestagstapet. So wie einmal aus dem Mund von Waltraud Schoppe, die über die Fahrlässigkeit der Männer bei abendlichen "Einheitsübungen im Bett" dozierte. Die erste echte Zäsur im deutschen Nachkriegsparlamentarismus.

Der bedeutendste politische Kopf der Grünen war der Frankfurter Sponti Joseph Fischer, genannt Joschka, der erst 1982 zur Ökopartei gestoßen war. Fischer, parlamentarischer Geschäftsführer der anfänglich noch im Zwei-Jahres-Rhythmus rotierenden Grünen-Abgeordneten, demonstrierte auf der Bonner Bühne sein politisches Talent. Er kanzelte den Bundestag als "unglaubliche Alkoholikerversammlung" ab und führte neue Umfangsformen ein. Legendär seine Replik auf Vize-Parlamentschef Richard Stücklen von der CSU: "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch."

Fischer war es auch, der die Grünen an die Fleischtöpfe der Macht brachte. 1985 organisierte der Ex-Ministrant, Ex-Taxifahrer und Ex-Steinewerfer das erste rot-grüne Bündnis überhaupt, daheim in Hessen. "Joschka" wurde Grünen-(sowie weltweit singulärer Turnschuh-)Minister. Und zwar ausgerechnet im Kabinett von SPD-Regierungschef Holger Börner, der über die Ökos einmal gesagt hatte, "solchen Leuten" sei man früher "mit der Dachlatte" begegnet. Obwohl das erste rot-grüne Intermezzo nur 14 Monate währte und die erste CDU-Regierung in Hessen zur Folge hatte, war damit der Nimbus der Anti-Parteien-Partei hinüber. Die Grünen boten sich als Mehrheitsbeschaffer an, vorerst freilich nur für die Sozialdemokraten, deren "lost generation" sie ja auch waren.

Auf Bundesebene zelebrierten die Grünen nach 1983 sieben Jahre lang ihre Adoleszenz. Fundis und Realos rangen um die Vormacht in der Partei, wobei sich die Gewichte nur langsam zu den letzteren verschoben. Die Wiedervereinigung erwischte sie dabei, bildlich gesprochen, auf dem falschen Fuß. Mit dem klimabewegten, aber bewusst geschichtsblinden Slogan "Alle reden von Deutschland. Wir reden vom Wetter" katapultierten sie sich 1990 aus dem Bundestag. Nur der Ost-Ableger Bündnis 90 schickte ein paar Abgeordnete ins erste gesamtdeutsche Parlament, das Kohls bleierne Ära verlängerte.

1 von 2
Nächste Seite »
Autor:  Joachim Wille
Datum:  9 | 1 | 2010
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Zeitgeschichte

Deutschland 20 Jahre nach der Wiedervereinigung: Die FR beschreibt das Land anhand der Lebensgeschichten ihrer Einwohner.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!