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20. März 2016

AfD in Sachsen-Anhalt : „Und wir kriegen nichts"

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Fast ein Viertel der Sachsen-Anhaltiner folgte dem Aufruf. 24 AfD-Abgeordnete ziehen, angeführt von André Poggenburg, in den Magdeburger Landtag ein.  Foto: Michael Schick

Gottfried Backhaus war Fahrlehrer, Orgelbauer, Hartz IV-Empfänger. Nun sitzt er für die AfD im Landtag. Bei der Landtagswahl hat er 33,1 Prozent geholt - ein Rekordergebnis. Was macht ihn so erfolgreich?

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Nun ist es aber mal gut“, platzt Claudia Backhaus mitten rein in einen langen Satz, den ihr Mann gerade spricht. „Sag doch, dass Du seit einem Jahr Hartz IV bekommst. Sag doch, dass das mit dem Orgelbau und der Fahrschule nicht mehr richtig funktioniert. Sag das doch. Ist doch nicht schlimm.“ Ihr Mann schluckt kurz. „Ja, das ist so“, sagt er dann. „Ein Segen ist das mit der Wahl“, ruft seine Frau wieder dazwischen. „Ein Segen, wie das jetzt gekommen ist.“

Wenn Claudia Backhaus nicht als Mensch auf die Welt gekommen wäre, sondern als Naturphänomen, dann vielleicht als ein Vulkan, der schon lange bebt und mit lautem Knall ausbricht. Claudia Backhaus ist 55 Jahre alt, Mutter von vier erwachsenen Kindern, sie lebt mit ihrem Mann Gottfried in Langeneichstädt, was ein kleiner Ortsteil von Mücheln ist, einer Kleinstadt, 8967 Einwohner, im Saalekreis, südliches Sachsen-Anhalt. Gottfried Fritz Backhaus, 57 Jahre alt, hat am Sonntag bei der Landtagswahl 9670 Stimmen für die AfD geholt, 33,1 Prozent, absolut die meisten, Direktmandat, bestes Ergebnis. Im Wahlkreis 40 mit 0,8 Prozent Ausländeranteil. Mehr Stimmen als der Landesvorsitzende André Poggenburg. „Der hat gerade mal 8000.“

Beide sitzen in ihrem großen Wohnzimmer, altes, renovierungsbedürftiges Bauernhaus von 1882, ihr Familienbesitz, schwere Möbel, eine Statue, eine Frau, die ein Kind in Armen hält, kein Fernseher. Gottfried Backhaus will gerade etwas zu Flüchtlingen sagen. Er ist ein gemütlich wirkender Mann mit Rauschebart, Heimatkundler, er spricht in langen Sätzen, die sich oft verzweigen, er will sagen, dass nicht alle Flüchtlinge echte Flüchtlinge seien, als seine Frau ihm dazwischenexplodiert: „Hinten und vorne kriegen die es reingesteckt. Und wir kriegen nichts. Die kriegen Deutschkurse, Möbel, Praktika, dürfen sich in Supermärkten bedienen, die Polizei tut nichts.“

Er spricht breit angelegt und in Windungen, sie knallt die Dinge auf den Punkt. Fragte man die beiden, warum sie heute in der AfD sind, warum die Leute im Ort AfD wählen, dann bricht ein Orkan los. Aus einem vereinbarten 30-Minuten-Gespräch werden mehr als dreieinhalb Stunden, vieles muss raus, es geht um die ewige Unzufriedenheit im Ort, im Kreis, im ganzen Land. Da kommt dann eins zu anderen, alte und uralte Geschichten, Zorn, der lange unter der Erdkruste brodelte, alles vermischt sich sich zu einer großen Erzählung, in der immer irgendetwas schief gelaufen ist und immer andere an etwas schuld sind.

Die AfD ist ein Ventil

Früher war man verdrossen und still und wählte nicht. Heute gibt es ein Ventil, die AfD. Aus Frust werden Stimmen, aus Gottfried Backhaus, Orgelbauer, Fahrlehrer und am Ende Hartz IV, wurde ein Abgeordneter mit fortan 5655 Euro Diäten plus 1600 Euro Aufwandspauschalen.

Herr Backhaus, warum die AfD? Alte Wunden, alte Geschichten, zurück in Kindertage. Er erzählt, wie er zweimal zwangsumgesiedelt wurde wegen der Braunkohle. Da war er zehn und 16 Jahre alt. Sie erzählt, wie nach dem Krieg der Hof enteignet wurde, die Bodenreform, ein „Trauma“, das die Familie nie los wurde. Das Haus haben sie wieder, aber keine Entschädigung fürs Land. Und die „Scheiß SED“, die heute noch das Sagen habe in der Gegend.

