Standing Ovations und Wehmut satt. Mit minutenlangem Beifall und verschämt zerdrückten Tränen haben sich die Grünen am Freitagabend auf ihrem Parteitag in Erfurt von ihrem Vorsitzenden Reinhard Bütikofer verabschiedet. "Macht`s gut. Ich bedanke mich für eure Aufmerksamkeit," verbeugte sich der sichtlich bewegte 55-Jährige nach seiner letzten Grundsatzrede vor der eigenen Parteibasis, die ihm oft genug das Leben schwer gemacht hatte. Mit Bütikofer tritt der - mit sechs Amtsjahren langsjährigste Parteichef ab, den die Grünen je hatten - und der anfangs am meisten Unterschätzte, der zum unverzichtbaren Strategen seiner Partei wurde.
Dabei war der jetzt Gefeierte Verlegenheitskandidat par excellence, als er den Grünen 2002 im Verlauf eines chaotischen Parteitags mit seiner Bewerbung zum Parteichef aus der Patsche half. Ein behäbiger Anti Typ in der medialen Politiklandschaft. Das Gegenteil von telegen und als Redner eine Strafe für alle Zuhörer. Sätze von Bütikofer waren gefürchtet ob ihrer schier endlos daherknödelnden Wortschleifen.
"Wenn der Bütikofer mal ins Kanzleramt muss, scheitert er schon am ersten Pförtner" ätzten damals die eigenen, noch mitregierenden Obergrünen. Doch nur wenige Monate später lernten sie ihn als verlässlichen und strategischen Regisseur der Partei schätzen. Bütikofer demonstrierte, wie einer an sich arbeiten und mit dem Amt wachsen kann. Seine Sätze wurden knapper und klarer, mit unermüdlicher Kommunikationsaufwand hielt er, der schwergewichtige Realo, in Zeiten der rot-grünen Koalition die Parteiflügel zusammen und schaffte es zugleich, die Grünen mit einer neuen Progammdebatte auch inhaltlich auf Trab zu halten.
Seine strategischen Meisterleistungen waren jedoch seine Dompteursakte auf den zahlreichen als unberechenbar gefürchteten Parteitagen. Oft in letzter Minute sprang Bütikofer ans Rednerpult, wenn Abstimmungen aus dem Ruder zu laufen drohte und löschte - bis zum physischen Zusammenbruch hinter der Bühne - mit ausgetüftelten Kompromissvorschlägen manch grünes Buschfeuer.
Für den heimlichen Vorsitzenden, Joschka Fischer, wurde der real amtierende Vorsitzende damit zum wichtigsten Brandmeister. Doch das Verhältnis zwischen den beiden war bis zum Schluss von tiefster Herblassung und Antipathie des im Rampenlicht stehenden grünen Übervaters gegen den glanzlosen Parteichef geprägt.
Die grüne Basis selbst dagegen wusste Bütikofers Kompetenz in dem aufreibenden, undankbaren Job des Parteichefs durchaus zu schätzen. Und sie machte ihn 2004 mit seiner Wiederwahl zum dienstältesten Parteichef.
Im Frühjahr 2008 entschied Bütikofer schließlich aus freien Stücken, dass es nach sechs Jahren nun mal gut sei , mit dem Job - weil mal ein jüngeres Gesicht ran müsse. Und weil er selbst schlicht "fertig hatte" auf diesem Post. Nun zieht es ihn nach Europa und auf sein politisches Lieblingsfeld, die transatlantischen Beziehungen. Am Freitag abend haben sich die Grünen von ihrem langjährigen Regisseur mit sattem Beifall verabschiedet , er, der uneitle Regisseur zückte das Taschentuch und dämpfte den Applaus, "Ich danke euch sehr, aber ich denke, wir müssen jetzt weitermachen."
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