Für Hamid Karsai war es nicht gerade der Willkommensgruß, den er sich für diesen Dreier-Gipfel erhofft hatte. „Jetzt ist die Zeit, zu der die Taliban die westlichen Truppen in Afghanistan besiegen werden,“ verkündete großspurig Maulana Sauil Haq am Donnerstag, als der afghanische Präsidenten in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad eintraf. „Wenn Pakistan, Afghanistan und der Iran entschlossen zusammenstehen und die fremden Truppen rauswerfen, wird das der Region Frieden und Stabilität bringen.“
Schlechter konnte der Auftakt zum Regionalgipfel Pakistans mit dem Iran und Afghanistan kaum geraten: Haq, der „geistige Vater“ der Taliban und einer der Gesprächspartner Karsais in Pakistan, ruft zum Kampf gegen die Alliierten in Afghanistan auf. Die Amerikaner fliegen im Norden Pakistans erneut zwei Drohnen-Angriffe, töten mindestens 13 Menschen und fachen damit die ohnehin aufgeheizte anti-amerikanische Stimmung noch weiter an. Irans Staatschef Mahmud Ahmadinedschad sieht sich gerade Verdächtigungen ausgesetzt, sein Land stehe hinter den Bombenanschlägen in Indien, Georgien und Thailand.
Pakistan diente noch zu Kolonialzeiten als Aufmarschgebiet für britische Feldzüge gegen
Afghanistan. Als die Sowjetunion 1979 Truppen nach Afghanistan schickte, formierten sich auf pakistanischem Gebiet mit Hilfe der CIA die Mudschaheddin-Verbände, die den Kampf gegen die Besatzer aufnahmen.
Der Iran litt ebenso wie Pakistan unter dem Zustrom afghanischer Bürgerkriegsflüchtlinge. Ihm ist an Stabilität im Nachbarland gelegen – und an einem schnellen Abzug der US-Truppen. Als Verbündeter der schiitischen Minderheit in Afghanistan hegt Iran Misstrauen gegen den Dogmatismus der sunnitischen Taliban.
„Alle wollen Frieden“
Und zu allem Überfluss befindet sich Pakistans Regierung nach der Eröffnung eines Gerichtsverfahrens gegen Ministerpräsident Yousuf Raza Gilani in einer innenpolitischen Zerreißprobe, islamische Extremisten und rechtsradikale Gruppierungen bekommen Oberwasser. Kurz: Das Treffen, bei dem es um die Möglichkeit von Friedensgesprächen mit den Taliban gehen sollte, stand von Beginn an unter einem schlechten Stern.
Pakistan spielt in diesem Prozess eine Schlüsselrolle: In einem am Donnerstag veröffentlichten Interview des Wall Street Journal erklärte Karsai, es habe erste Gespräche zwischen Unterhändlern der USA, Regierungsvertretern aus Kabul und Abgesandten der Taliban über die Zukunft Afghanistans gegeben. Der Präsident scheint überzeugt zu sein, dass auch die Taliban Interesse an einem friedlichen Übergangsprozess nach dem Abzug der Schutztruppen des Westens haben. „Alle Menschen in Afghanistan wollen Frieden, auch die Taliban,“ beteuerte er in dem Interview.
Der Erfolg dieser Friedenssondierungen hängt nach Ansicht von Experten entscheidend von der Rolle Pakistans ab. Das verdeutlichte Karsai dem Wall Street Journal mit dem Hinweis, eine konstruktive Rolle Pakistans „würde die ganze Sache leichter machen“.
Der pakistanische Außenminister Hina Rabbani Khar forderte Karsai schon vor dem Treffen auf, klipp und klar zu sagen, was er von Pakistan erwarte. Sein Land werde Afghanistan jede erdenkliche Unterstützung geben.
Doch die Skepsis westlicher Beobachter ist groß: Das fast schon traditionell krisengeschüttelte Pakistan galt in der Vergangenheit immer als ein treuer Verbündeter der Taliban – viele Strukturen wurden noch aus der Zeit der sowjetischen Besetzung Afghanistans teilweise von den gleichen Kämpfern weitergeführt oder übernommen. Auch heute wird das Land nach Ansicht westlicher Experten trotz aller gegenteiligen Beteuerungen aus Islamabad noch immer als Rückzugsraum und Operationsbasis von Terrorgruppen wie Al Kaida und dem Haqqani-Netzwerk genutzt. In jüngster Zeit hat es mehrere Demonstrationen gegeben, bei denen militante islamistische Gruppen zum Kampf gegen die USA und zur entschlossenen Verteidigung des Islam aufriefen. Die Rolle des pakistanischen Geheimdienstes ISI in dem Konflikt bleibt ebenfalls undurchsichtig. Einerseits soll er die Taliban bekämpfen, andererseits leistet er ihnen angeblich Waffenhilfe.
Der Bruder und sein Doppelspiel
Karsais Verhältnis zum Nachbarn Pakistan ist gespalten. Ende Oktober 2011 hatte er noch verkündet: „Pakistan ist unser Bruder.“ Wenn es jemals zu einem Krieg zwischen den USA und Pakistan kommen sollte, „wird Afghanistan Pakistan zur Seite stehen“. Vor der Afghanistan-Konferenz im Dezember in Bonn warf er den Pakistani dagegen vor, sie spielten ein doppeltes Spiel und verbrüderten sich mit den Taliban. „Solange sich das nicht ändert, wird es wohl keine Friedensgespräche geben“, sagte er damals. Vielleicht findet er bei seinem Besuch in Islamabad die Antwort, wo Pakistan wirklich steht.
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