kalaydo.de Anzeigen

Unruhen in Tunesien: Abschied von der Angst

Die gewaltsamen Proteste in Tunesien mit Toten und Verletzten greifen immer stärker auf die Hauptstadt Tunis über. Die von der Staatsführung verhängte nächtliche Ausgangssperre zeigte wenig Wirkung. Nach Dutzenden getöteten Demonstranten wächst der Unmut weiter.

Junge Tunesier besichtigen die Trümmer der Nacht.
Junge Tunesier besichtigen die Trümmer der Nacht.
Foto: AFP
TUNIS –  

Dicker Qualm steigt noch immer aus der ausgebrannten Apotheke. Links davon ein Café, rechts ein Laden, der Sanitäranlagen verkauft – oder verkauft hat. Dann die Konditorei, ein Kiosk, ein Café... Alles zerstört und geplündert, trotz der Ausgangssperre, die die Regierung am Mittwochabend verhängt hat. In Ettadhamin, einem riesigen Vorort am westlichen Stadtrand von Tunis, stehen Tausende auf der Hauptstraße, die hier draußen einfach Route Nationale 130 heißt. Sie schauen sich die Folgen der Nacht an, in der in der Hauptstadt das erste Todesopfer der Unruhen zu beklagen ist. Einem Mann wurde in den Kopf geschossen. Bislang gab es Tote nur in der Provinz.

Tunesien wird nie mehr sein, was es einmal war. Das hört man in Tunis immer wieder. Niemand weiß, wie es weiter geht. Aber ein Zurück scheint es nicht mehr geben zu können. Das Wichtigste: Die Menschen haben die Angst verloren. „Früher“, sagt Alya, die in einem Telefonladen arbeitet, „tuschelten wir im Straßencafé, sobald sich jemand an den Nebentisch setzte, heute reden wir einfach weiter.“ Früher drucksten die Menschen herum, wenn man sie nach ihrer Meinung fragte. In Ettadhamin kann man sich heute kaum retten vor Frauen und Männern, die etwas loswerden wollen.

Reisewarnung

Das Auswärtige Amt rät wegen der
Unruhen in Tunesien von Reisen in das nordafrikanische Land vorerst ab. Das Außenministerium verschärfte am
Donnerstag seine Hinweise. Wörtlich heißt es nun: „Aufgrund der unsicheren Lage wird derzeit von nicht unbedingt erforderlichen Reisen nach Tunesien abgeraten.“ Nach Schätzungen von Reiseveranstaltern halten sich derzeit 10000 Bundesbürger in Tunesien auf, weitere 3000 leben dauerhaft dort. dpa

„Die Polizisten sind schon am Mittwochnachmittag einfach abgezogen“, berichtet Ahmed neben einem zertrümmerten Kiosk, „sie hatten Angst. Wir waren viel mehr, sie hatten keine Chance.“ Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Ahmed ist Diplomarchitekt, 24 Jahre und arbeitslos. Ob auch er in der Nacht geplündert hat, will er nicht sagen. Ein Siegeslächeln ersetzt jede Antwort.

Polizeiliche Willkür

„Es waren Diebe, Clochards, Ganoven“, meint Sana, die alles ganz schlimm findet, „aber die Polizei hat hier noch viel schlimmere Sachen gemacht. Die Polizei darf hier ungestraft einfach alles. Und hat nicht die Regierung als Strafe für den Aufstand die Preise für Joghurt, Eier und Mehl drastisch erhöht?“ Trotzdem, was hier passiert ist, kann die junge Frau nicht gutheißen: „Wie kann man bloß die Läden kleiner Leute plündern?“ Sana arbeitet als Bankangestellte am andern Ende der Stadt. Aber wie so viele macht sie heute einfach frei. Es fahren kaum öffentliche Verkehrsmittel, die meisten Läden sind geschlossen.

Im Straßencafé neben der ausgebrannten Apotheke sitzen zwei Dutzend Männer, alle in abgetragenen Hosen und Jacken, keine einzige Frau. „Setzen Sie sich“, sagt Ridha und lädt mit freundlichem Gestus zur „Noisette“, einer „Haselnuss“ ein, womit ein starker Kaffee mit ein wenig Sahne gemeint ist. „Die zerstörten Läden“, behauptet der 55-jährige Händler, „gehörten fast alle dem früheren Bürgermeister Sadek Jaraya. Er hat sie Strohmännern überlassen und sahnt bis heute ab. Hier direkt an der Hochspannungsleitung durfte ja niemand bauen – jedenfalls niemand ohne seine Erlaubnis.“ Die Männer nicken alle zustimmend.

Demonstrationen in Tunesien

Bildergalerie ( 15 Bilder )

Bis 2004 hatte Ridha seinen eigenen Laden. Er verkaufte Autoersatzteile. Jeden Monat kam ein Mann vom Ministerium vorbei, und Ridha musste ein hübsches Sümmchen abdrücken, das ab 2003 immer schneller erhöht wurde. Eines Tages konnte er nicht mehr zahlen, und die Polizei schloss seinen Laden. Sein Schicksal erinnert an jenes von Mohamed Bouazizi. Der arbeitslose diplomierte Informatiker hatte sich am 17. Dezember in Sidi Bouzid, einer Stadt im Zentrum des Landes, öffentlich angezündet. Die Polizei hatte zuvor sein Gemüse beschlagnahmt, das er verkaufte – ohne Lizenz, weil er das Schmiergeld nicht mehr zahlen konnte. Sein tragischer Protest war der Funke für die Revolte.

1 von 2
Nächste Seite »
Autor:  Thomas Schmid
Datum:  13 | 1 | 2011
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Zeitgeschichte

Deutschland 20 Jahre nach der Wiedervereinigung: Die FR beschreibt das Land anhand der Lebensgeschichten ihrer Einwohner.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!