Der Wind weht empfindlich kühl vom Meer an diesem ersten Morgen im September. Einige der Gäste haben die Kragen ihrer schwarzen Mäntel hochgeschlagen. Vor ihnen tauchen Scheinwerfer das Ehrenmal auf der Westerplatte, ein 25 Meter mächtiges, stumpfes Bajonett aus Granit, in gleißendes Licht.
Daneben sind Soldaten aufmarschiert. Es ist kurz vor fünf Uhr, in einer Stunde wird die Sonne am wolkenlosen Himmel aufgehen, da zerreißen Hafensirenen minutenlang die Stille über der Bucht vor Danzig.
Polens Präsident Lech Kaczynski hat mit seinem Vergleich der Morde von Katyn mit dem Holocaust scharfen Widerspruch ausgelöst. Kaczynski hatte vor Veteranen gesagt: "Es gibt eine Gemeinsamkeit dieser Verbrechen, obwohl ihr Ausmaß unterschiedlich war: Juden verschwanden, weil sie Juden waren. Polnische Offiziere verschwanden, weil sie polnische Offiziere waren."
Der Zentralrat der Juden in Deutschland wies den Vergleich zurück. Generalsekretär Stephan Kramer sagte der FR: "Bei allem Verständnis für den Schmerz des polnischen Volkes und die schlimme Erinnerung an das Schicksal der ermordeten Offiziere von Katyn gerade an einem solchen Tag: Dieser Vergleich ist unangemessen und unangebracht. Es nutzt niemandem, wenn Opfer miteinander verglichen oder sogar in Konkurrenz zueinander gebracht werden. Der Versuch von Herrn Kaczynski, Hitler und Stalin in einem Atemzug zu nennen, kann nicht gelingen. Wer es dennoch unternimmt, zwei so schlimme, aber unterschiedliche Verbrecher miteinander zu vergleichen, wird weder dem Schicksal der Polen gerecht noch der Unvergleichlichkeit und Einmaligkeit des Holocaust."
Im April 1943 fanden Einheiten der deutschen Wehrmacht im Wald von Katyn bei Smolensk Massengräber mit mehr als 4000 Leichen polnischer Offiziere. Sie gehörten zu etwa 15000 polnischen Soldaten, Beamten, Juristen, Ärzten und Geistlichen, die 1939 von den Sowjets interniert worden waren und von denen seit 1940 jede Spur fehlte. Nach anderen Angaben wurden bis zu 22500 Polen ermordet. Insgesamt waren etwa eine Viertelmillion Polen nach dem Einmarsch der Roten Armee im Osten ihres Landes am 17. September 1939 in sowjetische Gefangenschaft geraten.
In acht Massengräbern in Katyn wurden die Leichen von 4143 Soldaten exhumiert. Nach später veröffentlichten sowjetischen Dokumenten waren 4421 Insassen des Lagers Kozielsk bei Katyn erschossen worden. Internationale Kommissionen stellten fest, dass die Offiziere im Frühjahr 1940, also vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, von Mitgliedern des sowjetischen Sicherheitsdienstes NKWD ermordet wurden. Dennoch behauptete der Diktator Josef Stalin und mit ihm die offizielle Geschichtsschreibung in der Sowjetunion und im kommunistischen Polen, die Deutschen seien die Täter gewesen. Die Sowjets ließen sogar deutsche Kriegsgefangene als "Mörder von Katyn" hinrichten.
Erst 1990 in der Zeit von Glasnost gab der neue Kremlchef Michail Gorbatschow Moskaus Täterschaft am Massenmord zu. Boris Jelzin übergab zwei Jahre später als russischer Präsident Dokumente über die Verbrechen an polnische Behörden. Angehörige der Ermordeten und polnische Regierungsmitglieder fordern die bis heute ausgebliebene juristische Aufarbeitung und Rehabilitierung der Opfer.
Vor 70 Jahren begann an dieser Stelle der Zweite Weltkrieg. Um 4.45 Uhr schlugen die ersten Geschosse des deutschen Kriegsschiffes "Schleswig-Holstein" in dem zur Festung ausgebauten polnischen Munitionsdepot auf der Westerplatte ein. Sieben Tage hielten die Verteidiger den Angriffen stand.
In Polen werden diese Männer bis heute als Helden verehrt. An sie und die 50 Millionen Opfer des Krieges erinnern die Gegner von einst in einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung, die mit den Feierlichkeiten auf der Westerplatte begannen.
