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Afghanistan: Einsatz trotz schwerer Bedenken

General Frank Leidenberger hatte vor der Militäroperation in Nordafghanistan, bei der vier Soldaten der Bundeswehr starben, gewarnt. Doch die Isaf-Führung habe seine Bedenken zurückgewiesen. Unterdessen trauert die Isaf-Truppe.

Soldaten aus 19 Ländern erweisen den vier getöteten Deutschen die letzte Ehre.
Soldaten aus 19 Ländern erweisen den vier getöteten Deutschen die letzte Ehre.
Foto: Bundeswehr / dpa

Berlin. Der Einsatz der Bundeswehr in Nordafghanistan, der vier Bundeswehr-Soldaten am Donnerstag das Leben gekostet hat, war entgegen deutlicher Bedenken der deutschen Einsatzleitung durchgeführt worden. Der Kommandeur der deutschen Truppen im Norden Afghanistans, General Frank Leidenberger, habe im Hauptquartier der Nato-Truppe Isaf darauf hingewiesen, dass wegen eines Truppentausches "keine maximale Unterstützung für die Operation zu diesem Zeitpunkt möglich wäre", bestätigte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin einen Medienbericht. Einzelheiten wollte er nicht nennen.

Die Deutschen waren Teil eines multinationalen Einsatzes mit internationalen und afghanischen Truppen, um den Einfluss der Taliban in der Region zurückzudrängen und die Kontrolle über wichtige Brücken zurückzugewinnen.

Spezial: Afghanistan

Die Bundeswehr in Afghanistan. Erstmals befinden sich deutsche Soldaten in einem Kampfeinsatz außerhalb Europas. Verteidigen wir tatsächlich unsere Sicherheit am Hindukusch? Grundlagen, Meinungen, Bilder, Hintergründe im Spezial: Einsatz in Afghanistan

Die Isaf-Führung habe die Bedenken des deutschen Kommandeurs zurückgewiesen und den raschen Beginn des Einsatzes angeordnet, berichtete Bild am Sonntag. Die Bundeswehr habe den Einsatz jedoch wegen des heftigen Widerstandes der Taliban und des unübersichtlichen Geländes für übereilt gehalten. Zudem habe es Zweifel an der Zuverlässigkeit der afghanischen Truppen gegeben. Tatsächlich seien statt der zugesagten 1300 einheimischen Soldaten am Ende nur einige Hundert verfügbar gewesen.

Unverständnis herrsche bei den Deutschen über die Vorschrift, dass alle größeren Einsätze 24 Stunden vorher den afghanischen Behörden gemeldet werden müssten. "Das ist das Todesurteil für viele Kameraden", zitierte die Zeitung einen deutschen Offizier. Deutsche Soldaten sagten unter der Hand in Kabul: "Letztlich bestimmen die Amerikaner das militärische Geschehen. Sie tun im Endeffekt das, was sie wollen."

Der Vorfall dürfte Thema bei einem Treffen zwischen dem Kommandeur der Nato-Truppen in Afghanistan, dem US-General Stanley McChrystal, mit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sein, das am Montag in Berlin geplant war.

Nach den jüngsten Angriffen auf deutsche Soldaten in Afghanistan entbrannte in Deutschland eine neue Debatte über den Abzug der Bundeswehr-Truppen. Allen voran forderte am Wochenende Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) einen raschen Abzug der deutschen Soldaten aus Afghanistan. Rückendeckung erhielt er dabei von Schleswig-Holsteins SPD-Landeschef Ralf Stegner.

Sellering forderte angesichts der jüngsten Angriffe einen raschen Abzug der Bundeswehr vom Hindukusch. "Aus meiner Sicht sollten wir aus Afghanistan so schnell wie nur irgendmöglich raus", sagte er. Der Einsatz dort habe sich zu einem Krieg gewandelt. Darüber aber sei seinerzeit nicht abgestimmt worden. Ähnlich äußerte sich Stegner.

Während die Linke den Schwenk auf sozialdemokratischer Seite begrüßte, warnten Union und FDP vor einem Kurswechsel. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) mahnte, auf solche Debatten zu verzichten. Zwar könne er angesichts der anhaltenden Angriffe auf deutsche Soldaten Zweifel verstehen, "aber wir als verantwortliche Bundesregierung wissen, dass, wenn wir Afghanistan den Terroristen wieder überlassen, sich auch die Sicherheit unserer Bürger erheblich verschlechtert".Scharfer Widerspruch zu den SPD-Forderungen kam auch von der Union.

Grüne und Linke verlangten von Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Regierungserklärung zur Lage in Afghanistan.

