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17. Oktober 2010

Afghanistan: Abziehen ohne Gesichtsverlust

 Von Christine Möllhoff
Mullah Abdul Ghani Baradar, von den Afghanen verhaftet, wurde auf Druck der USA freigelassen. rtr

Die USA wollen Taliban an der Macht in Afghanistan beteiligen, um Rückzug abzusichern. Der Krieg wird immer unpopulärer, teurer und blutiger. Indes muss Obama sich eingestehen, dass seine Strategie zum scheitern verurteilt ist.

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Einsatz in Afghanistan

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Noch im Februar hatten Pakistan und die USA seine Festnahme als spektakulären Schlag gegen die Taliban bejubelt. Nun, acht Monate später, hat Islamabad den Taliban-Kommandeur Mullah Abdul Ghani Baradar angeblich klammheimlich wieder auf freien Fuß gesetzt. Und Washington hat dies offenbar ebenso klammheimlich gebilligt. Dies berichtet zumindest der Internet-Dienst Asia Times, der über gute Drähte nach Pakistan verfügt.

Die Freilassung Baradars, sofern sie stimmt, zeigt, dass man das Endspiel in Afghanistan einläuten will. Sowohl Pakistan als auch die USA hoffen offenbar, dass Baradar, der als vergleichsweise moderat gilt, eine Schlüsselrolle im Friedensprozess am Hindukusch spielen könnte. Er gilt als Nummer zwei hinter Taliban-Chef Mullah Omar, der sich in Pakistan versteckt hält.

Afghanistans Präsident Hamid Karsai hatte jüngst offiziell bestätigt, dass es Gespräche mit den Taliban gibt. Das war weder neu noch ein Geheimnis, wie US-Medien weismachen wollten. Das Neue ist, dass die USA diesmal offenbar hinter Karsais Bemühungen stehen. Isaf-Kommandeur David Petraeus erklärte, man habe „hochrangigen Taliban-Vertretern“ sogar freie Fahrt gewährt, um nach Kabul zu kommen. Auch Pakistan gab grünes Licht: Man unterstützte die Gespräche mit den Taliban, hieß es.

Karsais Spielraum ist aber begrenzt. Formal überlassen die USA und Pakistan zwar Karsai und dem von ihm einberufenen „Friedensrat“ die Kontakte, aber im Hintergrund reklamieren beide Länder das letzte Wort bei einem möglichen Deal. Mit der Festnahme Baradars hatten sie Karsai unmissverständlich klargemacht, dass es keine Gespräche ohne ihren Segen geben wird. So hatten Pakistans Geheimdienst ISI und sein US-Counterpart CIA Baradar am 8. Februar in Karachi festgenommen – nur wenige Wochen vor Karsais Friedensjirga. Damit hatten sie Karsais bereits seit Monaten laufenden Vor-Gespräche kurzerhand blockiert. Angeblich soll Pakistan Baradar in den vergangenen Monaten pfleglich behandelt haben. Unklar ist, ob durch die Festnahme Baradars Glaubwürdigkeit gelitten hat und er die Rolle als Unterhändler von Mullah Omar spielen kann.

Laut Asia times haben die Taliban bestätigt, dass Baradar „sicher bei seinen Leuten“ eingetroffen sei. Petraeus tönte derweil, dass „sehr hochrangige“ Taliban-Anführer auf die afghanische Regierung und andere Länder zugekommen seien.

Damit wollen die USA den Eindruck erwecken, dass die Taliban kriegsmüde und gesprächsbereit sind. Doch an dieser Darstellung darf man Zweifel hegen.

Es scheint eher umgekehrt, dass die USA fast verzweifelt bemüht sind, die Taliban an den Verhandlungstisch zu holen − einerseits, in dem sie den militärischen Druck verstärken. Andererseits haben sie angeblich Saudi-Arabien gebeten, bei den Rebellen anzuklopfen. Die Obama-Regierung will so schnell wie möglich raus aus dem Hexenkessel. Der Krieg wird immer unpopulärer, teurer und blutiger: Obgleich nunmehr 150.000 ausländische Soldaten im Einsatz sind, werden sie der Lage nicht Herr. Die im Februar laut angekündigte „Großoffensive“ im Süden kommt kaum voran, bereits jetzt ist 2010 das mit Abstand verlustreichste Jahr für de Nato-geführte Isaf. Insgesamt kamen seit Jahresanfang mindestens 580 ausländische Soldaten ums Leben.

Der frühere US-Diplomat und Bush-Berater Robert Blackwill ist überzeugt, dass Obama spätestens im Sommer 2011 eingestehen muss, dass seine Strategie gescheitert ist. Derweil sehen sich die Taliban auf der Siegerstraße. In Flugblättern verkünden sie, dass sie bald an die Macht zurückkehren werden. Der US-Präsident selbst hat den Eindruck geschürt, dass der Westen Afghanistan verloren gibt, als er ankündigte, die USA würden Mitte 2011 mit dem Abzug ihrer Truppen beginnen. Die Taliban setzen nun darauf, den Westen einfach auszusitzen.

Für die Supermacht USA geht es vor allem darum, eine gesichtswahrende Lösung zu finden, um nicht − wie einst die Russen − völlig gedemütigt aus dem Land abzuzuziehen. Daher sind sie offenbar bereit, nach neun Jahren Krieg und Tausenden Toten die Taliban in irgendeiner Form an der Macht zu beteiligen.

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