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Ägypten: Die Revolution hat ihr Gesicht wieder

Die Staatssicherheit hat Wael Ghonim freigelassen, der mit einer Facebook-Seite viele Ägypter gegen die Verbrechen des Regimes mobilisiert hat.

Kairo –  

Vor zwölf Tagen schickte Wael Ghonim einen Aufschrei über Twitter. „Betet für Ägypten“, hackte er in seine Tastatur. „Wir haben Angst. Die Regierung plant ein Kriegsverbrechen gegen das eigene Volk. Wir sind alle bereit zu sterben.“ Damals standen die Proteste gegen Husni Mubarak noch am Anfang. Erst einen Tag später, nach dem Freitagsgebet, eroberte das Volk gegen eine staatliche Armada mit Knüppeln, Tränengas und Gewehren zum ersten Mal den Tahrir-Platz. Seitdem haben sie das Epizentrum ihrer Revolution nicht mehr aus der Hand gegeben. Doch Wael Ghonim, normalerweise Marketingchef für den Internetkonzern Google in Dubai, war da bereits verschwunden. „Ich hatte zwölf Tage lang die Augen verbunden, ich hörte nichts, ich wusste nichts.“

Am Montagabend hat ihn die gefürchtete Staatssicherheit wieder entlassen – in einem total veränderten Ägypten. „Freiheit ist ein Segen, für den es sich zu kämpfen lohnt“, wandte er sich direkt an die globale Netzgemeinde. „Dies war eine Revolution der Jugend und nun ist es die Revolution aller Ägypter“, rief er unter Tränen beim anschließenden Interview auf dem Privatsender Dream 2, das Millionen Zuschauer verfolgten.

        

Auf dem Tahrir-Platz demonstrierten am Dienstag wieder Zehntausende. Erstmals kam auch Wael Ghonim. Das Regime hatte den  bloggenden  Google-Manager  eingesperrt.
Auf dem Tahrir-Platz demonstrierten am Dienstag wieder Zehntausende. Erstmals kam auch Wael Ghonim. Das Regime hatte den bloggenden  Google-Manager eingesperrt.
Foto: afp/dapd

Mit Wael Ghonim hat die junge Protestbewegung jetzt erstmals ein eigenes Gesicht. Am Dienstag erschien der Vater zweier Kinder, der mit einer Amerikanerin verheiratet ist, zum ersten Mal auf dem Tahrir-Platz. Inspiriert durch seinen bewegenden Fernsehauftritt strömten wieder Zehntausende zusammen, entschlossen, sich ihre Revolution nicht aus der Hand nehmen zu lassen.

Er sei nicht gefoltert worden, berichtete Ghonim. Kurz nach Mitternacht sei er im Taxi unterwegs gewesen, als das Auto plötzlich von vier bewaffneten Männern umringt wurde, die ihn aus dem Wagen zerrten. „Wie habt ihr diese Proteste angezettelt, wie habt ihr das gemacht?“, wollten die Geheimpolizisten bei den Endlosverhören immer wieder von ihm wissen. „Ich weiß es nicht, ich habe keine Ahnung“, habe er ebenso oft geantwortet. Denn Ghonim ist eher durch Zufall zur zentralen Figur des Aufstands geworden. „Wir sind alle Khaled Said“ nannte sich die Facebook-Seite, die er im Sommer 2010 online stellte – als Protest gegen den Tod eines Bloggers in Alexandria, den zwei Zivilpolizisten auf offener Straße totgeprügelt hatten. Die Seite hatte schnell 200000 Fans. Hier erschien auch der erste Aufruf zu den Demonstrationen am 25. Januar, mit denen die Revolution in Ägypten ins Rollen kam.

Doch inzwischen fürchten immer mehr junge Leute, ihr Aufstand könnte sich in endlosen Gremiensitzungen verlieren. Das Regime spielt auf Zeit, setzt auf Zermürbung und Zerstrittenheit seiner Gegner. Am Sonntag traf sich Vizepräsident Omar Suleiman erstmals offiziell mit Vertretern der Opposition, einem Kreis aus Vertretern der akkreditierten Parteien sowie Delegierten der bislang verbotenen Muslimbruderschaft. Daneben agiert ein 20-köpfiger „Rat der Weisen“, dem neben dem Milliardär Naguib Sawiris und Chemienobelpreisträger Ahmed Zuwail auch der Chef der Arabischen Liga, Amr Mussa, angehört. Ein 50-köpfiger Lenkungskreis trifft zudem die täglichen Entscheidungen für die Demonstranten. Ihm gehört auch Mohammed el Baradei an.

Die jungen Protestierer setzen jetzt auf Wael Ghonim. „Ich bin kein Held, ich habe nur meine Tastatur benutzt“, gab sich der Internet-Aktivist im Interview bescheiden. „Wahre Helden sind alle, die auf die Straßen gegangen sind und an den Demonstrationen teilnehmen. Wahre Helden sind alle, die ihr Leben verloren haben, verprügelt und verhaftet worden sind.“ Als die Moderatorin ihm dann Fotos junger Leute zeigte, die während der Proteste getötet wurden, brach der 30-Jährige in Tränen aus. „Ich sage allen Mütter, allen Vätern, die ein Kind verloren haben – ich entschuldige mich, es ist nicht unsere Schuld“, stieß er hervor. „Sie sind gestorben, wegen derer, die sich an der Macht festklammern“ – und rannte aus dem Studio. Die ersten wünschen sich nun, dass er für die Präsidentschaft kandidiert.

Autor:  Martin Gehlen
Datum:  15 | 2 | 2011
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