Polens Premierminister Donald Tusk und Präsident Lech Kaczynski wissen, dass in diesem Augenblick die Augen Europas, ja fast der gesamten Welt auf sie gerichtet sein würden. Doch in den Augen vieler Polen wird das Leid gering geschätzt, das der zweite große Krieg im vergangenen Jahrhundert über das eigene Volk gebracht hat. Also machen sich Premier und Präsident daran, an die Verantwortung der Nachbarstaaten Deutschland und der damaligen Sowjetunion für Polens Niederlage zu erinnern und vor einer drohenden Verfälschung der Geschichte zu warnen.
Die "geschichtliche Verantwortung" nicht umschreiben
Doch nicht die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist die Adressatin dieser mahnenden Worte. "Ich verneige mich vor den Opfern eines von Deutschland entfesselten Krieges", erklärt die Kanzlerin am Dienstag auf der Westerplatte, wo sie zusammen mit 20 anderen Regierungschefs des Kriegsbeginns gedenkt. Merkel lässt keinen Zweifel an der Schuld Deutschlands aufkommen. Niemand werde diese "geschichtliche Verantwortung" umschreiben, versichert die Kanzlerin.
Genau das wird Russland vorgeworfen. In den vergangenen Wochen tobte ein Streit der Historiker. Auf der einen Seite stehen die Polen, die die Schuld am Zweiten Weltkrieg nicht nur bei den Deutschen sehen, sondern auch die Sowjetunion als Aggressor brandmarken. Auf der anderen Seite sind Historiker aus Russland, die jegliche Kriegsschuld weit von sich weisen.
Vor allem der national-konservative Präsident Lech Kaczynski macht in seiner Rede seinem Zorn Luft. Er beschuldigt die Sowjetunion, mit Deutschland den "Molotow-Ribbentrop-Pakt" geschlossen und daraufhin sein Land überfallen zu haben. Der Widerstand gegen die deutschen Angreifer sei erst durch den Einmarsch der Roten Armee am 17. September 1939 in Ostpolen gebrochen worden. "An diesem Tag hat Polen einen Messerstich in den Rücken erhalten", sagt das Staatsoberhaupt.
Versöhnlicher präsentiert sich Ministerpräsident Donald Tusk. Zwar spricht auch er vom "Überfall" Hitler-Deutschlands und der Sowjetunion auf Polen, doch macht er auch deutlich, dass sein Land das Gedenken nicht gegen andere richten wolle. Tusk sagt, Polen und Russland würden die "schmerzhaften Elemente unserer gemeinsamen Geschichte" untersuchen. Und er fragt: "Wenn es in der Vergangenheit für Polen und Deutsche sowie für Russen und Deutsche möglich war, warum um Gottes willen sollte es nicht für Polen und Russen möglich sein?"
Die "objektive Wahrheit"
Anders als der Regierungschef ist Kaczynski nicht zur Verständigung mit dem ihm verhassten Gast aus Moskau bereit. Der Präsident vergleicht das Katyner Massaker sowjetischer Soldaten an polnischen Offizieren mit dem Holocaust. Doch der russische Premier, der sich ungewöhnlich konziliant in Sachen Geschichtsschreibung gibt, weiß die verbalen Angriffe des polnischen Staatsoberhauptes zu kontern. Nach einem Vier-Augen-Gespräch mit Premier Tusk erklärt er auf einer Pressekonferenz, dass im Fall von Katyn beide Seiten ihre Archive öffnen und geheime Dokumente offen legen müssten, um die "objektive Wahrheit" zu ergründen.
Während seiner Auftritte in Polen macht der russische Premier Wladimir Putin deutlich, dass Geschichte mehrere Seiten hat. Vor Kriegsbeginn hätten alle Seiten eine "Menge Fehler" begangen. So erinnert er die Gastgeber daran, dass auch ihre Geschichte nicht nur unschuldig gewesen sei. Als Beispiel nannte Putin Cieszyn und das Olser Gebiet - Gebiete, die einmal zur Tschechoslowakei gehörten und nach dem Münchner Abkommen von 1938 von Polen besetzt worden waren.
Natürlich darf auch der Hinweis auf den deutsch-polnischen Nicht-Angriffspakt von 1934 nicht fehlen. Nach Ansicht russischer Historiker sei der vor allem gegen die Sowjetunion gerichtet gewesen.
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