„Die Wahl war ein Segen“: Gottfried Backhaus von der AfD.  Foto: Honnigfort

Er erzählt, dass er – obwohl Klassenbester – kein Abi machen durfte, weil er engagierter evangelischer Christ war – und es heute noch ist. Und dann das Berufsleben: Feinmechaniker im Chemiekombinat, 1990 Schluss, dann als Orgelbauer gearbeitet, selber beigebracht und dann eine richtige Prüfung gemacht. Und nebenbei Fahrlehrer, weil man vom Orgelnreparieren nicht leben kann. Dann zogen die jungen Leute in den Westen und mit der Fahrschule lief es schlechter und schlechter und 2012 war dann Schluss.

„Erzähl die Geschichte mit dem Motorrad“, fährt ihm seine Frau dazwischen. Das Fahrschulmotorrad, Yamaha 600, wurde ihm mitsamt Anhänger vom Hof geklaut. Später fand es die Polizei in Naumburg, zu Schrott gefahren, 6000 Euro Schaden. Der Täter war ein Weißrusse. Er wurde angeblich nie belangt. „Und ich bekam eine Rechnung über den Polizeieinsatz“, schimpft Backhaus. „Ich, nicht der andere.“

Deswegen seien die Leute hier unzufrieden, sagt er irgendwann. Weil das überall so sei und allen Leuten so gehe. Seit Jahren schon. Ein Stau aus Geschichten, die sich vermutlich früher vor Ort die Politiker der Linken und PDS angehört hatten, als es sie noch mehr gab. Seit einiger Zeit aber tut es wohl keiner mehr. Nun bricht sich alles Bahn. „Niemand tut etwas für uns hier. Für Familien, für Kinder. Stattdessen holt sich Merkel ein neues Volk.“

Es werde geklaut, überall, an der ICE-Trasse, im Supermarkt. Die Straße zum Ort sei eine furchtbare Katastrophe, und in Mücheln, da hätten sie Leute aus einem Haus gekündigt, die dort seit DDR-Zeiten gewohnt hätten. Und nun hätte der Vermieter die Wohnung fürs Doppelte weitervermietet. „Jetzt wohnen da Flüchtlinge. Das ist die Wahrheit.“

Seine Frau erzählt, wie nach 1989 die Apotheke geschlossen wurde, in der sie arbeitete. Im Dorf wurde getratscht, sie habe dicht gemacht werden müssen, weil Claudia Backhaus nicht weiterarbeiten wollte. „Rufmord“ ist das. „Bis heute hängt mir das nach und Leute wechseln die Gehwegseite.“ Sie erzählt vom Sohn, der „hochbegabt“, dennoch sein Abi nicht auf Anhieb machen konnte, angeblich weil der Schulleiter „eine rote Socke“ war.

Ist hier nichts verjährt? Was hat das alles mit der Landtagswahl am 13. März 2016 zu tun? „Na alles“, sagt sie. „Das geht doch nicht nur uns so. Hier kommt alles, alles zusammen.“

Nie wollte Gottfried Backhaus in eine Partei. CDU nicht, SPD nicht, er gründete 1989 das Neue Forum am Ort mit, er war Lokalpolitiker, aber eine Partei? „Nie. Nein.“

Er ist in der evangelischen Kirche, war früher bei den Treffen der Posaunenchöre, er organisiert jetzt im Sommer ein christliches Treffen auf einem Thüringer Campingplatz. Sie ist in der Langeneichstädter Kirchgemeinde aktiv als Lektorin. Er liest die „Mitteldeutsche Zeitung“, hört Deutschlandfunk, ist auf Facebook unterwegs. Aber kein Fernsehen, dem MDR misstraut er, die GEZ muss weg, meint er, wegen der Intendantengehälter und weil die Journalisten nicht die Wahrheit berichteten. „Wieso dafür zahlen?“

Endlich offen reden

Seit Sommer 2013 sind sie bei der „Alternative für Deutschland“. Weil man da offen reden könne. „Warum denn nicht. Wir sind doch keine Nazis.“ In einer Partei mit dem finsteren Björn Höcke, der völkisch-rassistisches Zeug daher redet? „Der ist doch ganz nett“, sagt Backhaus.

