SALZGITTER. Das Schlachten hilft Ahmed Siala, nicht den Verstand zu verlieren. Ein Schuss mit dem Bolzenschussgerät, ein Schnitt mit der Klinge, dann das Schaf aufhängen, häuten, zerlegen, so geht das jeden Tag, es muss ja weitergehen. Die Nächte aber sind schlimm. Denn in der Nacht kommt er immer wieder, der 10. Februar 2005. In seinen Alpträumen sucht er ihn heim, dieser schlimmste Tag seines Lebens – der Tag, an dem seine Familie auseinandergerissen wird.
Wie ein Film läuft er vor ihm ab, immer wieder: wie er die Töchter Nura und Amine in die Schule bringt. Wie er zurückkommt und die Wohnungstür offensteht. Die Schreie seiner schwangeren Frau Gazale. Das Weinen der einjährigen Tochter Schams. Die Männer in Uniformen. Das Flehen seiner Frau: „Schiebt mich nicht ab, ich lebe seit 17 Jahren hier, meine Kinder sind hier geboren, ich kenne die Türkei nicht, bitte tut das nicht!“ Wie sie Gazale mit dem Baby ins Auto setzen. Wie er allein zurückbleibt, bis die Töchter von der Schule kommen. Wie er ihnen nicht sagen kann, was passiert ist: dass ihre Mutter und ihre kleine Schwester fort sind, abgeschoben – nicht in den Libanon, den Ahmed und Gazale als kleine Kinder mit ihren Eltern auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg verließen, sondern in die Türkei, ein vollkommen fremdes Land.
IZMIR. Gazale Salame öffnet die Tür und sagt, es gehe ihr nicht gut. Dabei lächelt sie. Sie hat sich hübsche Kleider angezogen und sorgfältig geschminkt. Ja, sie freue sich über die Abwechslung, über den Besuch, über die Gelegenheit, deutsch zu sprechen. „Aber es ist hier alles nicht so einfach.“ Sie lenkt den Blick auf das Nachbarhaus. Da, eine Bewegung hinter der Gardine. „Sie beobachten uns“, sagt Gazale Salame, „ich habe Angst vor diesen Nachbarn.“
Leben wie eine Aussätzige
Gazale Salame lebt noch immer in der Wohnung, die sie vor sechs Jahren in Izmir bezogen hat. Im Außenbezirk Ümüspala, wo kleine Autos vor kleinen zweistöckigen Häusern stehen. Hier wohnen kleine Leute, die hart an ihrem gesellschaftlichen Aufstieg arbeiten. „Leute aus Anatolien, aus Konya“, sagt die 30-Jährige leise, „besser, wir setzen uns in den Garten. Wenn die Nachbarsfrauen mich mit einem fremden Mann ins Haus gehen sehen, sprechen sie wieder schlecht über mich.“ Sie sagt, sie fühle sich einsam und alleingelassen. Sie habe keine Freunde, niemanden zum Reden. Sie führe im Grunde das Leben einer Aussätzigen in diesem Land, dieser Stadt, diesem Milieu.
Die Enge des Miteinanders ist in Ümüspala fast körperlich zu spüren – ein wenig wie in einer deutschen Kleinstadt. In einer deutschen Kleinstadt würde Gazale Salame allerdings sehr gern wohnen. „Ich warte“, sagt sie. „Ich warte seit sieben Jahren.“ Sie sitzt in der Wohnung und wartet auf ein Gerichtsurteil, einen Gnadenerlass, auf den erlösenden Brief des deutschen Konsulats, dass sie sich endlich ihr Visum abholen kann. Dass ihr Leben wieder ein Leben ist.
Gazale Salame war 24, als sie 2005 nach 17 Jahren in Deutschland abgeschoben wurde. Sie hatte sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Hatte die Hauptschule abgeschlossen, geheiratet, drei Kinder bekommen. Sie sprach akzentfreies Deutsch, sie war perfekt integriert, sie wollte sogar ihr Kopftuch ablegen. Sie hatte zwar keinen Pass, aber das war eigentlich kein Problem. Denn sie galt als staatenlos, und Staatenlose können nicht abgeschoben werden.
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