Das 46 Kilometer lange Teilstück der Landstraße von dem südafghanischen Grenzort Spin Boldak nach Kandahar ist ein kleines Wunderwerk. Es wurde vor zehn Monaten fertiggestellt, ohne dass es einen einzigen Angriff der radikalislamischen Talibanmilizen gab.
Dabei sind sie in den zerklüfteten Felswüstenhügel der Umgebung so stark vertreten, dass Afghanen unbewaffneten Ausländern eine Überlebenschance von nicht mehr als 60 Prozent für die Strecke geben. Immer wieder werden Lastwagenkonvois mit Nachschub für ausländische Truppen in Kandahar angegriffen.
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Den friedlichen Straßenbau mitten im Krieg erklärt einer der beteiligten Unternehmer so: "Einem Dorf entlang der Straße haben wir einen Brunnen gebohrt. Ein anderes bekam einen Traktor. Ein Drittel meines Profits habe ich als Schutzgeld an Taliban gezahlt." Das Geld stammte zum großen Teil aus der Kasse von Nato-Ländern, die gegen die Milizen kämpfen, unter anderem aus Kanada. Das 46 Kilometer lange Teilstück der Trasse kostete elf Millionen US-Dollar. Zwei Millionen zahlte die Regierung in Kabul, die restlichen neun Millionen wurden gemeinsam von den USA, Kanada und Japan aufgebracht.
Westliche Staaten, die im Rahmen der Internationalen Schutztruppe Isaf Afghanistans Taliban bekämpfen, helfen auf diese Weise bei der Finanzierung der radikalislamischen Milizen. "Es ist ganz klar, dass die Schutzgeldpraxis weit verbreitet ist", sagt ein Kenner der Regierungsgegner in Kandahar, "die Einkünfte werden für Waffenkäufe, Munition und die Versorgung der Kämpfer verwendet."
Der afghanische Bauunternehmer in Kandahar, der die Straße baute, will die genaue Summe des gezahlten Schutzgelds nicht nennen. Laut einem ausländischen Berater, der seit vier Jahren bei internationalen Projekten im Süden Afghanistans tätig ist, sind die Summen beträchtlich. "Wir zahlen zwischen 20 und 30 Prozent des Auftragsvolumens an Taliban, damit wir unsere Projekte verwirklichen können. Die meisten Aufträge lassen den nötigen Spielraum."
Ausländische Regierungen sowie staatliche und private Hilfsorganisationen beauftragen bei Infrastrukturprojekten und Bauvorhaben afghanische Firmen mit der Ausführung. Deren Besitzer und Mitarbeiter führen die Verhandlungen vor Ort mit den Talibanmilizen.
Geht es um Projekte im Süden Afghanistans in der Nähe der Grenze, finden die Gespräche in der pakistanischen Stadt Quetta statt. Dort sitzt die Führung der Aufständischen. Bei Großprojekten müssen Unternehmer bei Verhandlungen Pläne und Ausschreibungsunterlagen von Ingenieuren der Talibanmilizen prüfen lassen, bevor die Höhe des Schutzgelds festgelegt wird.
Es gibt keine genauen Schätzungen über den Umfang der Mittel, die auf diese Weise aus dem Steuertopf von Nato-Ländern in die Taschen der Talibanmilizen fließen. Aber die Praxis ist in den 25 der 34 afghanischen Provinzen, die vom Krieg betroffen sind, weit verbreitet.
Das gilt für britische Geber in der Provinz Helmand, in der englische Soldaten in heftige Kämpfe mit Taliban verwickelt sind. Kanada, das Truppen im Süden stationiert hat, schaut weg, wenn die "Schutzgeld"-Praxis angewendet wird. Bei US- Projekten sieht es nach Auskunft von Kennern nicht anders aus.
Die deutsche GTZ antwortete auf Anfrage: "Wir machen das nicht mit. Wir arbeiten nicht mit Taliban zusammen. Generell gilt, dass wir finanzielle Forderungen nicht erfüllen." Ob die deutsche Organisation tatsächlich weiß, wie ihre afghanischen Partnerunternehmen agieren, ist fraglich. Außerdem ist die Tochterfirma "GTZ International Services" im Süden Afghanistans bei Projekten tätig, deren Verwirklichung ohne stille Einwilligung der lokalen Talibanmilizen unmöglich wäre.
Kandahar, Mitte der 90er Jahre die Wiege der Taliban, ist beispielsweise so stark von den Milizen infiltriert, dass sie die Stadt jederzeit in ein Chaos verwandeln könnten. Das sagt Ehsan Mohammed, stellvertretender Vorsitzender des dortigen 15-köpfigen Provinzrats. Selbst Betreiber von kleinen Hotels, in denen Ausländer absteigen, überleben dank stillschweigender Absprachen mit den Rebellen.
"Vielen Gebern scheint am wichtigsten, dass die Projekte umgesetzt werden", sagt der ausländische Straßenbauberater, der selbst schon Schutzgeldzahlungen abhakte, "sie wissen Bescheid und sie stoppen die Praxis nicht." Die Schutzgeldzahlungen erleben deswegen in der gegenwärtigen Phase einen ungeahnten Boom. Denn der gerade anlaufende "AfPak"- Plan der US-Regierung sieht eine massive Erhöhung von Hilfsgeldern vor.
Die gigantische Geldwaschmaschine, der Afghanistan dank Drogenwirtschaft, Korruption, Waffenhandel, überzogener Preise, Spitzenlöhnen für ausländische Berater und Schutzgeldzahlungen für Taliban gleicht, dürfte deshalb in den kommenden Monaten heiß laufen. Die Mitarbeiterin eines britischen Investitionsförderprogramms sagt angesichts der Geschäftstüchtigkeit der Milizen: "Ich weiß nicht, ob es den Taliban um Religion oder nur um Geld geht."
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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