Letztes Geleit: ISAF-Truppe trauert um tote Deutsche

20 Fahnen wehen ständig am Ehrenmal für die gefallenen Soldaten im "Camp Marmal" in Masar-i-Scharif. 18 Nationalflaggen der Internationalen Schutztruppe Isaf, die afghanische Fahne und die der Nato. Eine davon wird an diesem Sonntagnachmittag im Isaf-Hauptquartier für Nordafghanistan auf Halbmast gehisst. Es ist die deutsche Flagge, mit der auch die Särge bedeckt sind, die langsam mit Militärfahrzeugen in die Mitte des Appellplatzes vor dem Ehrenmal gefahren werden.

Soldaten mit schwarzen Armbinden tragen Bilder der vier Bundeswehrsoldaten, die am Donnerstag bei Kämpfen mit den radikal-islamischen Taliban in der Provinz Baghlan gefallen sind. Sie waren zwischen 24 und 38 Jahre alt. Insgesamt haben sich 700 Soldaten auf dem Appellplatz versammelt. Etwa 800 weitere bilden das Ehrenspalier bis zum Flugplatz. General Frank Leidenberger, beginnt seine Rede in Englisch.

Er findet klare Worte für das, was vor drei Tagen passiert ist. Die Anschläge seien von "schamlosen, feigen" Männern verübt worden, sagte er. "Ihr Heiliger Krieg ist nichts anderes als Brutalität und Zerstörung, die der afghanischen Bevölkerung Leid bringen." Genauso deutlich wird Generalinspekteur Volker Wieker in seiner Rede. Er spricht von "menschenverachtender Skrupellosigkeit" der Taliban. Man habe es mit einem Gegner zu tun, "der sich zum eigenen Schutz mit der zivilen Bevölkerung umgibt, dessen Kampfweise durch Anschlag, Hinterhalt und Sprengfalle bestimmt wird".

Die vier Gefallenen erhalten bei der Trauerfeier posthum die Ehrenmedaille der Bundeswehr. "Von ihnen nehmen wir nun Abschied, als wäre es ein Stück von uns", sagt Wieker. Von Masar-i-Scharif werden die Särge zunächst ins usbekische Termes gebracht. Wann es nach Deutschland weitergeht, ist angesichts der Vulkanwolke über Europa noch ungewiss.

Oberst Matz: "Die Truppe bricht aber nicht in sich zusammen"

Die Soldaten in Afghanistan trauern zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen. Am Ostersonntag nahmen sie in Kundus und Masar-i-Scharif von drei Fallschirmjägern Abschied, die am Karfreitag in einen Hinterhalt der Taliban starben.

Lagerpastor Michael Weeke beschreibt die Stimmung im "Camp Marmal" als "eine Mischung aus Niedergeschlagenheit, Trauer, sich Zurückziehen, aber auch Wut, betont Fröhlichsein". Trotzdem sind die deutschen Soldaten weit davon entfernt, das Sterben von Kameraden als Normalität wahrzunehmen oder gar zu akzeptieren. "Bei einer solchen Nachricht ist die Truppe natürlich geschockt", sagt Oberst Michael Matz, Kommandeur der sogenannten "Quick Reaction Force" ("schnelle Eingreiftruppe"), die ständig in gefährlichen Einsätzen unterwegs ist. "Die Truppe bricht aber nicht in sich zusammen."

Diese Haltung hat auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) bei seinen Gesprächen mit den Soldaten während seiner Afghanistan-Reise erfahren. Für die Soldaten, die in die blutigen Gefechte vom Karfreitag verwickelt waren, gab es kaum eine Pause. 14 Mitglieder des Fallschirmjägerzuges, der in den Hinterhalt der Taliban geraten war, flogen zwar mit den Gefallenen nach Hause und nahmen an der Trauerfeier in Deutschland teil. Nach einer Woche waren sie aber schon wieder zurück in Kundus im Einsatz. "Wir nehmen Anteil, und machen dann in der gleichen Professionalität weiter", sagt Oberst Matz.

Was die Soldaten allerdings beschäftigt, ist die Unterstützung aus der Heimat. Umfragen zeigen weiterhin, dass eine Mehrheit der Deutschen für den Abzug aus Afghanistan ist. Auch politische Forderungen aus der Opposition nach einem baldigen Ende des Einsatzes sorgen bei den Soldaten für Unmut. Bei der Trauerfeier in Masar-i-Scharif warnt Generalinspekteur Wieker am Sonntag vor einer Fortsetzung der innenpolitischen Debatte in Deutschland über den Sinn und die Dauer des Afghanistan-Einsatzes.

Die Taliban betrachteten es als "strategisches Ziel", den Rückhalt der nach Afghanistan geschickten Soldaten in der Heimat sowie die Entschlossenheit von Regierung und Parlament zu beeinträchtigen. Der Gegner wolle "eine öffentliche Debatte in Deutschland, deren Dramaturgie er durch Zeit, Ort und Wahl der Mittel" bestimmen könne. "Aber das dürfen und das werden wir nicht zulassen, um unserer Sicherheit und der afghanischen Bevölkerung Willen", sagt Wieker.rtr/ddp/dpa

Datum:  18 | 4 | 2010
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