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20. Januar 2013

50 Jahre Élysée-Vertrag: Die Wunden schmerzen bis heute

 Von Axel Veiel
Schlacht von Sedan: In Bazeilles schlugen am 1. September 1870 bayerische Truppen die französischen Soldaten in die Flucht – hier eine zeitgenössische Darstellung. Foto: imago

50 Jahre nach der Versöhnung: Zum Jubiläum des Élysée-Vertrages wird am Dienstag Frankreichs Präsident François Hollande in Berlin erwartet. Unser Autor begibt sich auf Spurensuche in Sedan, wo die schreckliche Vergangenheit heute noch zu spüren ist.

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Sedan –  

Schneeflocken tanzen im Licht der Straßenlaternen. Der Bahnhofsplatz glitzert winterlich weiß. Die wenigen Fahrgäste aus dem TGV, die hier in Sedan ausgestiegen sind, stapfen eilig davon. Fast schon feierliche Stille breitet sich aus. Minutenlang zeigt sich keine Menschenseele, kein Auto, kein Bus, kein Taxi.

In der Vergangenheit war es hier nicht so still. Im Krieg 1870/71 überrannten Bismarcks Truppen das vermeintliche französische Bollwerk Sedan zum ersten Mal, der in die Fürstenburg geflohene Kaiser Napoleon III. hisste die weiße Fahne, die Deutschen feierten fortan am 2. September den „Sedantag“. Im Zweiten Weltkrieg fielen Hitlers Panzerverbände im Mai 1940 überraschend von Norden ein, durchbrachen die Befestigungsanlagen an der Maas, einen Monat später war Frankreich besiegt. Ob die in jener Zeit geschlagenen Wunden vernarbt sind – jetzt, da Frankreich und Deutschland 50 Jahre Élysée-Vertrag, 50 Jahre Freundschaft feiern? Feiert die Stadt mit?

Der Élysée-Vertrag

Vor 50 Jahren, am 22. Januar 1963, unterzeichneten der französische Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer im Pariser Élysée-Palast den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag.
Nach jahrhundertelanger Rivalität, für die Ernst Moritz Arndt im 19. Jahrhundert den Begriff der „Erbfeindschaft“ prägte, verpflichteten sich die Nachbarn zu Konsultationen in allen wichtigen Fragen der Außen-, Sicherheits-, Jugend- und Kulturpolitik.
Zum Jubiläum des Élysée-Vertrages werden an diesem Dienstag Frankreichs Präsident François Hollande, sein Kabinett und die gesamte Nationalversammlung in Berlin erwartet.

Das Haus der letzten Patrone

Laurent Poncelet wohl nicht. Der 45-Jährige, der auch einmal Soldat war und jetzt Inhaber eines zwei Fahrzeuge zählenden Taxiunternehmens ist, schüttelt den Kopf. „Wir wollen alle nur noch weg von hier. Gerade die jungen Leute sehen zu, dass sie fortkommen“, sagt er. Sämtliche bedeutenden Unternehmen hätten der Region an der belgischen Grenze den Rücken gekehrt, angefangen von seinem früheren Arbeitgeber, dem Autozubehörlieferanten Delphi, bis hin zum Haushaltsgerätehersteller Electrolux. Die meisten Bewohner Sedans lebten von staatlicher Unterstützung, 42 Prozent der Unterkünfte seien Sozialwohnungen, die Arbeitslosigkeit liege bei 26 Prozent. „Wir haben hier keine Zukunft. Nur viel Vergangenheit. Viel deutsch-französische Geschichte. Und die ist auch nicht schön“, sagt Poncelet.

Vom Wunder enger nachbarschaftlicher Zusammenarbeit nach Jahrhunderten des Krieges ist in der 19 400 Einwohner zählenden Stadt wenig zu spüren. Vom Jubiläum des Élysée-Vertrages nimmt Sedan nicht einmal Notiz. Nicht nur für Poncelet scheint die deutsch-französische Geschichte mit dem Zweiten Weltkrieg aufgehört zu haben.

Die Dame des Touristenbüros lächelt, zuckt mit den Schultern. Von Veranstaltungen zum Jahrestag wisse sie nichts, sagt sie. Aber das „Haus der letzten Patrone“ sei doch eine wunderbare Alternative. „Die Holzwände der von Bismarcks Truppen belagerten Herberge weisen noch heute die alten Einschusslöcher auf“, wirbt sie. Ölgemälde zeigten Franzosen, die sich der deutschen Übermacht widersetzten, den sicheren Tod vor Augen. „Oder wie wäre es mit unserer im 15. Jahrhundert errichteten Fürstenburg? Mit 35.000 Quadratmetern ist sie das größte Bollwerk Europas!“

