Pakistan hat nach dem tödlichen Grenzzwischenfall vom Wochenende, bei dem 24 seiner Soldaten von der Nato getötet wurden, seine Teilnahme an der sogenannten Bonn-Konferenz zu Afghanistan abgesagt. Das Kabinett in Islamabad beschloss am Dienstag, die kommende Woche beginnende Konferenz zu boykottieren.
Bundeskanzlerin Angela Merkel bedauerte die Absage des einflussreichen Afghanistan-Nachbarn und will sich bemühen, die pakistanische Regierung umzustimmen. Die Konflikte könnten nur in der Region gelöst werden, und Pakistan sei Teil der Region, betonte sie. Sie messe der Bonner Konferenz große Bedeutung bei und werde sich weiter um eine Teilnahme des Landes bemühen. „Wir müssen schauen, ob wir noch etwas machen können“, erklärte die Kanzlerin. Das Auswärtige Amt sprach von einem Rückschlag für die Bemühungen um einen regionalen Ausgleich. Außenminister Guido Westerwelle dringe auf eine lückenlose Aufklärung des Vorfalls an der afghanisch-pakistanischen Grenze, erklärte ein Sprecher.
Fürsprecher der Taliban fehlt
Zehn Jahre nach dem Sturz der Taliban will die hochrangig besetzte Afghanistankonferenz am Montag in Bonn über die Zukunft des Landes nach dem Abzug der internationalen Kampftruppen Ende 2014 beraten. Zu den Teilnehmern des Treffens, das Merkel eröffnen wird, zählen US-Außenministerin Hillary Clinton, UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und der afghanische Präsident Hamid Karsai. Ursprünglich hatte sich auch Pakistans Außenministerin Hina Rabbani Khar angesagt.
Während sich die Nato und die USA nach dem Grenzzwischenfall Sorgen um den Nachschub machen müssen, der zu 50 Prozent über pakistanische Straßen nach Afghanistan rollt, droht nun ein weitaus größerer diplomatischer Schaden. Denn bei der Bonn-Konferenz, zu der 90 Länder erwartet werden, sind die Talibanmilizen nicht eingeladen. Pakistan wäre deshalb in die Rolle des Fürsprechers der radikalislamischen Milizen gerutscht.
Außerdem vertritt die Regierung in Kabul die Meinung, dass Islamabad bei Verhandlungen für eine politische Lösung nach dem Abzug westlicher Kampftruppen im Jahr 2014 eine Schlüsselrolle spielt. Nahezu alle Bemühungen um einen Dialog jenseits der Bonn-Konferenz waren in den vergangenen Monaten geplatzt. Gespräche, die ein Taliban-Vertreter im Sommer in Deutschland mit den USA führte, drehten sich nach Talibanangaben um die Freilassung eines in Gefangenschaft befindlichen US-Soldaten.
Zorn wird weiter geschürt
Die Nato, deren Soldaten bei dem Zwischenfall nahe dem Örtchen Salala in der Stammesregion Mohmand nicht zum ersten Mal zunächst schossen und anschließend erst fragten, erwies zudem der gewählten Regierung in Islamabad einen Bärendienst. Denn Pakistans Generäle, die erst vor einem halben Jahr bei der US-Kommandoaktion gegen Al Kaida-Gründer Osama bin Laden in der Garnisonsstadt Abbottabad blamiert wurden, können sich jetzt in der eigenen Öffentlichkeit als Opfer darstellen.
Und sie bestimmen die öffentliche Diskussion. Der Zorn wird mit neuen Informationen über den Vorfall weiter geschürt. Danach schossen und bombardierten Hubschrauber und Kampfflugzeuge auch dann noch die der Nato bekannten pakistanischen Stellungen, als Offiziere auf offiziellen Kanälen versuchten, die Schießerei zu stoppen.
Die Welle der Empörung in Pakistan ist zudem Wasser auf die Mühlen der politischen Gruppierungen, die seit Wochen gegen den Einsatz unbemannter Drohnen des US-Geheimdienstes CIA und die Zusammenarbeit mit den USA protestieren. Insbesondere die Partei PTI des früheren Cricket-Stars Imran Khan spielt dabei eine prominente Rolle. Am Dienstag demonstrierten seine Anhänger in Islamabad. Eine Parole: „Schluss mit der Doppelmoral der Regierenden“. (mit rtr)
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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