24 AfD-Abgeordnete wurden in den Magdeburger Landtag gewählt, zweitstärkste Fraktion. Der Saalekreis ist nun AfD-Land, eine Hochburg, alle vier Direktmandate gingen an die AfD. Wer hat AfD gewählt? Wahlforscher Roberto Heinrich von infatest dimap sagt: „Der typische AfD-Wähler ist in allen drei Ländern eher männlich, eher mittelalt. Darüber hinaus ist die AfD überdurchschnittlich erfolgreich bei Arbeitern und bei Arbeitslosen. Der AfD-Wähler ist ein Zukunftsskeptiker, also sehr beunruhigt über die Verhältnisse im Land. Wir sehen eine ausgeprägte Ausländerangst bis Ausländerfeindlichkeit, eine ausgeprägte Islamangst beziehungsweise Islamfeindlichkeit.“

Am Markt von Mücheln will kaum einer erzählen, was er warum gewählt hat. Man zieht muffig weiter. Eine jüngere Frau sagt, ja, sie habe AfD und Backhaus gewählt. Warum? „Den kenne ich. Bei dem habe ich Führerschein gemacht.“ Ja aber die AfD? „Sind die anderen besser?“, fragt die Frau und ist schon weiter.

Im Innenhof. Gottfried Backhaus zeigt die alte Scheune mit dem neuen Dach. Ein Hahn schreitet vorbei. In der Hofecke weht die Deutschlandfahne. „Wurde mir auch schon ein paar Mal runtergeholt. Jugendliche“, sagt er. „Ich kann hier nicht einmal sagen, dass ich stolz auf meine Heimat bin“, sagt er. Wer hindere ihn daran? „Ach, die Linken, die Grünen, diese Typen wie der Striegel.“

Der Striegel ist 34, Merseburger, verheiratet, das zweite Kind kommt, Politikwissenschaftler, Landtagsabgeordneter der Grünen, selber Wahlkreis wie Backhaus. Ein kleiner drahtiger Mann, sein Motto hat er vom Vater: „Bleibe im Land und wehre dich täglich.“ Sein Büro ist beim Bahnhof. Es wird von der Polizei videoüberwacht, hat eine verstärkte Fensterfront. Zehn Mal wurde es 2015 angegriffen. Steine flogen, Flaschen, vollgeschissene Windeln. Striegel fährt abends nicht mehr mit dem Zug, er hält sich nicht am Bahnhof auf. Er hat schon etliche Morddrohungen erhalten.

Für Familie Backhaus ist er ein „Giftzwerg“. Ein Spaziergang mit ihm durch Merseburg-West hinter der B91, früher war es das Kosmonautenviertel. Hübsche Häuserzeilen, Viergeschosser, könnten auch in Bad Godesberg am Rhein stehen. 30 Prozent AfD, erzählt Striegel. Kleine Wohnungen, überaltete Mieterschaft, viel Hartz IV. Angekommen an der alten Schule, heute Notunterkunft für Flüchtlinge. Im Herbst wurde sie eingerichtet, die Nachbarn nicht informiert, der Landrat habe sich nicht gekümmert, erzählt Striegel. Er selbst ging hin, verteilte Flugblätter, machte dort seine Bürgersprechstunde, zu der 120 wütende Leute kamen. Es gab bis Januar 105 Demonstrationen, jeden Abend, es flogen Bierflaschen. Heute ist Ruhe, die Polizei kümmere sich, nur noch jeden Abend sechs oder sieben „besorgte Biertrinker“, wie er sagt. „Und Nachbarn haben bei mir angerufen, ob man nicht was gegen die machen kann.“

Ja, „die große Unzufriedenheit im Lande“, sagt er. Die Sonne scheint, es lärmt, gerade ist Sperrmüllabfuhr im ehemaligen Kosmonautenviertel. „Mit Händen zu greifen.“ Vor 30 Jahren habe Sachsen-Anhalt 700.000 Menschen mehr gehabt. „Ich sag’ es mal so: Nicht die Schlechtesten sind gegangen.“ Und dennoch: Die Arbeitslosigkeit im Saalekreis liege unter dem Landesschnitt, es gebe die Chemieindustrie, viele Logistikunternehmen. Seit 1990 seien Milliarden aus dem Westen geflossen. „Wir sind doch objektiv nicht benachteiligt worden.“

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„Man hat hier nie gelernt, wie man politisch streitet“, sagt er. Viele Menschen hätten eine Mentalität, eine Bequemlichkeit und Erwartungshaltung an Politik, die sei irrwitzig. Politik habe zu liefern, aber flott. Selber mitmachen? Er erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die einen Kitaplatz brauchte, zu ihm kam und ihm drohte, wenn er ihr nicht sofort helfe, werde sie bei der Wahl…

Er erzählt nicht weiter. „Was soll man da eigentlich noch machen?“, fragt er. Fakten zählten nicht mehr, man höre dem anderen nicht mehr zu, der Umgangston sei verroht, Pegida und AfD hätten den Rassismus wieder sagbar gemacht. „Die Welt ist nicht komplizierter geworden“, meint er. „Das war sie immer schon. Es wollen nur immer mehr Leute immer einfachere Antworten.“

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