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Afghanistan-Konferenz: „Frieden in Afghanistan bis 2014? Eine Illusion“

"Die Afghanen haben jetzt drei Jahre Zeit sich vorzubereiten", sagt Tom Koenigs zum bevorstehenden Truppenabzug. "Dann müssen sie es können." Foto: dapd

Vertreter von 85 Staaten beraten in Bonn über die Zukunft Afghanistans. Binnen drei Jahren sollen die ausländischen Kampftruppen abziehen. Hilfe wird der Staat noch viel länger brauchen. Der Afghanistan-Experte Tom Koenigs über die Perspektiven nach dem Isaf-Abzug.

Herr Koenigs, ist die Afghanistan-Konferenz in Bonn nach der Absage Pakistans noch sinnvoll?

Die Konferenz hat durch die Absage einen großen Dämpfer bekommen. Das Land ist der wichtigste Nachbar Afghanistans – ökonomisch und sicherheitspolitisch. Ohne das Zutun Pakistans wird es in Afghanistan keine Ruhe geben.

Müsste es deshalb nicht eher eine Pakistan-Konferenz geben?

Es wäre interessant, eine Pakistan-Konferenz zu machen. Die internationale Gemeinschaft kann aber während des Treffens in Bonn auch ohne Pakistan vorankommen, wenigstens bei einigen Themen. Zum Beispiel kann es in Bonn eine Antwort auf die Frage geben, wie die Rolle der zivilgesellschaftlichen Organisationen jetzt und in der Zeit nach dem geplanten Abzug der Kampftruppen Ende 2014 gestärkt werden kann. Außerdem muss der beschlossene Abzug deutlicher definiert werden. Gegenwärtig werden Polizei und Militär in Afghanistan weitgehend international finanziert. Wie wird das nach dem Abzug sein? Diese Fragen müssen jetzt beantwortet werden. Das geht zur Not auch ohne Pakistan.

Das hört sich so an, als ob Sie viel von der Konferenz erwarten. Allein, in den letzten zwei Jahren haben wir eine Reihe solcher Treffen erlebt. Große Veränderungen sind aber ausgeblieben.

Solche Konferenzen leisten oft zwar nur einen kleinen Beitrag. Aber sie setzen die Teilnehmer unter einen gewissen Zwang, sich festzulegen und Verantwortung zu übernehmen. Bei der Anrainerkonferenz in Istanbul haben sich die Verantwortlichen sehr deutlich nur auf die regionalen Organisationen bezogen. Die Message war: Wir lösen unsere Probleme selbst. Das ist die Zukunft. Man hat zusätzlich gesagt, für einen Vermittlungsprozess sollte man die Vereinten Nationen in den Mittelpunkt rücken. Das sind richtige und wichtige Punkte, deren Umsetzung die Bedingungen für Frieden in der Region und in Afghanistan schaffen wird. Aber für sich genommen lösen sie natürlich nicht den Konflikt.

        

Tom Koenigs, 67, war von 2006 bis 2007 UN-Sonderbeauftragter für Afghanistan. Heute ist er Grünen- Bundestagsabgeordneter.
Tom Koenigs, 67, war von 2006 bis 2007 UN-Sonderbeauftragter für Afghanistan. Heute ist er Grünen- Bundestagsabgeordneter.
Foto: dapd

Seit fast zwei Jahren will die internationale Gemeinschaft mit den Taliban sprechen. In Bonn sind die Taliban aber nicht dabei. Ist das ein Fehler?

Dass man in Bonn mit den Taliban nicht verhandeln kann, ist selbstverständlich. Die würden verhaftet, denn jeder deutsche Polizist müsste sie verhaften. Bevor man verhandelt, muss man einen Ort finden, wo verhandelt werden kann. Das ist schwierig. Ich hoffe auch, dass ein Beschluss des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen vorbereitet wird, wonach verhandelt werden soll. Dann wäre es einfacher, die Voraussetzungen für Gespräche zu schaffen.

Worüber muss mit den Taliban verhandelt werden?

Die Taliban haben bereits gesagt, was sie wollen: Abzug der internationalen Truppen, Freilassung der Gefangenen in Guantanamo und in Afghanistan, ein Waffenstillstand, politische Anerkennung und Scharia.

Gibt es jemanden unter den Taliban, der die Prokura für Verhandlungen hat?

Zunächst stellt sich die Frage, wer auf unserer Seite verhandelt. Das muss zunächst die afghanische Regierung sein. Die Taliban werden verlangen, dass die US-Amerikaner ebenfalls am Tisch sitzen. Iran und Pakistan sollten auch dabei sein.

Und die andere Seite?

Die Taliban sind eine politische Bewegung, die sich aus verschiedenen Akteuren zusammensetzt. Davon wird man nur einen Teil zu Verhandlungen bekommen. Aber auch graduelle Verhandlungsergebnisse sind dann politische Realitäten. Auch den Taliban ist inzwischen klar, dass es nichts mehr wird mit dem Emirat Kandahar. Die Taliban wissen, dass sie in ihrer eigenen Regierungszeit ökonomisch und politisch gescheitert sind und dass sie nicht die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich haben. Es ist also möglich, mit einem Teil der Taliban zu verhandeln. Die Sache wird umso dynamischer, je größer dieser Teil ist.

Und was kann dabei herauskommen?

Hoffentlich etwas Gutes. Aber eines muss man klar sagen: Wer darauf hofft, dass in den nächsten drei Jahren Afghanistan so befriedet werden könnte, dass es nirgends im Land mehr bewaffnete Konflikte gibt, der gibt sich Illusionen hin. So etwas hat es in den letzten hundert Jahren noch nie in Afghanistan gegeben.

Verfolgen die Taliban mit ihren Attentaten auf afghanische Persönlichkeiten nicht eher das Ziel, Friedensverhandlungen zu verhindern?

Immer wenn ein Friedensprozess durch Verhandlungen ein wenig vorankommt, ruft das die Störer auf den Plan. In Palästina kann man das studieren: Immer wenn es so aussieht, als ob es vorangehen könnte, schießt entweder die Hamas Raketen nach Israel, oder der israelische Premier Benjamin Netanjahu beschließt, eine weitere Siedlung bauen zu lassen. Es gibt auch Störungen, die ungewollt sind – wie jetzt das Bombardement durch US-Einheiten auf den pakistanischen Grenzposten.

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Datum:  5 | 12 | 2011
Seiten:  1 2
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