kalaydo.de Anzeigen

Afghanistan-Konferenz in London: Deutschland gehorcht den USA

Noch einmal schickt der Westen mehr Soldaten, mehr Ausbilder, mehr Geld, auch wenn der Militäreinsatz immer schwerer zu rechtfertigen ist. Deutschland folgt dabei den Forderungen der USA. Ab 2014 soll Afghanistan dann selbst für Ruhe sorgen können.

Noch einmal schickt der Westen mehr Soldaten, mehr Ausbilder, mehr Geld, auch wenn der Militäreinsatz immer schwerer zu rechtfertigen ist.
Noch einmal schickt der Westen mehr Soldaten, mehr Ausbilder, mehr Geld, auch wenn der Militäreinsatz immer schwerer zu rechtfertigen ist.
Foto: afp

LONDON. Hamid Karsai will an diesem Tag nichts dem Zufall überlassen. Als der afghanische Präsident am Morgen das feudale Lancaster House im vorfrühlingshaften London betritt, um sich mit knapp 70 Außenministern zur x-ten Afghanistan-Konferenz seit dem Sturz der Taliban zu treffen, trägt Karsai den selben schwarz-grün-blau-gestreiften Umhang und die selbe graue Schaffellmütze, mit denen der 52-Jährige einst bei der Bonner Petersberg Konferenz zum Hoffnungsträger wurde, 2001 war das.

Der Petersberg markierte so etwas wie den Beginn der internationalen Unterstützung für das Land am Hindukusch, nun soll, gut acht Jahre später, die Londoner Konferenz ein Wendepunkt sein. "Dies ist eine entscheidende Zeit", sagt der britische Premierminister Gordon Brown zur Eröffnung des eintägigen Treffens, "wir müssen jetzt die Grundlagen dafür schaffen, dass Afghanistan in afghanische Verantwortung übergehen kann." Präsident Karsai wird kurz darauf selbst von "afghanischer Führung" und dem "afghanischen Gesicht" sprechen, das endlich den Einsatz am Hindukusch prägen müsse.

Wirbt für sein Land mit einem Sechs-Punkte-Plan. Afghnaistans Präsident Hamid Karsai.
Wirbt für sein Land mit einem Sechs-Punkte-Plan. Afghnaistans Präsident Hamid Karsai.
Foto: getty

London soll auch deshalb der Wendepunkt für die internationale Afghanistan-Strategie werden, weil in den westlichen Hauptstädten im neunten Jahr des Einsatzes die Ungeduld wächst. Die Fortschritte beim Wiederaufbau sind dürftig, angesichts der damals auf dem Petersberg hoch gesteckten Erwartungen und des enormen finanziellen Aufwands. Die Macht der Zentralregierung unter Karsai erstreckt sich kaum über Kabul hinaus; Korruption ist in allen Teilen des Landes und auf allen Ebenen der Regierung zu finden.

Hinzu kommt, dass sich die Sicherheitslage in Afghanistan verschlechtert, wie der Kommandeur der Afghanistan-Schutztruppe Isaf, Stanley McChrystal, in London offen eingesteht. Angesichts der wachsenden Zahl getöteter Soldaten und Zivilisten steigt der Unmut der Alliierten. Der Militäreinsatz ist zuhause immer schwerer zu rechtfertigen.

Es geht um Afghanistans Zukunft

Bildergalerie ( 11 Bilder )

Deutschland gehorcht den USA

Doch McChrystal gibt sich am Donnerstag überzeugt, in diesem Jahr "eine Trendwende" erreichen zu können: mehr Sicherheit für das Land und eine Schwächung der Taliban - wenn, ja wenn die Alliierten, wie geplant, noch einmal mehr Soldaten schicken, die vor allem die afghanische Armee ausbilden sollen, und parallel die Mittel für den zivilen Wiederaufbau deutlich erhöhen.

McChrystal wirbt für ein Konzept, das er selbst entwickelt hat. In London zeigt sich, wie eng sich die Bundesregierung bei der Formulierung ihrer neuen "Afghanistan-Strategie" an seine Vorgaben gehalten hat. 850 zusätzliche Soldaten will Berlin an den Hindukusch schicken, die Ausbildung intensivieren, aus den Feldlagern in die Fläche ausrücken, die Mittel für den Wiederaufbau verdoppeln und ein internationales Programm für ausstiegswillige Taliban mitfinanzieren. Bis aufs Komma entspricht die Strategie, mit der Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) nach London gereist ist, den Vorstellungen, die McChrystal mit den internationalen Unterhändlern in den vergangenen Monaten erarbeitet hat.

Hamid Karsai mag längst den Nimbus des Hoffnungsträgers verloren haben, doch er weiß sich nach wie vor auf internationalen Konferenzen geschickt zu inszenieren. Der Präsident stellt einen Sechs-Punkte-Plan vor, der genau jene Versprechen enthält, die die ungeduldigen Alliierten von ihm hören wollen: Frieden, Versöhnung, eine regionale Sicherheitsstrategie, die Pakistan einschließt, wirtschaftliche Entwicklung, eine Stärkung der staatlichen Institutionen und den Kampf gegen die Korruption. All dies solle erreicht werden, damit die Afghanen in fünf Jahren eigenständig für ihr Land und die Sicherheit verantwortlich sein können.

Konkrete Selbstverpflichtungen

"Karsai hat genau das gemacht, was wir jetzt brauchen", heißt es erleichtert in der deutschen Delegation: Konkrete Selbstverpflichtungen als Gegenleistung für erneute Hilfszusagen der internationalen Gemeinschaft. So steht es am Ende auch im zehnseitigen Abschlussdokument der Konferenz. Dafür darf Kabul die Hälfte der internationalen Aufbauhilfe künftig selbst verteilen.

US-Außenministerin Hillary Clinton lobt Karsais Auftritt. Nun sei es aber nötig, hebt Clinton hervor, "dass diesen Versprechen auch Taten folgen". Und Westerwelle ergänzt später: "Wir werden Karsai beim Wort nehmen." Im späteren Frühjahr wollen sich die Außenminister in Kabul treffen, um weitere konkrete Schritte zu vereinbaren. Ihr Ziel: 2014 sollen die Afghanen selbst für ihre Sicherheit sorgen können. Das klingt nicht zufällig nach einem sehr konkreten Abzugsdatum für die internationalen Truppen.

Autor:  Steffen Hebestreit
Datum:  28 | 1 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!