Hinrichtungsstätte im Ersten Weltkrieg

Das „Chateau fort“ erhebt sich gleich auf der anderen Straßenseite. Wer die aus Steinblöcken gefügten Mauern abschreitet, ist eine halbe Stunde unterwegs. Nur widerstrebend scheint der Bauherr einige Scharten, Nischen und Fenster in der glatten Mauer zugestanden zu haben. Marmortafeln erinnern daran, dass deutsche Soldaten auch im Ersten Weltkrieg Tod und Verderben nach Sedan brachten. Von Januar 1917 bis November 1918 war die Festung Hinrichtungsstätte. 18.000 Bürger wurden von hier in deutsche Lager gebracht, 8000 weitere exekutiert.
Jugendliche, die im Vorraum des Touristenbüros Schutz vor der Kälte suchen, haben von Élysée-Vertrag und Freundschaftsjubiläum nichts gehört. „Wir haben im Unterricht nur die Kriege durchgenommen“, sagt Karim, ein hoch aufgeschossener 16-Jähriger mit schwarzem Lockenschopf, der „in irgendeiner großen Stadt“ bei der Polizei anheuern will, sobald er mit der Schule fertig ist. Lilia mischt sich ins Gespräch ein. „Ich war mal mit einem Deutschen befreundet, die Deutschen sind total offen und nett“, sagt sie. „Du hast gut reden“, erwidert Karim, „deine Vorfahren sind ja auch nicht von ihnen umgebracht worden.“

Im Café „Zum guten Rum“ sitzen der Bauunternehmer Richard und seine Gefährtin Jeanine und nippen an belgischem Bier. Von den bevorstehenden Feiern zum Jubiläum haben sie gehört, mitfeiern wollen sie nicht. „Wir tun uns schwer mit den Deutschen“, gesteht der 48-jährige. Vielleicht bringe ja die junge Generation den Brückenschlag zuwege. An der Wand hinter den beiden hängt ein rostiges Schild. „Platz der Waffen“, steht darauf.

Der Gang durch Sedans altes Zentrum bestätigt Poncelets Worte von der Stadt ohne Zukunft. Rostige Gitter, bröckelnder Putz, Schilder mit Inschriften „Geschäftsaufgabe“ oder „Zu verkaufen“ zeugen von Armut und Niedergang. Am helllichten Tag geschlossene Fensterläden signalisieren: Hier wohnt niemand mehr. Wer bleibt, harrt oft nur aus, weil er zu arm ist, um zu gehen. Ganze 35 Prozent der Haushalte Sedans zahlen Steuern.

Und irgendwann begreift man: Wenn die Kunde von faszinierenden Fortschritten im deutsch-französischen Verhältnis an Sedans Festungsmauern abprallt, dann nicht nur, weil der Krieg so zerstörerisch war, die Verletzungen noch schmerzen. Sondern auch deshalb, weil die Stadt nicht viel Anderes hat als das Andenken an heldenhaft geleisteten Widerstand. Sicher, er war nicht von Erfolg gekrönt. Aber auch Opfermut, in der Niederlage bewiesene Brüderlichkeit und menschliche Größe sind Grund, stolz zu sein, geben Halt in schwerer Zeit.

Wen wundert es da, dass Didier Herbillon, Geschichtslehrer, Kunsthistoriker und Bürgermeister Sedans, ebenfalls abwinkt. Zu einem Gespräch über den Wandel der Stadt und das von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle konzipierte Versöhnungswerk ist der Sozialist nicht bereit. Auf der Internetseite der Gemeinde ist für den 22. Januar unter der Rubrik „Agenda des Bürgermeisters“ und „Veranstaltungen“ nicht einmal eine Gedenkminute zum Élysée-Vertrags-Jubiläum eingetragen.

Bundeskanzler Konrad Adenauer und der französische Ministerpräsident Charles de Gaulle unterzeichnen 1963 den Élysée-Vertrag.
Bundeskanzler Konrad Adenauer und der französische Ministerpräsident Charles de Gaulle unterzeichnen 1963 den Élysée-Vertrag.
Foto: dpa

Ein Grabmal als Provokation

Herbillon setzt andere Zeichen im deutsch-französischen Verhältnis. Zum Entsetzen deutscher und französischer Kunsthistoriker hat er im vergangenen Jahr ein Denkmal auf dem Friedhof der Stadt zum Abriss freigegeben, das an gefallene deutsche Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg erinnert. Das Grabmal sei eine Provokation, befand der Bürgermeister.

In Paris und Berlin beklagen Mitarbeiter des gemeinsamen Jugendwerks, die junge Generation wisse den besonderen Wert deutsch-französischer Freundschaft nicht gebührend zu schätzen. Sie halte den Frieden für selbstverständlich und Frankreich für ein interessantes Land neben anderen genauso interessanten. In Sedan zeigt sich: Wer die Erinnerung an den Krieg wachhält, ist deshalb noch lange nicht zum friedenstiftenden Engagement bereit. Und vor allem zeigt sich, welche Kühnheit de Gaulle keine zwei Jahrzehnte nach Kriegsende aufbrachte, als er Adenauer die Hand zur Versöhnung reichte.

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