Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sieht in der Kritik der katholischen Bischofskonferenz am Afghanistan-Einsatz eine Unterstützung für Margot Käßmann. "Das ist das erwartete Wort der Solidarität mit der EKD-Ratsvorsitzenden", sagte Käßmanns Vize Nikolaus Schneider am Sonntag der FR. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, hatte zuvor in der FR eine Neubewertung der Lage am Hindukusch und "neue Entscheidungen" gefordert. "So wie bisher kann der Einsatz eigentlich nicht fortgesetzt werden."
Dies, so Schneider, entspreche in der differenzierten Form eines Gastbeitrags Käßmanns Position. Der rheinische Präses hatte zuvor einen Mangel an Rückendeckung für Käßmann beklagt. Als "stillos" verurteilte er die Kritik des evangelischen Militärdekans in Masar-i-Sharif, Hartwig von Schubert, der Käßmann vorwarf, sie habe die Soldaten mit ihren Worten verletzt und ihnen die Solidarität aufgekündigt. Den Inhalt eines Briefs an Käßmann gleichzeitig zu veröffentlichen, "macht mich sprachlos", so Schneider. "Innerkirchliche Diskussion muss sein, auch mit der Militärseelsorge, aber in dieser Art ist sie der nötigen Debatte abträglich."
Seit Käßmanns Dresdner Neujahrspredigt vergeht nun kein Tag ohne solches Wogen von Angreifern und Verteidigern. Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe (SPD), etwa warf Käßmann "populistische Fundamentalkritik" vor. Abgeordnete der Grünen schrieben ihr in einem offenen Brief: "Wir möchten Ihnen gerade angesichts der überzogenen Kritik Mut machen, sich in Zukunft deutlich zu gesellschaftlichen und politischen Fragen zu äußern."
Er halte die Kritik an der Ratsvorsitzenden für "völlig ungerechtfertigt", sagte ihr Vorvorgänger Manfred Kock der FR. "Die Politik muss von etwas ablenken." Er habe die Predigt gehört und nichts gefunden, was unvorsichtig gewesen sei. "Mit keinem Satz hat Frau Käßmann Soldaten diskriminiert."
Zudem unterscheide sich die evangelische Friedensethik nicht von der katholischen, so Kock. Schneider betonte, die Katholiken hätten bereits vor den Protestanten die Doktrin vom "gerechten Krieg" zur Lehre vom "gerechten Frieden" fortentwickelt.Nach Ansicht des Koordinators der Netzwerke Friedensinitiative, Christian Golla, ist die öffentliche Debatte "schwer überfällig". Die Anfragen, die Käßmann "für alle Leute hörbar und verständlich formuliert hat, sind eigentlich Sache der Politik", sagte Golla. Auch die Afghanistan-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik, Citha D. Maaß, begrüßt die Kontroverse um Käßmann als Beitrag dazu, "dass über Sinn und Zweck des deutschen Isaf-Einsatzes offen diskutiert wird."
Die internationale Gemeinschaft habe durch den systematischen Wahlbetrug in Afghanistan an Ansehen eingebüßt, sagte Maaß. Vor diesem Hintergrund sollte es "Aufgabe des Kanzleramts sein, die Ziele des deutschen Engagements neu zu definieren und den militärischen Einsatz neu zu begründen". Maaß ist gerade von einem achtmonatigen Aufenthalt aus Afghanistan zurückgekehrt.Ihrer Ansicht nach sollte der militärische - nicht aber der zivile - Abzug bis 2014 abgeschlossen sein. Präsident Hamid Karsai hatte nach seiner Wiederwahl im November die Hoffnung formuliert, innerhalb der nächsten fünf Jahre selbst für Sicherheit und Stabilität im Land sorgen zu können.
Kanzlerin Angela Merkel (CDU) versteht die Aufregung über Käßmanns Aussagen nach eigenen Worten nicht. "Wir sind ja ein demokratischer Staat, in dem es Meinungsfreiheit gibt. Ich glaube, dass die Einmischung in aktuelle politische Fragen begrüßt werden sollte von der Politik", sagte sie dem TV-Sender Phoenix. Und Käßmann selbst? Sie würde ihre Predigt wieder so halten, bekundet die Bischöfin. Es sei nun einmal Krieg in Afghanistan - und in der deutschen Debatte endlich der Deckel vom Topf. Seite 11
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